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Paris Cinéma 2010

Festival Paris Cinéma. F 2010. L: Aude Hesbert.
Paris, 3. – 13.7.10

Publikumswirksame Retrospektive

Von Dieter Wieczorek Seit acht Jahren bereits hat das Pariser Sommerpublikum die Möglichkeit, für einen recht preisgünstigen Pass, zehn Tage lang teilzuhaben an Filmweltkultur. Die Spielorte sind über die ganze Stadt verteilt und beziehen so renommierte Institutionen wie die Pariser Cinémateque und das Forum des Images mit ein.

Dieses bei weitem bestsubventionierteste Pariser Filmfestival hat während seiner Laufzeit viele kleine engagierte und gegen den Mainstream rebellierende Festivals verschwinden oder an den Rand des Verschwindens gedrängt gesehen. Paris Cinéma dagegen hat alle Mittel, auch einem gewissen Starkult zu frönen. So wurden dieses Jahr vor allem Jane Fonda, M. Night Shyamalan, der in Paris kaum zu entdeckende Louis Garrel und Eugène Green in Retrospektiven gewürdigt und zu Meisterklassen geladen. Zur Werkschau des über Moden und Trends erhabenen Eugène Green kann nur beglückwünscht werden. Dieser Meister einer neuen, wie auch immer säkularisierten Religiosität konfrontiert seine Gestalten, die in ihrer sich entblößenden, ungeschützt intimen Redeform oft an Robert Walser-Figuren erinnern, entsprungen einer anderen, scheinbar reineren Welt, immer wieder mit Alltagsslang und vulgär nivellierenden Momenten des Alltagslebens. Diese Brechungen sind bei Green zu großer Virtuosität gesteigert und werden zur eigentlichen »Message«. Kein Werk Greens, das sich nicht an den großen Themen Liebe und Tod, Lebenssinn und Lebensstil, Begehren und Absage, Glaube und Zweifel reibt, in einer an Dostojewski erinnernden, insistierenden Attitüde. Gerade durch die ironischen Brechungen schafft Green die Möglichkeit einer Anknüpfung an religiöse und mystische Erfahrungsformen, die den Zuschauer, trotz einer zunächst oft ablehnenden ersten Reaktion, zunehmend faszinieren und bannen.

Gemeinhin will Paris Cinéma ein Publikumsfestival sein. Weniger wird man hier Neuendeckungen machen, als an einer umfangreichen Rückschau auf wichtige, in den A-Festivals Berlin, Cannes, Locarno, Venedig etc. präsentierte Werke des verstrichenen Jahres, teilnehmen können – teils triumphierende, darunter Cannes Palmenträger Oncle Boonmee, teils nicht die nötige Beachtung gefunden habende. Wenn auch bereits im Mai im Pariser Forum des Images einige unter ihnen Revue passierten, wie Des Filles en Noir Jean Paul Civeyracs oder Fabiennes Berthauds wunderbares Porträt der rebellischen Lily in Pieds nus sur les limaces, hier kann man sie noch einmal sehen. Immerhin an die 60 Werke, zumeist Vorpremieren der nächsten Spielzeit, werden dem Publikum zur Vorsensibilisierung angeboten. Das internationale Wettbewerbprogramm ist dagegen eher überschaubar und umfaßt dieses Jahr lediglich acht Filme, darunter der deutsche Beitrag Der Räuber von Benjamin Heisenberg und Cleveland contre Wall Street von Jean-Stéphane Bron, eine Dokumentarfiktion, die die verhängnisvollen Machenschaffen der US-Börsenspekulanten seziert, die durch Doppelkredite Kleinimmobilienbesitzer mit strategischer Perfektion in die Verschuldung samt anschließender Verarmung und Bankrotterklärung treiben. Diesjähriger Preisträger war Zhang Lu Dooman River (Der Fluß Dooman), ein Film, der überzeugt durch sein sensibles Einfangen einer auf der politischen Weltkarte völlig unbeachteten Region: das chinesisch-nordkoreanische Grenzgebiet. Verzweifelte Fluchtversuche, durch Gewaltschübe pervertierte Begegnungen und oftmals traumatisierte Personen kennzeichnen die triste Szenerie. Um ihre Existenz fürchtende, verarmte Chinesen treffen auf Koreaner, die politischer Unterdrückung oder auch nur massivem Hunger entfliehen wollen, ein Krisenzustand, für den eine Lösung zu finden nirgends auch nur diskutiert wird. Zhang Lu gibt der Kälte, dem Schweigen und der Isolation viel Raum durch seine asketisch unprätentiöse Kameraführung und den Verzicht auf jede Begleitmusik. In dieser eisigen Schneelandschaft gibt es keine Schutz- und Sicherheitszonen, keine Verbindlichkeiten. Jede Begegnung kann fatal sein, jede Geste zählt. In Berlin erhielt Zhang Lus Film eine Auszeichnung. In Paris Cinéma ist er ein bekannter Gast. Bereits zwei seiner früheren Filme wurden hier in den letzten Jahren gewürdigt.

Publikumswirksam sein wollen will auch heißen, daß Gewalt und Sex nicht gerade tabuisierte Themen der Filmauswahl sind, besonders nicht im eigentlichen, dem japanischen Film gewidmeten Schwerpunktprogramm dieses Jahres. Doch auch hier fanden sich zuweilen komplexere und feinere Töne angeschlagen, wie etwa in dem eindringlichen Portrait des Performancekünstlers Pyuupiru, der seinen eigenen Körper – dem Konzept Orlans nicht fern - in immer neuen exzentrischen Varianten und Ausschmückungen zum eigentlichen Thema macht. Leitmotiv seiner Auftritte ist die langsame Transformation seines ursprünglich männlichen Körpers in einen weiblichen, nicht nur durch stets originelle Kostümierung, sondern auch durch eine Reihe chirurgischer Eingriffe. Daishi Matsunagas Dokumentarfilm Pyuupiru 2001-2008 ist der Versuch, die Schlüsselmomente, Zweifel, Ängste und Glückserfahrungen dieses einzelgängerischen Lebens einzufangen. Ohne Scheu vertraut sich Pyuupiru der Kamera Matsunagas an. Zu Wort kommen gleichfalls seine Eltern, sein Bruder und einige wenige Freunde, die aus ihrer Sicht den oft schmerzhaften Übergang von einer Identität zur anderen kommentieren.

Paris Cinéma bietet in diesen Tagen auch diverse Nachtprogramme und ganz zum Schluß ein gigantisches, ebenfalls recht publikumwirksames Abschlußfest im Technodiscorockdress. Den Champagner aber trinkt man lieber unter sich, der Crew, den Partnern und einigen sehr spezifischen Gästen. Hier haben auch die nicht mehr Teil, die nichts anderes tun, als sich für ein nuanciertes Kino einzusetzen. Die institutionelle Kälte nimmt zu, nicht nur in Paris.
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