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Arsenāls 2010

XX Rīgas Starptautiskais kino forums Arsenāls. LV 2010. L: Elīna Zazerska.
Riga, 17. – 26.9.10
Ein von Drogen und Prostitution überreiztes Tokio in Gaspar Noés Enter the Void

Ein außergewöhnliches Festival im fernen Nordosten Europas

Von Dieter Wieczorek Eine der Besonderheiten des Rigas Festivals ist, das nicht eine internationale Jury über die Vergabe des auf 10.000 Euro dotierten Hauptpreises entscheidet, sondern der reine Zufall. Das Ritual will es, daß die einzelnen Filmrepräsentanten auf der Bühne einen Fruchtsaft trinken. Einer unter ihnen findet in seinem selbst gewählten Glas einen Jackenknopf, und der Preis ist der seine. Rigas Festivalleitung ist davon überzeugt, daß die Aufnahme der Filme in den Wettbewerb bereits der eigentliche »Preis« ist, der nach keiner weiteren Bestätigung verlangt. Daher obliegt es ausschließlich der evangelischen Interfilm und FIPRESCI Jury, im internationalen Wettbewerbsprogramm ein Werk herauszuheben, keine einfache Aufgabe in einem Festival, das konsequent keine kommerziell verheißungsvollen, sondern komplexe und den Zuschauer oft in einen Zustand befremdeter Perplexität versetzende Werke zeigt.

In der aktuellen Edition liefen 13 Filme im Wettbewerb und 21 Kurz- und Langfilme in der baltischen Sektion. Das überschaubare Festival fand in zwei fünf Minuten voneinander getrennten Spielstätten statt, eine davon, das »Kino Riga« offeriert weiterhin zwei Räume unter denen sich ein beeindruckender Barocktheatersaal, bestückt mit einer perfekten Spieltechnik, befindet. Hier ließen die Baßfrequenzen häufig die Architektur erzittern und offerierten besonders den auf der Tribüne sitzenden Zuschauern eine kostenlose Körpermassage.

Im Vergleich zum Vorjahr hat das Festival die Hälfte seines Spielvolumens verloren, im Vergleich zu früheren Jahrgängen noch weit mehr, wurden hier doch auch schon mal an die 700 Werke, Kurzfilme natürlich mitgerechnet, gezeigt. Doch Wille und Energie, ein gut sortiertes und organisiertes Festival zu bieten, sind ungebrochen, mehr noch: das Festival, bisher im Zweijahresrhythmus aktiv, transformiert sich von nun an in ein jährliches.

Neben den Wettbewerben wurde ein kondensiertes japanisches Filmprogramm gezeigt, von den 1960er Jahren bis heute, weiterhin ein experimentelles Programm in Zusammenarbeit mit der neuen Stätte für Gegenwartskunst »KIM« in Riga, darüber hinaus 13 »special events« oder gut gewählte Filme, ausgerichtet auf ein größeres Publikum, die außer Konkurrenz liefen, darunter Claire Denis White Material, in dem eine widerspenstige und selbstbewußte weiße Plantagebesitzerin sich in Afrika gegen eine antikolonialistisch aggressive Evakuationspolitik auflehnt, oder die philosophisch orientierte, nach simultanen Existenzen und dem Sinn der Sterblichkeit fragende Negativutopie Mr. Nobody Jaco van Dormaels. Auch Andrea Arnolds gelungenes Porträt einer rebellierenden Jugendlichen in Fish Tank fand hier seinen Platz.

Der internationale Wettbewerb bestach durch komplexe, alle Konformität entsagende Filme, die zu verblüffen und überraschen vermochten. Das weite Panorama bot so unterschiedliche Werke wie das zwischen privaten Reminiszenzen und zeitpolitische Provokation pendelnde Werk des Indonesiers Edwins Blind Pig Who Wants to Fly, eine sarkastische Dekomposition des Werbemetiers und Familienlebens in The Happiest Girl in the World des Rumänen Radu Jude, die surreale Odyssee einer einsamen Nachtschwester in Ágnes Kocsis Pál Adrienn (Ungarn) und Raya Martins (Philippinnen) theatralische Politparabel Independencia, alles übrigens bereits von FIPRESCI Jurys ausgezeichnete Filme in Sofia, Lissabon, Rotterdam and Cannes. Die Filmauswahl will es, extrem entgegengesetzte Ästhetiken und Zeitkonzepte, wie die radikale Verlangsamung und jenseits aller Psychologie agierenden Protagonisten in Eugène Greens Die portugiesische Nonne, mit der halluzinatorischen, exzentrisch beschleunigten Durchquerung eines von Drogen und Prostitution überreizten Tokios in Gaspar Noés Enter the Void (Frankreich) zu konfrontierten.

Die drückende Atmosphäre der Einsamkeit, verstärkt noch durch Armut und harten Überlebenskampf in Daniel and Diego Vegas Oktober (Venezuela, Peru, Spain), die philosophisch (inspiriert von Henry David Thoreau) insistierenden Fragen des 11jährigen Sebastian, während seiner inneren Reisen in Henrik Hellstroms Burrowing (Schweden), die zwischen Sarkasmus und schwarzem Humor oszillierende Familienkomödie Die letzten Tage der Emma Blank des Niederländers Alex van Warmerdam und schließlich Yorgos Lanthimos aus Griechenland kommender Film Dogtooth, ein im Vergleich mit
The Last Days… wesentlich realitätsdurchtränktes Eintauchen in die Perversionen eines geschlossenen Familiensystems, das komplett isoliert von der Außenwelt langsam aber sicher zu degenerieren beginnt, waren einige Höhepunkte des Festivals.

Doch der vor allem herausragende, gleich von drei Jurys (darunter FIPRESCI) gekürte Film, zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Kraft zu innovativen Bildergestaltung, gänzlich reduziert auf ein suggestives Schwarzweiß, durch sensible und stets überraschende Soundgestaltung und allegorische Kristallisation aus. Die Versuchungen des St. Tony Veiko Ounpuus (Estland) bietet eine beängstigende Reflexion über die Möglichkeit des Überlebens der Menschlichkeit in Zeiten eines globalisierten und hemmungslosen Machtsystems, das, ein Mal installiert, keine Fluchtmöglichkeiten mehr erlaubt. In der Welt eines pervertierten, grenzlosen Kapitalismus, hier präsentiert in erstarrter und exaltierter Schönheit, surrealen Bildfolgen und metalogischen Episoden, wird moralisches Bewußtsein nur noch ein hilfloses anachronistisches Relikt sein. Ounpuus' Film läutet die Alarmglocken: Die wirklich harten Zeiten liegen nicht hinter, sondern vor uns. 2010-09-30 13:20
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