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Internationale Hofer Filmtage 2010

44. Internationale Hofer Filmtage 2010. D 2010. L: Heinz Badewitz.
Hof, 26. – 31.10.10
Ein Highlight des Festivals: Florian Cossens Das Lied in mir

Funkelndes Kleinod mit Tradition

Von Sabine Könner Die Hofer Filmtage beeindrucken als funkelndes Kleinod in einer sich immer breiter auffächernden Festivallandschaft. Hof hat Tradition, vor 44 Jahren wurde die Veranstaltung von Heinz Badewitz gegründet, und der umtriebige, pilzköpfige Festivalchef leitet die Filmtage noch immer. Der Nachfahre der Beatles im Geiste schaut im Sektor »Festivalleitung« auf eine ähnliche Erfolgsgeschichte zurück wie die Liverpooler Band. Jedoch nicht die Bühnen der Welt sondern die Kinosäle von Hof wurden zu seiner Plattform, und die »Film-Welt« reiste zahlreich zu ihm in das oberfränkische Grenzgebiet. Einst selbst Filmemacher entdeckte er bald seine organisatorischen Talente, als in den umtriebigen 1960er Jahren eine Abspielstätte für den neuen Film gesucht wurde. So kam Hof ins Spiel, und daß das bis heute so blieb, liegt sowohl am Charme der Provinz als auch an Heinz Badewitzens fränkischen Ursprüngen und seiner unprätentiösen Umgänglichkeit.

Das Festival, das in seinen ersten Jahren von NPD und FDP als »Unkultur« bezeichnet wurde, ist mittlerweile zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor für die Stadt geworden. Gebührend finanziell und logistisch unterstützt vom Stadtrat und von Firmen aus der Region, die Heinz Badewitz bei der Eröffnungsveranstaltung ausführlich würdigte, »da die öffentliche Hand mehr und mehr zum Sparen genötigt sei«. Dafür fließen die Gelder in die Straßenbeläge, denn das traditionelle Kutschenpflaster wurde im Hauptteil der Fußgängerzone durch schnöde, glatte, rechteckige Steine ersetzt. Da diese auch noch rot sind, hat man vor dem Festivalkino plötzlich eine Art »roten Teppich« das ganze Jahr über. Die Einheimischen werden mit der Verschandelung leben müssen, während die Filmgäste die innerstädtische, geschäftegesäumte »Fußgängerzonenrennbahn« zwischen den beiden Abspielstätten womöglich einen Tick schneller beschreiten können.

Meistens saß man jedoch in diesem Jahr in den Cafés vor dem Kino, bei mildem Klima draußen, an runden Tischen. In den 44 Jahren des Bestehens hat sich das Festival in das Herz der Menschen aus der Region geschlichen: Schlangen am Kartenschalter und gut gefüllte Vorstellungen auch bei »schwierigeren Filmen«, man trifft sich und mischt sich mit den auswärtigen Kinoprofessionellen und kaut am Bratwurststand unmittelbar vor dem zentralen Lichtspielhaus an denselben gerösteten Schweinswürsten. Es ist dieser »Heimeligkeitsfaktor«, der die Hofer Filmtage neben dem trüffelriechenden Filmgeschmack seines Festivalleiters zu etwas besonderen macht.

Sensibles Kino gleich am Eröffnungsabend, eine junge Frau macht auf ihrer Reise nach Chile Zwischenstopp in Buenos Aires und bekommt plötzlich Flashbacks, die sie in ihre frühe Kindheit zurückführen. Noch am Flughafen hört sie ein Lied, das sie zu kennen glaubt, später sieht sie eine Plastikpuppe, die ihr ebenfalls vertraut vorkommt. Zudem reagiert ihr Vater außergewöhnlich panisch als sie ihm von ihrem Zwischenstopp in Buenos Aires berichtet, und fliegt ihr spontan hinterher. Florian Cossens Filmthema orientiert sich an der Realität. Während der Diktatur in Argentinien wurden Kinder von ermordeten Regimegegnern adoptiert, ohne sie später über ihre wahre Identität aufzuklären. Michael Gwisdek spielt den Vater als liebenden und auch unwirschen Menschen, unfähig und unwillig sich mit der Vergangenheit und verdrängten Gefühlen auseinanderzusetzen. Jessica Schwarz als Tochter Maria paßt gut für die Rolle der zerissenen jungen Frau, ihr zurückhaltendes, emotional überzeugendes Spiel verleiht dem Film eine Tiefe abseits jeder Hysterie oder Melodramatik. Eine schwankende wie wellenbewegte Avenue am Anfang, dann Maria im gischtenden Pool: Kameramann Matthias Fleischer muß man sich merken, denn seine Bilder sind von besonderer suggestiver Kraft. Der Editor wurde zu den Dreharbeiten mitgenommen und gemeinsam wurde gleich vor Ort die Wirkung der Bilder in ihrem Zusammenspiel besprochen, erzählte der in Tel Aviv geborene deutschstämmige Regisseur Cossen. Das Lied in mir (auch der Eröffnungsfilm) war eines der Highlights des Festivals, zumindest im Bereich der heimischen Filmproduktionen.

In lustigen Zeiten scheinen wir nicht zu leben, wenn man die Geschehnisse auf der Leinwand als Reflexion der Wirklichkeit betrachten mag. Pascal Elbés Tete de Turc nimmt einen krawallmachenden Jugendlichen als Hauptfigur. Bora, ein Türke, bereut nach dem Werfen eines Brandsatzes seine Tat ganz schnell und rettet sein unschuldiges Opfer vor dem Feuertod. Von nun an ist er hin- und hergerissen, denn seine Umwelt sieht in ihm nur den Helden und weiß nicht, daß er auch zu den Verursachern der Gewalttat gehört. Bora als Psychostudie eines in Bedrängnis geratenen Jugendlichen der dem Gruppendruck folgte und nun Verantwortung übernehmen muß. Seine überforderte, alleinerziehende Mutter, die sich über den Erfolg ihres Kindes definiert, macht es Bora noch schwerer, in sich hineinzuhören und seinen eigenen Weg zu finden. Pascal Elbé arbeitete vorher als Schauspieler, Tete de Turc ist seine erste, jedoch schon sehr überzeugende Regiearbeit.

Jedes Festivalprogramm ist ein individuelles Puzzle. Wenn man die richtigen Steine, sprich Filme, zusammengefügt hat, entsteht am Schluß ein schönes Bild. Nimmt man viele deutsche Filme in sein Puzzle, geht man in der Regel ein höheres Risiko ein, eine etwas verschwommene Darstellung zu erhalten. Nicht so im Jahrgang 2010 in Hof, Highlights gab es in allen inländischen Filmformaten. Im Bereich Kurzfilm punktete Petra Lüschow, Der kleine Nazi kehrt deutsche Vergangenheitsverdrängungen ausgerechnet an Weihnachten unter dem Teppich vor. Die Oma schmückt den Christbaum mit vom Dachboden herabgeholten Hakenkreuzglaskugeln, die Eltern geraten in Zwist darüber, welcher Vorfahr Hitleranhänger war und der kleine Enkel amüsiert sich über den Weihnachtsengel mit dem hoch ausgestrecktem Arm. Zu allem Überfluß ist der neue Freund der Tochter Israeli. Die Berliner Produktion (Kordes und Kordes) riß den Kinosaal aus der Sonntagnachmittagslethargie. Einen Tag zuvor berauschte Sobo Swobodniks Keine Zeit für Helden mit einer flotten Krimi-Tragikomödie, in der ein Möchtegern-Gelegenheitskünstler erfolglos eine Bank überfällt. Schwarzer Humor, freche Dialoge und eine eingängige Musik, noch eine Berliner Produktion mit Kultpotential.

Zwei Töchter von zwei berühmten Vätern stellten in Hof ihre Kurzfilme vor: Joya Thome schuf ein Doku-Portrait einer Freundin mit Eßstörung, Sophie Kluge schenkte ihrem Vater Alexander das Versprechen der Verfilmung einer seiner Kurzgeschichten zum Geburtstag. Hätte der Mond auch Schokolade geweint (Thome) und So wie wir hier zusammen sind (Kluge) beide sehr gelungene Nachwuchsarbeiten.

Mit 19 unsterblich verliebt in seinen Klavierlehrer zu sein, von einer Asiatin als Lover auserkoren zu werden, Sohn einer montenegrinischen Familie zu sein und den hohen Erwartungen seiner Mutter entsprechen zu müssen: der schwule Sascha hat es nicht leicht und kommt gleich unter mehrere Räder. Doch mit viel Charme kämpft er um sein Glück, und Dennis Todorovic, Absolvent der Internationalen Filmschule Köln, hat mit Saša eine multikulturelle Liebesverwicklungs-, coming of age- und -out-Geschichte auf die Leinwand gebracht, der man Familientauglichkeit unterstellen muß. Das gleiche Thema sowohl vom ernsthaften als auch vom humorvollen Blickwinkel aus zu betrachten birgt in 101 Minuten ein Höchstmaß an filmischer Spannung. Der jungenhafte Sascha Kekez und Tim Bergmann als erotischer Klavierlehrer garantieren viel Sehgenuß.

Karger, ausgetüftelt konstruiert und mit wunderschöner Farbdramaturgie ist Glückliche Fügung von Isabelle Stever. Sie liebe Horrorfilme und habe versucht, eine bedrohliche Atmosphäre zu schaffen, außerdem wollte sie eine Frau zeigen, der es nicht leicht fällt, zufrieden zu sein. Die Umsetzung einer Kurzgeschichte von Anke Stelling ist Stevers verhaltenster Film. Annika Kuhl beim latenten Unzufriedensein und ihrer aufflackernden Eifersucht und Stefan Rudolf beim bärenhaften, geduldigen Ehemann-Mimen zuzusehen hat etwas Dokumentarisches und auch etwas Entlarvendes. So sieht also der Beziehungsalltag von außen betrachtet aus, es sind sich immer wiederholende Muster, in denen wir gefangen sind.

»Eigentlich sei Hof ein Festival, bei dem man alleine hingeht und bei dem man alles machen kann…« verriet Wolfgang Ettlich nach der Vorführung seines Dokumentarfilms, doch diesmal habe er seine Familie dabei… Bei seiner Filmfamilie, den Neumanns, wisse man nie was hinten herauskommt…, Filmfreundschaften müsse man überdies pflegen, Ettlich kennt seine Protagonisten schon seit 1980. Die Neumanns – So ist das Leben bereichert das Genre Langzeitdokumentation, denn man sieht Entwicklungen klar und gerafft und beginnt Zusammenhänge zu verstehen. Jeder Psychologiestudent müßte dankbar sein für diesen Film, denn es gibt eine Menge zu erkennen, wie der Computer eine Familie dominiert zum Beispiel, oder wie das ständige »Sich-Zurück-Nehmen« der Mutter den Egoismus des Vaters beflügelt.

»Die Perspektive des Betrachtenden spielt für den ersten Eindruck in der Kunst eine große Rolle«, konstatierte der Österreicher Peter Kern nach der Vorstellung von seinem Film King Kongs Tränen. »Die Leute wollen immer das Gleiche wissen, ob das Gehirn echt war, was im Film verspeist wurde zum Beispiel. Der Filmemacher als Entertainer, Peter Kern gelang es gleich zweimal das Publikum zu unterhalten, während der Filmvorführung und danach. Ganz schwarzhumorig und subversiv, und mit einem Schlenker auf die Hofer Taxifahrer, die »einen Behinderten« nicht bis vor das Kino transportieren würden.

Schön, wenn wir im nächsten Jahr noch alle da sind, meinte er abschließend. Christoph Schlingensief und Werner Schroter sind es leider nicht mehr, und man freute sich, daß das Festival ihrer gedachte, mit zwei Filmen und einem ehrenden Katalogtext. Beide hatten zu Lebzeiten den Filmpreis der Stadt Hof erhalten, Schroeter 1996 und Schlingensief 2005. Die schnelllebige Filmbranche tickt in Hof etwas langsamer und menschlicher. 2010-11-04 12:49
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