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FilmFestival Cottbus 2010

20. FilmFestival Cottbus 2010. D 2010. L: Roland Rust.
Cottbus, 2. – 7.11.10
White, White World von Oleg Novković (© Ostlicht Filmproduktion)

Sachsendorf im Nieselregen

Von Lina Dinkla Ein besonderes Gespächsthema zum 20. FilmFestival Cottbus waren nicht etwa die 140 Filme, Stargast Sylvia »Emanuelle« Kristel oder das Wetter, sondern der Shuttlebus zum »UCI«. Denn es mußte Ersatz her für den Weltspiegel, immerhin das einzige richtige Kino in Cottbus' Innenstadt, das derzeit von Grund auf renoviert und fürs nächste Jahr fit gemacht wird. So fuhr man in diesem Jahr zum Wettbewerb zum UCI nach Sachsendorf – ein Multiplexklotz aus den 1990er Jahren, direkt an der Autobahnauf- bzw. ausfahrt in trauter Nachbarschaft von Media Markt, Burger King und diversen Autohäusern. Nun hätte der gemeine Festivalbesucher zwar kaum Verwendung für eine derlei gute Anbindung inklusive 700 Parkplätzen, wie auf der Festival-Homepage recht weltfremd angepriesen, denn wer sollte die brauchen, es gab ja theoretisch einen Shuttlebus. Wenn man diesen denn rechtzeitig erreichte, wenn er denn überhaupt fuhr. Wie es so ist auf Festivals, ein Film fängt selten pünktlich an, hört ebenso unpünktlich auf, es schließt sich an die Vorführung oft noch ein Filmgespäch – doch der Busfahrer hat seinen Fahrplan, ist das Fahrzeug nun voll oder nicht. So stand man mitunter eine halbe Stunde im Nieselregen, teilte solidarisch die Schirme, konnte aber endlich in Ruhe über den soeben gesehenen Film sinnieren.

Leider erreichte man dadurch den unfreiwillig komischen 2 Sunny Days von Ognjen Svilicic (der schon 2007 mit Armin in Cottbus vertreten war) eine halbe Stunde zu spät, geriet mitten hinein in ein offenbar improvisiertes Stück über eine Ehekrise in Kroatiens Bergen zur Mittagshitze. Der Beitrag, für den der eingangs erwähnte Stargast Sylvia Kristel eingeflogen wurde, war Teil der Sektion Fokus, die diesmal als »globalEAST« gelabelt war und laut Festivalkatalog eine »transkontinentale Spurensuche der Einflüsse Osteuropas auf das zeitgenössische Kino der Welt«. So richtig überzeugen konnte die Reihe unter dieser Vorgabe nicht, denn thematisch wiesen die Filme kaum Bezug zueinander auf, da schien es als formal inhaltliches Kriterium schon auszureichen, daß in einem Bollywoodfilm eine russische Prostituierte auftaucht. Auch der israelische Beitrag The Loners enttäuschte, dessen Story auf dem wahren Vorfall beruhte, daß zwei Soldaten der israelischen Armee, beide russische Einwanderer, Waffen an die Hamas verkauft hätten. Eine Vorlage, die eine spannende Auseinandersetzung der Rolle von Israels Armee im Umgang mit der jüngeren Einwanderergeneration versprach, aber derart unbeholfen und krude inszeniert war und auch dem Zuschauer die nötige Auflösung viel zu spät anbot, als daß dieser noch ein Funken Interesse für die Protagonisten übrig gehabt hätte.

Im Wettbewerb überzeugten erwartungsgemäß die Beiträge aus Rumänien (Outbound von Bogdan George Apetri), Serbien (Tilva Rosh von Nikola Ležaić und White, White World von Oleg Novković) und Ungarn (Adrienn Pál von Ágnes Koscis), die beiden russischen Filme (Another Sky von Dmitriy Mamuliya und Reverse Motion von Andrey Stempkowsky) waren hingegen erstaunlich schwach – und das auf einem Festival, auf dem ein Russian Day veranstaltet wird.

Mit Blick auf den letztjährigen Wettbewerb fiel eine witzige Paralelle auf: gewannen 2009 ein serbischer (Ordinary People) und ein kroatischer (The Blacks) Film mit ähnlichem Setting die Hauptpreise (Bester Film, Beste Regie), waren in diesem Jahr zwei serbische Filme nominiert, deren Handlung sich bei beiden vor dem Hintergrund derselben, einstmals prosperierenden Bergbaustadt abspielte. Und lustigerweise war es dann Oleg Novković der für White, White World den Hauptpreis mit nach Hause nahm, nachdem er 2006 für Tomorrow Morning den gleichen Preis bekommen hat (damals allerdings noch mit 15.000 statt mit 20.000 Euro dotiert.) – verrückte Festivalwelt. Diese Juryentscheidung ging jedoch völlig in Ordnung, denn das an eine griechische Tragödie erinnernde Stück (inklusive Gesangseinlagen und Schlußchor) schlug mit tiefen Emotionen, fatalen Handlungen und irren Schicksalswegen nur so um sich und auch wer die schwere serbische Kost nicht so gut vertrug, mußte der stilsicheren Inszenierung großen Respekt zollen. Irritierend waren hingegen die diversen Preise die Another Sky von Dmitriy Mamulya erhielt, ein fast ärgerlicher Film, der versucht, fast ohne Dialog auszukommen und keinerlei Erklärung anbietet für den erbärmlichen, an den Nerven zerrenden Leidensweg eines ehemaligen Schafhirten, der aus der kaukasischen Steppe kommend an der Wüste der Großstadt scheitert.

Die Preisverleihung entpuppte sich hingegen ebenso wie die Eröffnungsveranstaltung überraschenderweise als recht kurzweilig und war mit lediglich eineinhalb Stunden sogar rekordverdächtig schnell. Diese Neuerung sollte unbedingt beibehalten werden, ebenso wie angenehm auffiel, daß der 20. Festivalgeburtstag nicht größer als nötig zelebriert wurde.

Und wie sagte Oleg Novkovic in seiner Dankesrede so hübsch: Er habe gedacht, daß es unmöglich ist, denselben Preis zweimal zu erhalten, doch nun wüßte er wenigstens, daß wirklich alles möglich ist.

In diesem Sinne bleibt dem Filmfestival zwischen Provinz und Größenwahn am Rande von Brandenburg zu wünschen, daß es sich diese Worte zu Herzen nimmt, sich den von Jahr zu Jahr größer werdenden Projektionsdesastern (hingeschluderte Leinwände mit unsauberem Cache, unzählige Formatfehler und unscharfe pixelige Bilder) und unnötigen Organisationsproblemen stellt und im nächsten Jahr mit einem neueröffneten Weltspiegel einen feinen Neustart hinlegt. 2010-11-11 14:35
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