Festival del film Locarno 2010

63° Festival internazionale del film di Locarno. CH 2010. L: Olivier Père.
Locarno, 4. – 14.8.10
06

Lust am Neuen und Unerwarteten

Von Patrick Heidmann Mit Debüts ist das so eine Sache: man legt sich voll ins Zeug, um gleich beim ersten Mal so richtig Eindruck zu machen und zu zeigen was man kann. Aber trotzdem zögern am Ende alle mit einem abschließenden Urteil, weil sie lieber noch ein wenig warten, ob man sein Niveau überhaupt halten kann oder vielleicht doch eher eine Eintagsfliege war. Auch was nun Olivier Pères' erstes Jahr als künstlerischer Leiter beim Festival »Internazionale del film Locarno« angeht, das am Samstag zu Ende ging, ist die Beurteilung nicht ganz einfach. Schwieriger jedenfalls, als jene über die zum Abschluß verliehenen Preise. Denn die von der Jury unter dem Vorsitz des Regisseurs Eric Khoo vergebenen Auszeichnungen gehen im Großen und Ganzen in Ordnung.

Den Goldenen Leoparden gewann der chinesische Film Han Jia von Li Hongqi, der in langen, oft kaum bewegten Szenen von vier Jugendlichen erzählt, die ihre Winterferien in einem trostlosen Dorf in der nordchinesischen Provinz verbringen. Überraschend viel schrägen Humor ließ der Regisseur in seinem dritten Spielfilm unter der geradezu stoischen Oberfläche der Geschichte aufblitzen, und letztlich schloss sich mit der Ehrung für ihn im Tessin ein Kreis. Zu Beginn war mit Jia Zhang-Ke schließlich ein anderer, international bereits sehr viel etablierterer Regisseur aus China mit dem Ehrenleoparden für sein Lebenswerk geehrt worden.

Stark präsentierte sich in Locarno auch das Kino aus Osteuropa. Der Rumäne Marian Crisan gewann den Spezialpreis der Jury sowie den Preis der Ökumenischen Jury für Morgen, einer weiteren Provinzgeschichte, in der ein Wachmann an der rumänisch-ungarischen Grenze einen türkischen Flüchtling aus dem Wasser fischt. Crisans Landsfrau Ana Ularu, die im zweiten rumänischen Beitrag Periferic die Hauptrolle spielte, ging leider ebenso leer aus wie Französin Jeanne Balibar, die im deutschen Film Im Alter von Ellen von Pia Marais beeindruckte. Stattdessen gewann den Leoparden für die Beste Darstellerin – durchaus nicht unverdient – Jasna Duricic für den mitunter etwas zu folkloristischen Publikumsliebling Beli Beli Svet, eine serbisch-deutsch-schwedische Koproduktion.

Die Preise für die Beste Regie (Denis Côté) und den Besten Darsteller (Emmanuel Bilodeau) schließlich gingen an die etwas rätselhafte kanadische Vater-Tochter-Geschichte Curling. Olivier Père dürften nicht zuletzt diese beiden Auszeichnungen freuen, ist doch dieser düster-atmosphärische Gruselfilm einer von vielen Beiträgen gewesen, die sich unter dem Begriff Genrekino subsumieren ließen. Wie bei keinem anderen A-Festival sonst konnte man in Locarno in diesem Jahr mysteriöse Thriller, blutigen Horror oder Science-Fiction-Elemente entdecken.

Nicht immer wurde dieser Mut zur Offenheit, diese Lust am Neuen und Unerwarteten, die dazu führte, daß herkömmliches Erzählkino mit schwulen Zombies oder einer sechsstündigen Dokumentation um den Hauptpreis konkurrierte, belohnt. Besagte Untote in Bruce LaBruces L.A. Zombie oder auch Christoph Honorés sexuell durchaus explizite, aber angenehm leichfüßige Impro-Spielerei Homme au bain (mit Chiara Mastroianni, einer weiteren Ehren-Preisträgerin des Festivals) stießen auf wenig Gegenliebe, weswegen manch einer Père vorwarf, auf einen Skandal spekuliert zu haben, der dann doch nicht eintreten wollte. Insgesamt aber muß man konstatieren, daß diese sehr bunte Mischung nicht nur tatsächlich Entdeckungen wie Curling oder Han Jia bereithielt, sondern auch insgesamt einem Festival wie Locarno, das auf junges Kino spezialisiert ist und wenig traditionellen Glamour zu bieten hat, gut zu Gesicht steht. Bleibt nur abzuwarten, ob das ausreicht, um die eigene Handschrift eines künstlerischen Leiters zu definieren.

Das gilt übrigens auch für jene Filme, die außer Konkurrenz auf der großen Altstadt-Piazza gezeigt wurden. Auch hier stand – neben amerikanischem Independent-Kino wie Cyrus oder einem filmischen Denkmal für die Schweizer Radsportlegende Hugo Koblet – Genre auf dem Programm. Nach den unterhaltsamen Hinterhofzombies des Deutschen Marvin Kren (Rammbock), dem mordenden Autoreifen aus Rubber und einem prominent besetzten französischen Anwaltsthriller (L'Avocat) stand kurz vor Schluß noch die Premiere der deutschen Bestseller-Adaption Das letzte Schweigen auf dem Programm. Regisseur Baran bo Odar – geboren in der Schweiz und wohnhaft in Erlangen – und seine Schauspieler wie Burghart Klaußner, Wotan Wilke Möhring und Katrin Sass hatten das Pech, daß in der zweiten Festivalhälfte das Wetter nicht mehr so wirklich mitspielen wollte, weswegen das stimmungsvolle Open Air-Kino nur etwa zur Hälfte gefüllt war. Doch der mehr als wohlwollende Applaus darf trotzdem als gutes Omen für den am Donnerstag bevorstehenden Kinostart dieses extrem souverän inszenierten Films gesehen werden. Ein Debüt übrigens auch er, und ähnlich wie der Einstand von Olivier Père in Locarno, macht er neugierig auf mehr. 2010-08-16 11:39

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