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Clermont-Ferrand 2010

32th International Short Film Festival & Market. F 2010.
Clermont-Ferrand, 29.1. – 6.2.10
Tornike Bziavas Aprilis Suskhi (Aprilfrische)

Größe ohne Dünkel: ein unprätentiöses Megafestival

Von Dieter Wieczorek Jedes Jahr aufs Neue kann man in Clermont-Ferrand nur konstatieren: das scheinbar Unmögliche ist möglich. Zehntausende Kurzfilmbegeisterte aller Altersschichten sind hier Ende Januar schon früh des Morgens unterwegs, scheuen weder Kälte noch Regen, um die diversen Spielstätten zu füllen, oftmals ausgestattet mit Papier und Bleistift, um gar nicht erst den Eindruck aufkommen zu lassen, bloß passiver Betrachter zu sein. Immerhin lädt das Festival an die 20 Jurys an den Ort, bestehend sowohl aus Schülern wie auch Festivalleitern und weltweit renommierten Regisseuren. Bei all den Superlativen ist es Clermont-Ferrand hoch anzurechen, nie dem sonst üblichen Trend erfolgreicher Festivals gefolgt zu sein, sich in prätentiöse, glamouröse und elitäre Veranstaltungen mit snobistischen Insiderattitüden zu transformieren, um nicht zu sagen: zu pervertieren. Hier liegt immer noch der ursprüngliche Hauch von Spontaneität und Improvisation über dem bunten Treiben. Der Kommerz hat sein aseptisch zersetzendes Werk hier noch nicht verrichtet. Das Festival organisiert, auch in Zusammenarbeit mit internationalen Partnern, täglich festliche Veranstaltungen, die zumindest überwiegend allen Akkreditierten offenstehen. Hinzu kommen die abendlichen Treffen der Filmemacher und natürlich die alltäglichen Happy Hours in der Filmmarkthalle. Die Kurzfilmfestivalwelt ist plauderfreudig und eher fröhlich flexibel. Viel Entscheidendes ergibt sich unformell und spontan. Der Kurzfilm ist on-the-road, und will es auch bleiben.

Clermont-Ferrand ist der nicht nur umfangreichste europäische Treffpunkt des internationalen Kurzfilms. Neben den Hauptprogrammen, 14 internationale Wettbewerbsblöcke, 12 französische, zwei regionale und fünf »Labs«, die experimentellere Arbeiten präsentieren, bekommen hier nicht nur Filmverleiher, sondern auch Länderdelegationen die Möglichkeit, eine Auswahl ihrer aktuellen Filmproduktionen vorzustellen.

Darüber hinaus werden an den sechs unterschiedlichen Spielorten Sonderprogramme gezeigt, dieses Jahr etwa zum Film d'Auverge, zu Themen wie »Décibels« oder »Zombies« sowie ausgewählte Arbeiten der sich besonders für den Autoren- und Kunstfilm einsetzende »Groupe de Recherche et d'essays cinématographique«. Bereits zum dritten Mal präsentiert sich der afrikanische Kurzfilm, eine Hommage an den zwar aufstrebenden, aber immer noch als kulturelle Entwicklungszone zu bezeichnenden Kontinent. Vorwiegend sind es französische (Ko-)Produktionen, die hier Eingang finden, während eine autonome afrikanische Produktion scheinbar kaum sich bereits entwickelt hat.

Die Höhepunkte der Sonderprogramme waren jedoch gewiss die Filmschau aus Wapikoni, einem abgeschiedenen Siedlungsgebiet kanadischer Ureinwohner, die hier erstmalig in Europa auftraten, sowie der schwerpunktmäßig präsentierte marokkanische Film, der auf immerhin neun unterschiedliche Filmblöcke verteilt in dieser Größenordung ebenfalls Premiere feierte.

Im Einzelnen hervorzuheben wäre im internationalen Programm vor allem der aus Georgien stammende Film Aprilis Suskhi (Aprilfrische) von Tornike Bziava, der in einem von Gewalt gezeichneten Szenarium eine Form des poetischen Widerstandes inszeniert. Ein heiteres, auf vier Minuten kondensiertes Werk zur Solidarität und Menschlichkeit kommt aus Mexiko: La Patrona von Lizzette Argüello, zeigt Frauen, die den in Güterzügen eingepferchten Emigranten Nahrung und Wasser bereitstellen. In On the Run with Abdul verfolgen die drei großbritischen Filmemacher David Lalé, James Newton und Kristian Hove das Schicksal des in Calais nach Fluchtmöglichkeiten zur englischen Küste Ausschau haltenden Emigranten Abdul. Ihre filmende Präsenz hat fatale Folgen für den jungen Mann. Das Team wird in einer wesentlich intensiveren Weise gefordert, sich der oft ausweglos erscheinenden Realität der Flüchtlinge zu stellen.

In den experimentellen Programmen blieb vor allem Strange Lights von Joe King und Rosie Pedlow (GB) in Erinnerung, die die merkwürdigen Ereignisse um den bekanntesten UFO-Fall auf großbritischem Terrain in einer angemessen mysteriösen Weise ins Bild bringen. Die Finnin Iris Olsen gestaltet eine Reihe von Miniaturporträts während einer transsibirischen Zugfahrt. Die Nacht erlaubt es, Geschichten zu hören, sie sonst nur Vertrauten vorbehalten bleiben. Die den Film auszeichnende Intimität ist Olsens subtiler Kameraarbeit zu verdanken, die zwischen genauer Beobachtung und (vermiedenem) Voyeurismus die genaue Waage hält. Der deutsche Beitrag Zeitriss von Quimu Casalprim i Suarez schafft eine audiovisuelle Demonstration der lacanschen These, das Reale breche nur unwahrnehmbar (und unsagbar) als Riss, Spalt und Abgrund ein. Die scheinbar ereignislose Alltagsbanalität wird kontrapunktiert mit einer wie aus einem Paralleluniversum stammenden traumatischen Invasion. 2010-02-10 11:35
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