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Sichtweisen
Realität, inszeniert.
Von Cornelis Hähnel
Es ist die ewige Gretchenfrage des Dokumentarfilms, die sich jedoch nicht leicht, geschweige denn kurz beantworten läßt: Inwieweit kann der Dokumentarfilm Realität darstellen, inwieweit entspricht das von ihm geschaffene Abbild der Wirklichkeit? Ehe man sich versieht, ist man verstrickt in einem komplexen (medien)philosophischen Theoriediskurs, an dessen Ende man schlimmstenfalls sogar an Descartes'schen Grundsätzen zu zweifeln beginnt. Auch beim DOK Leipzig kann (und soll) diese Frage, trotz enger Vertrautheit zum Dr. Faust, nicht beantwortet werden. Vielmehr geht es darum – um den abschließenden gestrigen Gedanken aufzunehmen – Abgründe auszuloten, Hintergründe sichtbar zu machen und Gründe zu finden, endlich zu handeln. Und daß das Abbild der Realität dabei durchaus einem künstlerischen Konzept unterworfen sein kann, hat der erste Festivaltag gezeigt.
Der schwedische Film
Regretters von Regisseur Marcus Lindeen legt gleich zu Beginn das Wissen um die inszenierte Realität offen: Ein dunkles Studio, ein paar Crewmitglieder, die noch mal das Licht einstellen und die Mikrophonchecks durchführen. Ein paar letzte Handgriffe und dann gehört der Film den beiden Protagonisten. Zwei Personen, eine schwarze Studiobühne, ein Diaprojektor und zwei Schicksale, mehr braucht es nicht. In einer Dialogsituation treffen sich zwei Menschen, die bereuen. Zwei Menschen, die als Männer geboren wurden und sich zur Frau haben umoperieren lassen. Und dann gemerkt haben, daß dies ein Fehler war. Sich entschlossen haben, den Schritt zurück zu gehen. Zum Geschlecht, mit dem sie geboren wurden. Orlando ist wieder – zumindest anatomisch – ein Mann, Mikael steckt noch im Körper von Mikaela und wartet auf seine OP. Vom Mann zur Frau und wieder zurück. Ein Film, der im künstlichen Setting der Studiobühne den Geschichten genügend Platz einräumt, seine Protagonisten erzählen läßt: von ihren Fehlern, von ihren Schicksalen, von ihren Freuden. Und als Orlando, der zu seinen Zeiten als Frau elf Jahre verheiratet war, ohne es dem Ehemann zu erzählen, direkt in die Kamera blickt und den Zuschauer fragt, ob dieser nicht, aus Angst vor dem Verlassenwerden, genauso gehandelt hätte, ist das ebenso theatral wie bewegend. All der Kummer, die Liebe, die Angst, das Scheitern und die Sehnsucht nach Nähe werden in diesem Moment deutlich. Die Komplexität des Themas kann durch das simple Inszenierungskonzept ihre Wirkung entfalten und ermöglicht dadurch Mikael und Orlando, ihre Geschichten ungefiltert zu erzählen. Nicht mehr und nicht weniger.
Ein ebenso einfaches stilistisch strenges Konzept prägt auch den Wettbewerbsbeitrag
48 von Susana de Sousa Dias. 48 Jahre lang herrschte die autoritäre Militärdiktatur des sogenannten »Estado Novo« in Portugal, die 1974 mit der »Nelkenrevolution« beendet wurde. Der Film läßt Opfer des Regimes Salazar zu Wort kommen, aus dem Off erzählen sie von Gefängnis, Folter und Angst. Die visuelle Ebene ist einzig komponiert aus Schwarzweißphotos, anthropometrische Photos der Opfer, fotographiert von der Geheimpolizei PIDE, die mittels Überblendungen wechseln.
Das trotz des packenden Themas der Film nicht zu überzeugen mag, liegt an dem doch arg manierierten Konzept, das keinen Rhythmus findet und scheinbar selbst seiner Wirkung nicht traut und so auf zusätzliche, kleine Effekte setzt: So beginnt der Film mit einem Seufzer aus dem Off, an anderer Stelle wird das Erzählen mit dem Ticken einer Uhr unterlegt. Das ist dann doch zuviel der emotionalen Plakativität.
Wirklich meisterhaft hingegen sind die Bilder von
Dem Himmel ganz nah, dem einzigen deutschen Film im internationalen Wettbewerb. Regisseur Titus Faschina ist in den Bergen der Kaparten auf eine Hirtenfamilie gestoßen, die zu den letzten Einwohnern dieser Gegend gehört. Der archaisch anmutende Alltag unterliegt den Gesetzen der Natur, die je nach Jahreszeit anfallenden Arbeiten werden routiniert und effektiv vollbracht. Über den Zeitraum von einem Jahr wird die kleine Familie immer wieder beobachtet, die drei Personen, meist wortlos, bei der Käserei, beim Schlachten, beim Scheren, beim Eggen und Säen.
Zwar ist das Thema nicht sonderlich neu, doch die Schwarzweißbilder von Kameramann Bernd Fischer sind von bestechender Schönheit. Eine Komposition aus Totalen und Details, aus kraftvollen Tableaus, die durch ihre Intensität stellenweise die Härte des alltäglichen Überlebenskampf vergessen lassen, mit solcher Schönheit kommen sie daher. Denn auch so kann man Realität darstellen: eingefangen mit ästhetischer Brillianz, visuell getragen von einem Hauch Poesie, auch wenn dieses Unterfangen schnell kippen kann. Und in der Tat, dann und wann verliert sich der Film in seiner poetischen Verdichtung, die sich, verstärkt von der musikalischen Untermalung, zu einem romantisierenden Bild ruraler Idylle auftürmt. Doch zeigt die Kamera bereits mit der nächsten Einstellung erneut ihre seltsame Schwere, die irgendwie immer eine Sehnsucht der Weite und Losgelöstheit in sich trägt, ist sie doch bereits dem Himmel ganz nah. Und eben trotzdem Teil der Wirklichkeit. Denn auch das ist Dokumentarfilm.
2010-10-20 15:14