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Berlinale 2010

60. Internationale Filmfestspiele Berlin. D 2010. L: Dieter Kosslick u.a.
Berlin, 11. – 21.2.10
Philip Schefflers Der Tag des Spatzen

Kommunikationsbarrieren allüberall

Von Dieter Wieczorek Das Partikulare heutiger Filmproduktionen findet sich weit häufiger abseits der großen Rampenlichter. Der Kurzfilm ist Ort des fruchtbaren Experimentierens, frei von kommerziellem Erfolgsdruck, die Tradition der Focus Programme garantiert die Suche nach einem anderen Blick, einer Fremde, die allein in der Lage ist, den Blick auf Phänomene neu zu eröffnen.

Einer der dichtesten und stringentesten Beiträge der diesjährigen Kurzfilmprogramme beschränkt sich visuell auf eine Flußfahrt, entlang an Zivilisationsmüll und Resten einer beharrenden, in die Enge getriebenen Natur. Im Off erklingt ein Text, der die Dinge auf den Punkt bringt: Eine Kulturkatastrophe hat begonnen, und es gibt kein Zeichen, sie wieder beenden zu können. Fast wie ein Schock wirkt es, wenn am Schluß die Quelle dieses Textes preisgegeben wird: Joseph Conrads »Herz der Finsternis«. Der deutsch-österreichische Beitrag Paradise later Ascan Breuers wirkt durch ästhetisches Understatement, das um so heftigere emotionale Effekte auszulösen in der Lage ist.

Fremdartiger geht es in der Wald-Flußlandschaft des japanischen Films Aramakis von Isamu Hirabayshi zu, in der bizarre Tänze aufgeführt werden und die Isolation von Mensch und Natur sich zu einer schmerzhaften Surrealität verkrustet. Von Verdrängung und fehlschlagender Sublimierung handelt der israelische Kurzfilm Hayeridas (Der Abstieg). Shai Miedzinski folgt einer Familie in die Wüste, auf der Suche nach einem bestimmten Gestein, mit zunehmendem Einsatz bis zur Lebensgefahr. Auch hier wird der Schlüssel erst spät preisgegeben: das für die Familiengeschichte symbolisch wichtige Gestein soll als Grabstein des Sohnes dienen, dessen Bedeutung den eigentlichen Todesschmerz in Bann hält. Verunmöglichte Verständigung und die Flucht in eine Welt anderer Intensitäten ist Thema auch des belgischen Beitrags Venus vs Me von Nathalie Teirlinck. Hier ist es die Tochter einer von ihrem neuen Liebhaber absorbierten Mutter, die sich in eine Welt des gefährlichen Wassers, der Wirbel und Fluten begibt, inmitten der zivilisierten Stadtlandschaft. Der Film wirkt durch seine vibrierenden Mikroimpulse, neben denen sich die Story nur am Rande, kaum konturiert abzeichnet. Die Kamera sympathisiert mit der Welt des Kindes, fern aller Orientierung und Rationalisierung. Den Versuch, sich der Erfahrungswelt der Taubstummen – wiederum ein Terrain der Kommunikationsgrenzen – anzunähern ist Verdienst des ukrainischen Beitrags Glukhota (Taub) von Myroslavs Slaboshpytskly. Nur zehn Minuten folgt Slaboshpytskly einem jungen Mann, der mit Polizeigewalt konfrontiert wird. Dessen Erleben und Fühlen bleibt für immer in ihm verschlossen, seine Handzeichen dienen lediglich dazu, die unüberschreitbare Barriere hin zu einer möglichen Verständigung zu signalisieren.

Gleich zwei Filme aus Rumänien fanden Eingang in den Wettbewerb, der auch dieses Jahr aus tausenden Einsendungen nur 26 erkürte. Hier liegen die Dinge weitaus konkreter und alltagsnäher. Sie zeigen Szenen aus dem Familienleben, Blicke auf das Menschlich-Allzumenschliche. In Mittelpunkt Paul Negoescus Derby steht ein Vater, der sich nur schwer mit dem Freundesbesuch seiner Tochter in der gemeinsamen Wohnung abfinden kann und daher viel in Bewegung setzt, um jeden möglichen Sex des Paares von Anfang an zu unterminieren. In Colivi (Der Käfig) ist es der Sohn, der seinen Vater unter emotionalen Druck setzt, sich um einen kranken Vogel zu kümmern. Der bereits von seiner Frau trotz lautstarker Reden an der kurzen Leine gehaltene Mann gibt sich drein. Nach vielen Beiträgen einer kompromißlos gezeigten sozialen Härte, die in den letzten Jahren aus Rumänien kamen, wirken diese Werke hier fast wie liebevolle Darstellungen. Selbst die Unsympathischen sind weder pervertiert noch von Bosheit gezeichnet. Ihre Motive bleiben verständlich. In einer humorvollen Weise finden sie sich eingebettet in ein soziales Familiengefüge, das sich trotz aller Schwierigkeiten als stabil behauptet.

Der heiterste und der mutigste Beitrag, dies läßt sich ohne Nationalismusverdacht sagen, kam aus Deutschland. Wo ich bin ist oben schildert eine lebensfrohe schelmische Großmutter auf touristischen Abwegen, als Deutsche im Ausland. Wenig Scham und viel Gelächter, sich mit sich gut fühlen, Heiterkeit und narzisstische unverblümte Gelassenheit trotz fortgeschrittenen Alters sind die Leitmotive in Bettina Schoellers gelungenem Film, der Komik nicht herstellt sondern schlicht einfängt, dem bunten Treiben der alten Dame folgend.

Geliebt ist der kurze und programmatische Titel des Filmes Jan Soldats, der zwei junge Männer porträtiert, die ihre Hunde lieben, und zwar in jedem Sinne, emotional, sexuell, zärtlich. Dies schockt und fasziniert zugleich. Der Film verzichtet auf jeden psychologisierenden Überbau. Er zeigt die »Beziehungen«. Den Kurzfilmverantwortlichen in Berlin kann nur gratuliert werden, ein solches Zeugnis vom Rande der zugelassenen Wahrnehmung, heute zur Rarität geworden, ins Programm mit aufgenommen zu haben.

Unter dem Mangel der Kraft zur kompromißlosen Realdurchquerung leidet mitunter auch das Forum der Berlinale. Hier stockte den Zuschauern noch vor einem Jahrzehnt des Öfteren der Atem. Nun ist hier alles ruhiger und beschaulicher geworden, kurz: politisch korrekter. Diese Anmerkungen will den einzelnen Beiträgen nicht ihren Wert abstreiten, aber doch in Erinnerung bringen, das wirklich überrascht, quergedacht, aufgerüttelt und provoziert hier schon seit einiger Zeit nicht mehr wird. Was bleibt: ergreifende Dokumente bekannter Sachverhalte und stilistisch elegant konzipierte Werke, und dies ist gewiß weit mehr als der »allgemeine Stand der Dinge« im weltweiten Festivalgeschehen.

Aisheen (Still Alive in Gaza) ist ein solcher Film, der durch Schlichtheit überzeugt. Der Schweizer Nicolas Wadimoff war einen Monat nach der israelischen Militäroffensive 2009 am für alle Medien verbotenen Ort, um Zeuge zu werden, wie das alltägliche Leben sich über neuen und alten Ruinen wieder zu rekonstruieren beginnt. Todesbedrohung hat hier jede Originalität verloren. Tod und Zerstörung gehören zum Alltagsgeschäft, nicht vermögend, Vitalität und selbst hin und wieder aufkommende Lebensfreunde der Palästinenser in ihrem lebenslangen Gefängnis zu unterminieren.

Die Aneignung der eigenen Realität ist Konzept des Dokumentarfilms Congo. Vier junge kongolesische Filmemacher zeigen aus ihrer Sicht Absurditäten und soziale Härten ihres Landes, von der Geburtsstation bis zu den Minenstädten.

In spiralförmiger Weise verknüpft Philip Scheffler in Der Tag des Spatzen drei Tableaus zu einem heterogenen Ganzen. Ein historisch verbürgtes Detail, die Geschichte eines Spatzen, der einen Medienkonzern derart aus der Bahn warf, daß er sich auf eine Todesjagd nach ihm begab, wird verquickt mit Informationen (und ihrer militärtechnischen Unterdrückung) über den Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan. Die artifizielle ruhige Oberfläche und der unsichtbare Krieg: das Aufspüren der Wirklichkeit hinter der abgeschirmten Kulisse exemplifiziert sich im dritten Tableau, das aus langen, nahezu ereignislosen Naturbeobachtungen besteht, die Vogelbeobachtern nicht fremd sind und die hier an den Zuschauer weitergeleitet werden. Erst durch diese meditativ angespannte, geduldige Aufmerksamkeit können die wirklichen Ereignisse als Mikroimpulse in der scheinbar unbewegten Kulisse wahrgenommen werden. Der Tod des gejagten Spatzen und der des deutschen Soldaten in Afghanistan koinzidieren.

Ein unbekanntes Bild der Vereinigten Staaten als wildes Terrain jenseits des Gesetzes, bevölkert von Clans und Einzelgängern, die ihre Probleme unter sich ausmachen, offeriert Debra Granik in Winter's Bone. Eine junge Frau macht sich auf die Suche nach ihrem verschwunden Vater und findet sich bald konfrontiert mit einer Welt, die nach eigenen Regeln, Codes und Werten, die über Tod und Leben entscheiden. Fern aller Medien und Außenweltkorrekturen hat sich hier eine funktionierende Anarchie als geschlossenes Beziehungssystem etabliert, in das nur unter Einsatz des eigenen Lebens einzudringen ist. Obwohl als Fiktion angelegt, schafft Granik eine Perspektive auf den eigentlichen American Way of Life, der virulenter und präsenter ist, als man es sich in New York und San Francisco träumen läßt. Sie zeigt ein Insistieren auf uneingeschränkte Autonomie und Autarkie, das einiges beiträgt zu erklären, wie und warum die USA in ein politisches Abseits abdrifteten, über das sie sich im politischen Tagesgeschäft durch eine pure Machtgeste hinwegzutäuschen suchen.

Der wohl wichtigste Beitrag des diesjährigen Forum-Programms kam ebenfalls aus den USA und beinhaltet gleichfalls eine radikale Kritik am eigenen System. Dies ist die positive Kehrseite der Zelebrierung des Einzelgängertums. Laura Poitras geht in The Oath dem Schicksal zweier Männer aus Jemen nach, der eine ehemaliger Leibwächter Osama Bin Ladens und heute Taxifahrer, der andere, sein Onkel, ehemaliger Chauffeur Bin Ladens und seither für sieben Jahren als Terrorist ohne wirkliche Anklagegründe in Guantánamo inhaftiert. Poitras analysiert die hysterische und irrationale Reaktion eines Systems, das sich für unangreifbar hielt und im Prozeß der Selbsterhaltung seine konstituierenden Werte über Bord warf. Niemand würde, sagt sie, am 10. September in ein Koma getreten und heute erwachend, dieses Land noch wieder erkennen. Darüber hinaus liefert Poitras eine Studie eines Mannes der sich vom Anerkennungsschwur des Alleinherrschaftsanspruchs Bin Ladens abkehrte, ohne seine Schuldgefühle verbergen zu wollen, ein Mann zwischen den Systemen, der sich mit harter, einfacher Arbeit, ohne seinen Humor verloren zu haben, über Wasser hält. Mehr als das schafft Poitras in ihrem Film eine politische Studie zu Strategien und Transformationen innerhalb der Al-Qaida, deren zweite Generation ursprüngliche moralische Prinzipien abstreift und sich radikalisierend zunehmend jedes Mittel zu eigen macht, Angriffe auf muslimisch Gläubige eingeschlossen, um ihre Ziele zu erreichen. Mit solchen Beiträgen erinnert das Forum dann doch an seine besten Zeiten. 2010-02-22 13:31
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