— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Fantasy Filmfest 2010

24. Fantasy Filmfest. D 2010. L: Stefan Joachim.
Berlin, 17. – 25.8.10
02

Crossing the borders

Von Stefan Höltgen Auch der zweite Tag startet noch gemächlich, zumal man sich noch nicht zwischen zwei Filmen entscheiden muß. Von den fünf Programmpunkten habe ich mir drei angesehen – einen allerdings bereits vor einem halben Jahr auf der Berlinale.

Dabei handelt es sich um Michael Winterbottoms Serienmörderfilm The Killer inside me, und wer Winterbottoms Filme kennt, ahnt bereits, daß er das Sujet nicht auf konventionelle Weise umsetzt. Vielmehr ist ihm an einem Brückenschlag zwischen den 1950er Jahren und Heute gelegen: Sein Killer ist ein US-amerikanischer Sheriff, der als Kind von seiner Mutter für paraphile Zwecke mißbraucht wurde und deshalb psychopathische Züge entwickelt hat. Die äußern sich zum einen darin, daß sich hinter seiner Posterboy-haften Fassade ein sadistischer, frauenverachtender Charakter verbirgt; zum anderen mißbraucht der Killer seinen Brotjob als Gesetzeshüter, um Verbrechen zu begehen und zu decken.

Eine stadtbekannte Prostituierte, gespielt von Jessica Alba, leidet unter dieser Janusköpfigkeit ebenso wie die Ehefrau des Protagonisten. Während er letzterer das ungeborene Kind aus dem Leib prügelt, muß erstere mit einem eingedroschenen Gesicht für ihr allzu großes Vertrauen zahlen. Da sich Winterbottoms Film allzu sehr für derartige Gewaltexzesse interessiert (allein die Alba-Verprügelung grenzt an visuelle Vergewaltigung!) verstrickt sich die Story des Films mehr und mehr in Untiefen und Widersprüche. Diese könnten allerdings auch bewußt angelegt sein, denn jener Brückenschlag zwischen zwei Serienmörderfilm-Epochen geht notwendigerweise nicht ohne Friktionen ab. Insbesondere die Verundeutlichung von Täter-, Opfer- und Ermittlerrollen führen ja im postmodernen Serienmörderfilm (beispielsweise Natural Born Killers) zu ebensolchen Brüchen. Winterbottoms The Killer inside me liefert daher einen ebenso verstörenden wie interessanten Blick auf unsere Perspektive auf die 1950er – in der der Serienmörder dann vielleicht nur noch eine politische Parabel ist.

Zu einer solchen geraten auch die Kontrahenten in Neil Marshalls Centurion. Der Regisseur ist seit seinem Debüt Dog Soldiers (2002) für Kippfiguren und Plottwists bekannt – zuletzt konnte man dies in The Descent (2005) bewundern. Nachdem er mit Doomsday (2008) einen Ausflug in den Postapo-Trash unternommen hatte, kommt Centurion nun wieder der ursprünglichen Handschrift Marshalls näher. Erzählt wird ein Ausschnitt aus der Geschichte der Invasion Roms in Britannien im Jahr 117. Der Erzähler und Held des Films überlebt als einziger den Überfall einer »barbarischen Horde« (die Briten sprechen – im Gegensatz zu den Römern – nämlich kein Englisch!) auf eine römische Legionärstruppe und schließt sich nach der Flucht einer anderen Einheit an. Auch diese wird jedoch kurze Zeit später bis auf wenige Mann hingemetzelt. Der klägliche Rest versucht die Flucht nach hinten anzutreten, wird aber von den Briten erbarmungslos gejagt.

Markant ist die moralische Indifferenz, in der der Film seine Figuren – die Römer wie die Briten – hält. Der Zuschauer wird Zeuge von »Kriegsverbrechen« beider Seiten, die jeweils auf »höhere Order« oder auf Rache basieren, und kann sich daher für keine der beiden Parteien entscheiden – aber auch nicht gegen eine von ihnen. Daß Marshall moralische Vorstellungen von Kriegsführung des 20. Jahrhunderts (man könnte fast meinen, der Protagonist habe die Genfer Konvention gelesen) auf den römischen Imperialismus überträgt, ist allerdings weniger revisionistisch als bemerkenswert vor dem Hintergrund »humanitärer Kriegseinsätze« heutiger westlicher Armeen.

Vollends ins Parabelhafte führt den Zuschauer dann das Highlight des zweiten Fantasy-Filmfest-Tages, Monsters von Gareth Edwards. Nach einem verunglückten Raumflug bringt eine Rakete außerirdische Sporen auf die Erde, die im nördlichen Mexiko zu einer regelrechten Alien-Invasion führen. In einer »infected zone« machen hochhausgroße Land-Kraken das Überleben der Menschen unmöglich und vermehren sich zudem virusartig. Bombardierungen mit chemischen Waffen haben nichts geholfen und so errichten die USA eine Mauer zur Grenze nach Süden, die der chinesischen in nichts nachsteht. Durch das Alien-Gebiet muß sich nun ein Pärchen schlagen – er Journalist, sie die Tochter seines Chefredakteurs –, weil alle anderen Verbindungen aus Mexiko in die USA unterbrochen sind. Der Zuschauer wird infolgedessen zum Zeugen eines wahren Todeszuges (die soll es zwischen Mexiko und den USA ja wirklich geben).

Neben zahlreichen politischen Implikationen springt natürlich die Seuchen-Metapher besonders ins Auge. Der Film entstand zur Zeit der Schweine-Grippe, die insbesondere von Mexiko aus ihren Weg nach Norden gefunden hat. Aus der ganz kleinen eine übermenschlich große Bedrohung wachsen zu lassen, ist das Privileg von Science-Fiction-Filmen. Und so steht Marshalls Monsters dann auch in enger, zeitweise allzu enger Traditionslinie zu Filmen wie Stalker, District 9 oder Cloverfield. Wie seine Vorbilder konzentriert er sich weniger auf die Monsterdarstellung (die machen sich sogar regelrecht rar im Filmbild), als auf die menschlichen Beziehungen, so daß die Monster auf diese Weise noch stärker zu einer sozialen Metapher werden. 2010-08-19 13:11

Weitere Artikel

© 2012, Schnitt Online

Sitemap