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Alle Räder stehen still
Von Stefan Höltgen
Am letzten Fantasy-Filmfest-Tag in Berlin setzt das Festival noch einmal ein deutliches Zeichen: Fort vom Genre-Festival, hin zu mehr Arthouse-Kino. Die Zuschauer sind geteilter Meinung, die Filme jedoch teilweise überragend.
Vor der Vorführung von
For the Good of Others, der im Frühjahr bereits auf der Berlinale zu sehen gewesen ist, bekomme ich Gesprächsfetzen zweier Leute mit: Der eine vermißt am letzten Festivaltag im Rückblick diejenigen Filme, die das Festival bislang ausgezeichnet hatten. Insbesondere Genre-Filme zu etablierten Motiven wie Zombies, Funsplatter und Torture-Porns. Der andere beschwert sich darüber, daß die Zuschauer wieder einmal vom Heft und den Ankündigungen für dumm verkauft wurden; daß es Falschinformationen zu Filminhalten gab und daß Beiträge über den grünen Klee gelobt wurden, die schlicht und ergreifend handwerklich miserabel waren (die Titel
Hybrid und
Hatchet 2 fielen).
Nun,
For the Good of Others ist zumindest dem Genre nach ein Film fürs Festival: Ein Arzt erhält von einem Sterbenden die Fähigkeit, durch Handauflegen heilen zu können. Was er aber erst spät herausfindet: Jedes mal, wenn er die Gabe einsetzt, wird jemand aus seiner Familie krank, kränker und stirbt. Der Arzt, der zu Beginn des Films noch wenig Empathie für seine Patienten übrig hatte, steht nun vor der Frage, was er bereit ist zu opfern, um helfen zu können – zumal zuerst das Leben seines Vaters, dann das seiner Tochter auf dem Spiel stehen.
Der von Alejandro Amenábar produzierte Film ähnelt in Handlungsort und Story dessen
Mar adentro, wenngleich Oskar Santos'
For the Good of Others weniger moralische Tiefe besitzt. Dennoch ist der Film ein echter Tearjerker und nicht zuletzt durch seinen großartigen Hauptdarsteller eine Ausnahmeerscheinung auf dem Festival. Leider verheddert er sich gegen Ende etwas in seinem fantastischen Regelkonstrukt, so daß gar nicht recht klar wird, wer warum auf welche Weise die Heilkraft besitzt und weitergibt.
Der Abschlußfilm
Rubber war ebenfalls pures Arthouse-Kino, allerdings eines mit selbstreflexivem Augenzwinkern. Der Film erzählt die Geschichte eines lebendig gewordenen Autoreifens, der durch die Gegend rollt, Tiere und Menschen tötet und von der Polizei gejagt wird. Die Rahmenhandlung zeigt eine Gruppe Menschen, die das Geschehen mit Ferngläsern verfolgen und eine Art Kinopublikum darstellen sollen. Damit ist
Rubber zugleich ein bissiger Kommentar auf Genrefilme (natürlich insbesondere Roadmovies) wie auch eine spannende Auseinandersetzung mit Motiv- und Erzählkonstruktionen, die beide beständig von den Protagonisten reflektiert werden.
Regisseur Quentin Dupieux, der durch sein
Mr. Oizo-Musikprojekt bekannt ist, liefert mit
Rubber einen Film in bester anarchischer US-Independent-Manier ab. Man fühlt sich zeitweilig an die Filme David Lynchs oder Jared Hess' erinnert; insbesondere aufgrund der skurrilen Figuren, von denen neben dem Autoreifen vor allem der kaum wiederzuerkennende Wings Hauser als einzig Überlebender des Filmpublikums auffällt. Hauser gehörte zu den Action-Helden der zweiten Liga und hat insbesondere in den 1980er und 1990er Jahren zahlreiche Kriegs- und Actionfilme gedreht.
Das 24. Fantasy-Filmfest hat mit
Rubber einen krönenden Abschluß gefunden, nicht nur, weil der Film – wie eingangs geschrieben – die markante Entwicklung des Festivals unterstreicht, sondern weil er zumindest für mich auch ein wenig Trost gespendet hat, nach einer allzu mittelmäßigen Ausbeute an Filmen. Man kann ja leider immer nur die Hälfte der dort gezeigten Filme sehen, weswegen Aussagen über das Festival immer nur »die halbe Wahrheit« sein können. Herausragendes ist mir in »meiner Hälfte« jedoch nicht begegnet, wenngleich einige Filme (insbesondere
The Reef und
Frozen) schon Highlights gewesen sind. Eine echte Entdeckung sei – habe ich mir sagen lassen – der von mir nicht gesehene
Amer gewesen – eine Hommage an das Giallo-Kino. Es scheint mir allerdings bezeichnend zu sein, wenn der beste Film des Festivals einer ist, der alte Zeiten wieder aufleben läßt – Gialli gab es nämlich auch einmal retrospektiv (etwa 1997 in einem Dario-Argento-Schwerpunkt) auf dem Fantasy-Filmfest zu sehen.
2010-08-26 14:59