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DOK Leipzig 2010

53. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm. D 2010. L: Claas Danielsen.
Leipzig, 18. – 24.10.10
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Kennzeichen D

Ein Streifzug durch deutsche DOK-Lande

Von Kyra Scheurer Der aufmerksame Blick in die Realität auf der Leinwand muß hier nicht immer in die Ferne schweifen, es gibt in Leipzig auch einen neun dokumentarische Langfilme umfassenden deutschen Wettbewerb. Wie auf dem gesamten Festival wird auch hier formal genau wie inhaltlich eine erstaunliche, eine ermutigende filmische Vielfalt vorgestellt:

Das Schiff des Torjägers von Grimme-Preisträgerin Heidi Specogna beispielsweise ist ein Musterbeispiel des sorgfältig recherchierten investigativen Dokumentarfilms mit klarem Erkenntnisinteresse und ebenso subtil vermittelter wie im Kern kompromißloser Autorenhaltung. Specogna und ihre Koautorin Kristine Kretschmer spüren der Geschichte des ehemaligen VFL Wolfsburg-Torjägers Jonathan Akpoborie nach, dessen Karriere abrupt beendet war, als er sich als Besitzer eines zwischen Benin und Nigeria und verschwundenen Schiffs voll Kindersklaven herausstellte. Auch zwei der Kinder, die damals von ihren Eltern ins Ungewisse geschickt wurden und die nun bei eben diesen Eltern wieder leben müssen, zeichnet der Film mit viel Gespür für Zwischentöne nach. Die präzise rhythmisierenden Montage von Ursula Höf verwebt die Bilder des sich zunehmend seiner Vergangenheit stellenden ehemaligen Profifußballers mit Bildern der Legendenbildung am Strand, wo das Schiffswrack liegt, berührenden Szenen aus den Dörfern der Kinder, verschiedenen Experteninterviews z.B. mit Terres des hommes und nicht zuletzt variantenreichem Archivmaterial – so entsteht ein Ganzes, das mehr als die Summe seiner Teile ist und das am Ende sogar die erzählte Geschichte aus dem vermeintlich so fernen Afrika ganz unmerklich in unsere Breitengrade hinüberführt indem das Schicksal der Kindersklaven, die durch Arbeit in einem anderen Land ihre Familie ernähren sollen im angedeuteten Alltag junger Sportler in Schweizer Profiinternaten gespiegelt wird, ohne unzulässig vereinfachende Parallelen zu ziehen.

Auch an gesellschaftlichen Zusammenhängen interessiert, aber in gänzlich anderer Erzähltonalität realisiert, präsentiert Jan Peters seinen Wettbewerbsbeitrag. Sei fit – fahr mit! überschreibt der Filmemachers, der sich selbst in seinem neuen Werk Nichts ist besser als gar nichts der liebste Protagonist ist, die Aktion, die den inszenierten Rahmen seines Konzeptfilms bildet: Sich finanzieren mit einer Gruppenkarte, auf die andere Fahrgäste gegen geringes Entgelt mitgenommen werden sollen. Auch wenn einige der daran geknüpften Streifzüge in improvisierte Low-Budget-Lebenskonzepte durchaus zum Nachdenken oder auch zum Schmunzeln anregen, erstickt ein anstrengend aufgesetztes Voice Over hier jegliche Authentizität im Keim und führt gelegentlich – ohne es zu wollen – diejenigen vor, deren Not er eigentlich porträtieren will. Mehr sei hier gar nicht gesagt, denn in der aktuellen Printausgabe des Schnitt ist Nichts ist besser als gar nichts Thema auf der Dokumentarfilmseite von Mark Stöhr.

Bisheriges Highlight der Dokumentarfilme aus deutschen Landen aber ist eindeutig How to make a book with Steidl. Jörg Adolph und Gereon Wetzel folgen hier dem legendären Verleger, Drucker und obsessiven Buchliebhaber und -macher Gerhard Steidl. Das ist bei dem »Mann, der schneller als sein Jetlag reist« (SZ) gar nicht so einfach – doch Steidl gewährt erstaunlich selbstverständlich Einblick in seine Arbeits- und Begegnungswelt. So ist denn auch der Zuschauer zunehmend begeistert im Bann des prall mit kleinen, sinnlichen Kunstwerken in Papier gefüllten Alukoffers, der von seinem bisweilen manisch wirkenden Besitzer zu Präsentationen und Arbeitssessions mit langjährigen Kreativpartnern wie Robert Frank, Ed Ruscha, Jeff Wall oder Karl Lagerfeld gerollt wird. Der Arbeit mit Fotokünstlern räumt der Film dabei dankenswerterweise den meisten Erzählplatz ein. Fast wie Fußnoten kommen die »bits and pieces« daher, die Steidl mit Lagerfeld als einem der ganz großen Finanziers von Steidl oder mit Günter Grass, der anderen »wirtschaftlichen Großmacht« im Göttinger Kleinverlag zeigen. Wichtige Fußnoten gleichwohl und amüsante, ebenso wie die für Steidl in Tradition seines politischen Engagements selbstverständlichen Bezüge zur Herstellung von selbstredend roten Buchschubern für Gewerkschaftsdokumentationen. Humor ist überhaupt die ebenso herausragende wie unerwartete Grundqualität des Films: Echte Leidenschaft für die eigene Arbeit, deren Materialien und das Handwerk wird mit großer Herzenswärme erlebbar gemacht, darf aber auch ironisch gebrochen werden. Besonders der Dialog mit Fotokünstler Joel Sternfeld, dessen Buchprojekt »iDubai« den dramaturgisch wichtigsten roten Erzählfaden bildet, ist geprägt von einem erdigen Witz auf Basis von gegenseitigem Respekt, geteilter Spielfreude und verwandtem intellektuellem Referenzkontext – auch wenn zwischen den Zeilen durchaus erkennbar wird, wie autokratisch das Verlagshaus von einem »genialischen Meister« geführt wird. Steidl, der seine Bücher zurecht als »Multiples«, nicht als Industriegüter sieht, will durch die Öffnung seiner Welt für Kamera und Zuschauer etwas weitergeben, eine Hommage an ein möglicherweise doch nicht aussterbendes Gewerbe ermöglichen – und tatsächlich wird unmittelbar erlebbar, über welche Stationen und inneren Prozesse Ideen aus dem Kopf eines Künstlers sich in einem Buch manifestieren. Daß auch der Dokumentarfilm ein ganz eigenes Kunstwerk geworden ist, verdankt sich nicht zuletzt der Montage, die die ständige Eile Steidls nachvollzieht, ohne zu hetzen, die Stimmungen aufgreift und Raum entstehen läßt, Skurriles abbildet, ohne dabei die Herzensebene zu verlassen und die auf das Sujet Fotokunst spiegelnde Effekte wie Montagesequenzen in anderer Bildfrequenz zurückgreift, ohne auf den Effekt zielend gekünstelt zu wirken. Auch wenn der Film dank der mutigen Unterstützung von 3Sat entstanden ist – das ist ganz großes Kino und damit völlig am richtigen Platz in Leipzig.

And now for something not so completly different: Morgen wird in der echten Realität, nicht der auf der Leinwand, eine Beziehung infrage gestellt, bzw. Fragen gestellt zur Beziehung von Filmkritik und Dokumentarfilm – im vom Schnitt co-veranstalteten Panel (Link s. oben links). Alle, die sich real in Leipzig befinden sind herzlich eingeladen zum Austausch und zum leibhaftigen Antritt des Beweises, daß die Realität auch als Gegenstand der Filmkritik mehr sein kann als der einzige Ort, an dem man ein gutes Steak bekommt. 2010-10-21 14:07

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