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Nordische Filmtage Lübeck 2010

52. Nordische Filmtage Lübeck 2010. D 2010. L: Linde Fröhlich.
Lübeck, 3. – 7.11.10
Gewann den Hauptpreis in Lübeck: Pernilla Augusts Svinalängorna (© Heppfilm)

Zwischen den Stühlen

Von Jens Dehn Mit rund 27.000 Zuschauern konnten die Nordischen Filmtage 2010 einmal mehr einen Publikumsrekord verbuchen. Das ist in diesem Jahr besonders bemerkenswert, denn was Sparzwänge angeht, macht Lübeck im Vergleich zu anderen Festivals keine große Ausnahme. Kürzungen des Schleswig-Holsteinschen Landeszuschusses haben die Verantwortlichen gezwungen, den Gürtel enger zu schnallen. Die Besucher haben davon jedoch wenig zu spüren bekommen: Das Programm der 52. Nordischen Filmtage war mit 140 gezeigten Arbeiten wieder randvoll gepackt.

Im Wettbewerb kämpften diesmal 17 Spielfilme um Auszeichnungen. Ausreißer nach unten waren erfreulicher Weise kaum dabei, im Gegenteil: die Qualität und Innovationsfreude der gezeigten Filme lagen weit über dem Durchschnitt. Das unterstreichen auch die prominenten Namen, die sich dem Wettbewerb stellten: unter anderen Bent Hamer, Fridrik Thór Fridriksson, Dänemarks Wunderkind Christopher Boe und der finnische Altmeister Jörn Donner präsentierten in Lübeck ihre neuen Werke. Der Hauptpreis ging an Der Schweinestall aus Schweden. Noomi Rapace spielt die Hauptrolle in dieser Verfilmung eines Romans von Susanna Alakoski. Als Leena erinnert sie sich auf dem Weg zum Sterbebett ihrer todkranken Mutter an ihre Jugend in einem Vorort von Ystad, den man heute als »sozialen Brennpunkt« bezeichnen würde und der in Schweden umgangssprachlich als »Schweinestall« bekannt ist. Mit ihren aus Finnland eingewanderten Eltern und dem kleinen Bruder lebt sie dort in desolaten Verhältnissen und muß mit ansehen, wie die Familie zusehends am Alkoholismus der Erwachsenen zerbricht.

Der Schweinestall ist das Langfilmdebüt der Schauspielerin Pernilla August, die hierzulande vor allem aus Bergmans Fanny und Alexander und Die besten Absichten ihres damaligen Ehemannes Bille August bekannt ist. Den Falschen hat es mit dem Schweinestall ganz sicher nicht getroffen: August hat ein erstaunlich stilsicheres Regiedebüt abgelegt, das gute Schauspielführung und ein sensibler Blick auf die zerrissene Gefühlswelt der Kinder auszeichnen. Allerdings ist die Wahl auch eine konventionelle. Man hätte der Jury etwas mehr Mut gewünscht, waren doch mit der dänischen Produktion Eksperimentet und vor allem dem aufregenden Between two Fires aus Schweden zwei Filme im Wettbewerb, die aufgrund ihrer sozialen und politischen Thematik aktuelle Sichtweisen und Kommentare auf die momentane Migrationsdebatte abgeben.

Das Experiment hat in den 1950er Jahren tatsächlich stattgefunden: eine Gruppe grönländischer Kinder wurde damals ihren Eltern entrissen und nach Dänemark zu Pflegefamilien gebracht. Dort blieben sie ein Jahr, ehe der dänische Staat sie in die Heimat zurückbrachte. Allerdings nicht zu ihren Angehörigen, sondern in ein Pflegeheim. Ziel des Ganzen: dank ihren Erfahrungen in Dänemark sollten die Kinder unter dem Motto »Ein Land – ein Volk – eine Sprache« zur »Elite« Grönlands herangebildet werden. Das Experiment scheiterte: die Kinder verlernten in der Fremde ihre grönländische Muttersprache, wurden weder in Dänemark noch in Grönland akzeptiert und litten teilweise ein Leben lang unter der Entwurzelung.

Between two Fires der gebürtigen Polin Agnieszka Lukasiak ist ein großartig inszeniertes Drama über die 28-jährige Marta, die mit ihrer zehnjährigen Tochter aus dem hoffnungslosen und von Gewalt geprägten Alltag in Weißrussland nach Schweden flieht. Im Asylantenheim lernt sie den Algerier Ali kennen, doch um ihre Aufenthaltsgenehmigung zu sichern, müsste sie den Schweden Bengt heiraten, einen alten Mann. Lukasiak erzählt in bedrückender Atmosphäre, in einem Schwebezustand aus ständiger Hoffnung auf der einen Seite und der Angst, abgeschoben zu werden auf der anderen, von zwei Lieben: der zwischen Ali und Marta, vor allem jedoch der zwischen Marta und ihrer Tochter, für die die Frau bereit ist, alles und notfalls sich selbst zu opfern. Between two Fires erhielt als Entschädigung immerhin den Kirchlichen Filmpreis.

Anlaß zur Kritik gab diesmal vor allem das Filmforum. Hier werden Arbeiten aus Schleswig-Holstein und Hamburg vorgestellt: Spielfilme, Fernsehfilme, Kurzfilme und Dokumentationen bzw. Reportagen. In diesem Jahr insgesamt 38 Produktionen plus eine Sondervorstellung des neuesten Tatorts mit Axel Milberg. Wenn auf einem Festival, das in erster Linie dem skandinavischen und baltischen Film, also den acht Ländern Schweden, Norwegen, Dänemark, Island, Finnland, Estland, Litauen und Lettland gewidmet ist, über ein Viertel der Beiträge alleine aus dem Bundesland Schleswig-Holstein und der Stadt Hamburg kommen, kann etwas nicht im rechten Lot sein. Diese Unverhältnismäßigkeit ist zwar nicht neu, fällt aber immer dann besonders unangenehm auf, wenn die Qualität des Gezeigten zu wünschen übrig läßt. Denn vormachen muß man sich nichts: bei den 39 Produktionen des Forums war viel Überflüssiges dabei. Die Festival-Verantwortlichen verneinen offiziell zwar jede Beeinflussung von Außen, doch auch die Rolle des NDR muß in diesem Zusammenhang zu hinterfragen erlaubt sein. Der Hauptpreis des Wettbewerbs trägt den Titel »NDR Spielfilmpreis« und ist mit 12.500 Euro dotiert. Vor dem Hintergrund dieser fraglos notwendigen, aber doch unheiligen Allianz drängt sich die Vermutung auf, daß bei der Programmzusammenstellung die eine oder andere NDR-Koproduktion dankend durchgewunken wurde. Das wäre ärgerlich, da somit besseren (skandinavischen) Filmen die Leinwand verwehrt blieb. In Zukunft sollte man sich in jedem Fall wieder darauf besinnen, das »Nordische« über das »Norddeutsche« zu stellen.

Die nächsten Nordischen Filmtage 2011 stellen das Team um Intendantin Christine Berg und die künstlerische Leiterin Linde Fröhlich vor große Aufgaben. Die Filmgala etwa, auf der die Preise der Nordischen Filmtage gemeinsam mit den Norddeutschen Filmpreisen verliehen werden, wird es so im kommenden Jahr wohl nicht mehr geben. Das ist nicht weiter schlimm: Veranstaltungen, bei denen sich die Branche selbst feiert, interessieren den gemeinen Zuschauer und Filmfan, dem sich die Filmtage seit jeher an erster Stelle verschrieben haben, ohnehin am allerwenigsten. Doch generell müssen Partner und Sponsoren natürlich warm gehalten werden, um die Organisation auch weiterhin in der guten Form zu gewährleisten, in der sie die Verantwortlichen seit Jahren abliefern. Und der NDR gehört zweifelsfrei zu den wichtigsten Sponsoren. Im Gegenzug darf man sich aber auch nicht unter Wert verkaufen. So sei daran erinnert, daß der NDR vor einigen Jahren seine 30minütige Reportage über die Nordischen Filmtage aus dem Programm genommen hat – früher eine Selbstverständlichkeit am Wochenende nach dem Festival.

Eine Balance zwischen kompromissbereitem Entgegenkommen und selbstbewusstem Argumentieren wird gefragt sein. Das eigene Licht darf nicht unter den Scheffel gestellt werden: die Nordischen Filmtage sind nach wie vor die wichtigste Plattform für nordische Filme außerhalb Skandinaviens. Und das nicht nur für das interessierte Publikum, sondern auch für Filmschaffende, Produzenten und Verleiher aus diesen Ländern. Das Festival hat sich viele treue Freunde in ganz Europa gemacht und Lübeck dadurch auch zu internationaler Bekanntheit und Renommee verholfen, von dem die Stadt und auch das Land durchweg profitieren. Das sind Pfunde, mit denen man stolz wuchern kann. 2010-11-16 13:51
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