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Festival del film Locarno 2010

63° Festival internazionale del film di Locarno. CH 2010. L: Olivier Père.
Locarno, 4. – 14.8.10
Ein scharfer Scan durch die Funktionsweise der aktuellen chinesischen Gesellschaft: Xu Xins Karamay

Besonders industriefreundlich

Frankreich eröffnet ein neues Festival: Locarno

Von Dieter Wieczorek Besonders industriefreundlich zeigte sich das Filmfestival Locarno unter der neuen Leitung von Olivier Père. Drei Tage lang wurden Industrievertreter beköstigt und hofiert, um die diesjährigen Beiträge des Wettbewerbs- und Grande-Piazza-Programms zum freundlichen Einkauf anzubieten. Doch die Frage mag erlaubt sein, ob es wirklich Rolle eines weltweit anerkannten Festivals sein kann, Werke wie Bruce La Bruce (Kanada) L.A. Zombie zu prolongieren, wo ein monsterhafter Zombie mit blutigem Gebiß die unterschiedlichsten, stets männlichen Kadaver in ihre Einstich- oder Schußwunden penetriert, um sie derart wieder zum Leben zu erwecken. Dieses punktgenau eine homosexuelle, S/M-orientierte Klientel bedienende Werk lief in Locarno im internationalen Wettbewerb, während die mildere französische Variante Au Fond Du Bois des Franzosen Benoit Jacquot auf der Grande Piazza gezeigt wurde. Hier entführt ein geistig labiler Außenseiter eine schöne Bürgertochter in weißem Kostüm scheinbar mittels hypnotischer Künste zu mehrfacher Vergewaltigung in den Wald, erweckt zugleich jedoch ihre eigene masochistisch geprägte Lustgier. Auch Animationsfilme mit Gockel und Hühnern nach einem Andersen-Märchen oder TV-Krimis wie der deutsche Beitrag Das letzte Schweigen Baran bo Odars lassen wenig Weltniveaukinofreude aufkommen. Zu schweigen von der US-amerikanischen Lovestory mit Happy End vor dem Hintergrund einer von Baummonstern dominierten Krisenzone, die dem angehenden Paar wie nebenbei noch einen Einführungskurs in die erotische Kunst anbieten. Der Horror ist das beste Bindemittel, dieses Motto scheint wenig neu. Auf weitere – neben diesen Monsters Gareth Edwards (GB) – von Sex und Gewalt nicht ganz unbelastete Beiträge soll hier nicht eingegangen werden.

Nachdenklicher stimmt, daß, während die Industrie ihre vermeintlich gute Zeit hatte, die jungen Filmemacher und Talente, die zu fördern konstantes Ziel des Locarner Festivals ist, nicht so recht wußten, wohin gehen, um Kollegen, Festivalleiter, Kritiker oder auch nur auf ihre Filme neugierige Zuschauer zu treffen, da die in den letzten Jahren für diese Zusammenkünfte recht fruchtbare Stätte, die Happy Hours im Garten des Paravento-Cafes, ersatzlos gestrichen worden waren. Als einzige organisierte Kontaktstätte bot das Festival ein schlichtes Treffen zu späterer Stunde in einer Fabrikhalle zu harter Beschallung an. Baut jedoch ein Festival die Meeting Points für seine kreativen Gäste ab, beginnt es, seinen eigenen Lebensnerv zu unterminieren.

Nicht ganz überraschend stellte unter der neuen Leitung der französische Film den quantitativ weitaus größten Landesanteil des Festivals, von den französischen Koproduktionen ganz abgesehen. Das Auswahlkomitee besteht, zählt man den Leiter Olivier Père mit hinzu, aus 50 % Franzosen, die weiteren sind Vertraute Pères. Die Pariser Cinematèque, früherer Arbeitgeber Oliver Pères, ehrte den Schweizer Filmemacher Allen Tanner (Die weiße Stadt, Messidor) in nicht übersetzter französischer Sprache auf der Piazza mit einem »Diplom« für sein Lebenswerk. Und es ist nicht die Ehrung, auch nicht die zweifellose Bedeutung der Cinematèque unter der einstigen Leitung von Henri Langlois für Tanner, die wir hier kritisieren wollen. Im Gegenteil, Tanner ist gewiß einer der unabhängigsten und souveränsten Figuren der internationalen Filmszene, der in besonders sensibler Weise das emotive Panorama der enttäuschten Generation ab den 1960er Jahren eingefangen hat. Vielleicht ist dies auch der Grund, warum Tanner sich den Auswahlkriterien und Arbeitsweisen der Industrie nicht mehr aussetzen will und seit Jahren kein Werk mehr geschaffen hat.

Ein »Cinéma de difference«, das über Jahre hinweg avancierte Filmkunst anbot, zuweilen fern von Narration und Linearität, findet sich ebenfalls nicht mehr in den Spielplänen Locarnos. Diese Programmblöcke sind angesichts der allgemeinen Verkleinerung des Festivalspielplans für absehbare Zeit verloren.

Erfreulich ist, daß die Jury sich unbesorgt über all das Angemahnte schlicht auf das Wesentliche konzentrierte und mit Han Jia (»Winterferien«) des Chinesen Li Hiongqi, ein Werk, das übrigens durch eine Drehbuchauszeichnung des vorjährigen Locarno Festivals mitfinanziert wurde, einen durchaus bemerkenswerten Film kürte, der in seiner Kargheit und internen Absurdität zuweilen an Ulrich Seidl erinnert. Das leblose Leben, vorwiegend Jugendlicher, zwischen Lethargie, stählerner Hierarchie, Langeweile und Kommunikationslosigkeit in einem abgeschiedenen nordchinesischen Dorf kristallisiert den Stand der Dinge einer erstarrten, sich selbst stigmatisierenden Gesellschaft.

Auch die weiteren Hauptpreise, der Spezialpreis der Jury für Morgen des Rumänen Marian Crisan und der Preis für die beste Regie für den Film Curling des Kanadiers Denis Côté wurden zurecht an intensive und komplexe Filme vergeben, die ohne jedes hysterische Emotionsspektakel auskommen. Morgen umkreist die gescheiterte Emigration eines Deutschland anstrebenden Türken, der im rumänisch-ungarischen Grenzgebiet stecken bleibt. Crisans Film schildert die vorsichtige Annäherung zwischen dem isolierten Mann und den ihn beherbergenden Hofbesitzern, die den Flüchtling einerseits als Arbeitskraft nutzen, andererseits ihn gegen polizeiliche Maßnahmen zu schützen versuchen. Eine wirkliche Fluchthilfe wird dem Mann stets für »Morgen« versprochen. Crisans schafft eine nuancierte Studie über Heimatlosigkeit und Improvisation des täglichen Überlebens. Curling kreist ebenfalls um einen Vereinsamten, der mit seiner gelangweilten Tochter in gewählter Abgeschiedenheit und geistiger Einöde lebt. Die Motive seines Handelns werden nie expliziert. Menschenscheu und verängstigt trennt er seine Tochter vom Lebensstrom. Eines Nachts wird er mit einem Schwerverletzten konfrontiert, der bald darauf in seinem Wagen stirbt. Seine Tochter hingegen findet eine Reihe von Kadavern nicht fern von ihrem Haus. Weder Vater noch Tochter kommunizieren ihre traumatischen Erlebnisse. Côté schafft kein chronologisches und logisches Gefüge, in dem die Ereignisse sich schließlich kontextualisieren ließen, dagegen ein Werk, das Fragen offen läßt und sich auf den Moment der Vereinsamung selbst konzentriert.

Auch Pietro von Daniele Gaglione (Italien) handelt von Außenseitern. Zwei Brüder, der eine Alkoholiker und Dealer, der andere in einem infantilen Stadium verharrend, teilen ein tristes Leben in einem öden Appartement. In recht schmerzhaften Szenen führt der Alki seinen Bruder Pietro den Kumpels vor und degradiert ihn regelmäßig zum Idioten. Als dieser jedoch eine Frau kennenlernt, die zu ihm steht, wird die Situation unerträglich. Besonders die halluzinatorischen Szenen in den heruntergekommenen Spelunken heben den Film über eine rein plakative Ebene hinaus.

Ebenfalls im internationalen Wettbewerb fand sich Womb des Ungarn Benedek Fliegauf platziert, der sich nach seinen Gesprächen mit vom klinischen Tod zum Leben Zurückgekehrten (Csillogás, 2008) diesmal auf fiktive Weise der Todesproblematik annähert. Eine Frau verliert durch einen Unfall ihren Geliebten, der ihr bereits als Jugendlicher versprach: »Ich kann warten, solang es nötig ist«. Konfrontiert mit der Möglichkeit, ein identisches, geklontes Wesen zu schaffen, widersteht sie nicht und wird Mutter ihres langsam heranreifenden Ex-Geliebten. Fliegaufs Werk durchläuft die Krisen und Hoffnungen der Auflehnung gegen den Tod angesichts der in absehbarer Zukunft anstehenden technischen Revolution der Reproduzierbarkeit. Das letztlich philosophische Werk konfrontiert sich mit der Frage, welches Selbstverständnis, welche Identität ein Mensch haben wird, der sich bewußt erzeugt weiß durch bestimmte Ziele und Intentionen.

Auch der deutsche Beitrag Das Alter von Ellen kreist um Einsamkeit und Orientierungssuche, um eine aus der Bahn geworfene Frau, die zugleich ihren Arbeitsplatz als Stewardess und ihren Geliebten verliert. Krampfhaft versucht sie sich nun irgendwo anzubinden, engagiert sich als aktivistische Tierschützerin und findet sich schließlich in Afrika wieder, als Teilnehmerin einer obskuren, humanistische Ziele verfolgenden Außenseitergruppe. Pia Marais Film ist Roadmovie und existenzielles Kabinettstück zugleich. Ihre Protagonistin bewegt sich fast ziellos, um sich zu finden. Sie durchstreift Szenen, um sich zurück zu gewinnen, scheint aber langsam ihre narzisstische Selbstsuche zu einem Bewußtsein sozialer Verantwortung transformieren zu können. Der Film läßt dies wohltuend offen, wie auch einige Schnitte zwischen unterschiedlichen Szenarien radikal gesetzt werden und erklärungslos bleiben.

Einer der wichtigsten Festivalbeiträge lieferte die »Settimana della critica« Sektion, komponiert durch die Schweizer Filmkritik. Der Argentinier Juan Manuel Biaiñ reflektiert in Artikel 12: Waking Up In A Surveilllance Society den aktuellen Stand der digitalen Kontrolle, wo die digitale Körperkopie zunehmend signifikanter als sein organisches Substrat erscheint. Versicherungen, Produktanbieter, politische Überwachung bedienen sich der geschaffenen und wohl nicht mehr zu beseitigenden Datenbänken, die zunehmend in die Hände von Privatanbietern geraten, nach Gutdünken. Der Ankauf eines Zigarettenpakets kann Auswirkungen auf den medizinischen Versicherungsschutz haben. Biaiñ bringt das ganze Spektrum möglicher Antworten auf die Bedrohung durch die digitale Erfassung vor die Kamera: von den hysterischen Sicherheitsbefürwortern bis zu Noam Chomsky, der schlicht daran erinnert, daß Freiheit jeden Tag neu erkämpft werden muß. Angesichts der Datenakkumulation bleiben die vorgebrachten Widerstandformen jedoch denkbar unscharf, wenn nicht naiv. Brian Eno sympathisiert, auch angesichts der manipulativen Monopolisierung von Themen und Problemen durch die Massenmedien, mit der möglichen Zerstörung von TV-Stationen, gewiß keine Langzeitlösung. Andere appellieren an die Beobachtung der Beobachter, als ob die avancierte Überwachungstechnik gestützt noch durch applizierte Staatsgewalt im öffentlichen Raum einfach hintergehbar und austauschbar sei. Letztlich bleibt die diffuse Hoffnung auf einzelgängerische Hacker, die zumindest etwas Transparenz stiften könnten. Wie aber diese Einsichten, selbst wenn sie möglich wären, in einer medial kontrollierten Gesellschaft allgemein zugänglich machen? Diese entscheidende Frage bleibt ausgespart.

In der Sektion des Schweizer Films überzeugte ebenfalls ein Dokumentarfilm. Guru Bhagwan, His Secretary And His Bodyguard kommt noch einmal auf den von der Weltpresse gejagten Bhagwan zurück, der es wagte, den kapitalistischen Ausbeutungsmechanismen durch Lohnarbeit ein anderes Lebens- und Produktionsmodell entgegenzusetzen, wo sexuelle Sinneslust jenseits aller Paaresenge und meditative Selbsterfahrung sich verbunden fanden zu einem hedonistisch orientierten Lebensstil. In diesen Kommunen wurde hart gearbeitet, dies war eine der Hauptangriffslinien der Pressekritik, als ob außerhalb der Kommune es sich leichter überleben ließe. In die Enge getrieben militarisierten sich die Bhagwan Anhänger zunehmend. Die Dokumentarfilmer Sabine Gisinger und Beat Häner resümieren die Geschichte einer gescheiterten Rebellion durch lange Gespräche mit den beiden engsten ehemaligen Vertrauten Bhagwans, seiner Assistentin und seines Helfers und späteren Bodyguards. Beide verbergen weder ihre erste Faszination und ursprünglichen Enthusiasmus noch ihre spätere Enttäuschung und Desillusion, mitzuerleben, wie der quicklebendige, inspirierende Lebensstilmeister zunehmend degenerierte und abdriftete in einen kindischen Kauftrieb und Medikamentenmißbrauch, um schließlich selbst vor Hypokrasie und Verleumdung nicht zurückzuschrecken. Vielleicht, so ließe sich folgern, ist es doch ein unlebbares Projekt, im Zentrum der Lustgemeinschaft, pausenlos die Rolle des Unantastbaren und Erhabenen spielen zu müssen.

Der wichtigste Film des Locarner Festivals 2010 kam, wie der offizielle Gewinnerfilm, aus China, und man mag die Festivalleitung nur beglückwünschen, dieses Werk nicht aus formalen Gründen – 6 Stunden Spielzeit – aussortiert zu haben. Karamay von Xu Xin ist ein scharfer Scan durch die Funktionsweise der aktuellen chinesischen Gesellschaft, ihre politischen Institutionen und Lebensbedingungen, zum anderen ein einprägendes Werk über die Abgründe und Erhabenheit der menschlichen Natur, organisiert um ein traumatisches Ereignis und seine (untersagte) Aufarbeitung. An die 16 Jahre ist es nun her, daß während eines Großbrandes 323 Menschen in Karamay am Rande der Gobiwüste ums Leben kamen, darunter 288 Kinder zwischen 6 und 14 Jahren, die begabtesten Schüler, die ein Spektakel zu Ehren einiger Offizieller geben sollten. Mit zwei Stunden Verspätung trafen die bereits stark angetrunkenen Gäste schließlich am Schauplatz ein. Als bald darauf ein Feuer sich schnell und unkontrolliert verbreitete, hieß die Order, erst die Offiziellen zu evakuieren. Die Kinder wurden zum Teil von ihren Lehrern im Stich gelassen und kamen in den Flammen um.

Xu Hin bringt eine Fülle von Menschen vor die Kamera, die enttäuscht und desorientiert entschieden haben, das Gebot des Stillschweigens zu überschreiten. Bis heute sind keine offiziellen Todesurkunden geschrieben, kein Memorandum gehalten und keine publizierte Aufklärungsarbeit geleistet worden. Eine Untersuchungskommission tagte lediglich acht Tage. Mit Kompensationen wurden einige der Opfer oder Opferangehörigen zum Schweigen gebracht. Anderen wurde, nachdem die Ortschaft zunächst in der ersten Woche informationstechnisch von der Umbebung abgeschnitten war, dringend abgeraten, sich nach Bijing aufzumachen, um Ansprüche einzufordern oder sich an die Presse zu wenden. Geschah dies doch, auch lange Zeit darauf, standen sie unter ständiger Beobachtung und fanden bei der Presse keine Aufmerksamkeit.

Die Befragten verbergen ihre Ängste nicht, auch übrigens nicht die um den Dokumentarfilmer selbst. Abgesehen von organisatorischen Versagen auf allen Ebenen, wie leicht brennbare Materialien, nicht existente Brandkontrollen, eine völlig desorientierte und ungeschulte Feuerwehr, die ohne Wasser am Unfallort eintraf und Ärzte, die, wie sich zu spät herausstellte, versehentlich noch Lebendige in die Leichenhalle schoben, ist das Ereignis ein partikulares Beispiel menschlichen Fehlverhaltes, da einige der Fliehenden hinter sich den einzigen Fluchtweg durch das Hinterziehen des Gitters zusätzlich erschwerten, oder auf die Körper auf dem Boden liegender Kinder traten, wie später gefundene Fußspuren auf den Kadavern bezeugten.

Einige der Interviewten greifen in ihrer Kritik weiter aus und fragen sich, was Sozialismus und Kommunismus heute konkret sei und wie man eine Gesellschaft zu interpretieren habe, die im Rahmen ihrer Kontrollmechanismen selbst Kindergeburts- und Heiratsrechte attributiert und das Versagen ihrer Verantwortlichen nicht einzugestehen vermag.

Neben dem traurigen Panorama des Desasters und Versagens hört man plötzlich von einem schwer verbrannten Kind, das bis heute nie vor den Augen seiner Eltern geweint hat, um sie nicht noch trauriger zu stimmen.

Während der letzten Vorstellung dieses außergewöhnlichen Werks in Locarno hatte der Film noch keinen Vertreiber gefunden. Keine TV-Station hatte sich interessiert erklärt. Lediglich zwei Festivals fragten den Film an. Dies wird sich ändern. 2010-08-23 11:34
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