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Mostra Internazionale del Nuovo Cinema

47° Mostra Internazionale del Nuovo Cinema. I 2010. L: Giovanni Spagnoletti.
Pesaro, 19. – 27.6.10
Hatte auch in Pesaro einen großen Lauf: Benjamin Heisenbergs Der Räuber.

Rebellisch, sanft, unverzichtbar

Von Dieter Wieczorek Gleich neben Turin und Venedig gehört die »Mostra internationale del nuovo cinema« in Pesaro zu den wichtigsten Filmfestivals Italiens. Bereits in seiner 46. Edition verteidigt Pesaro seinen Ruf, nicht nur Filmfestival, sondern Entdeckungsort zahlreicher italienischer Erstaufführungen und vor allem Ort kritischer Konfrontation mit der zeitgenössischen Realität zu sein. Besonders jungen Talenten und gerade sich neu abzeichnenden Tendenzen wird hier Raum zugestanden. Daß ein solches »Fern-ab-vom-Mainstream-Festival« im aktuellen Italien, wo selbst eine bei weitem unkritischere als die hier praktizierte Kultur aus der Sicht maßgeblicher politischer Entscheidungsträger anscheinend überflüssig ist, »mit einigen Schwierigkeiten« zu kämpfen hat, braucht nicht näher erläutert zu werden. Nur der eisernen Energie des immer regen Festivaldirektors Giovanni Spagnoletti und seines kleinen Teams ist es zu verdanken, daß Pesaro im Jahr 2010 nicht nur sich behauptete, sondern anknüpfte an seine besten Traditionen.

Genau 30 Jahre ist es her, daß hier das russische Cinema in Italien zum ersten Mal panoramaartig präsentiert wurde, ein Ereignis, das in Italien auch in den Folgejahrzehnten konkurrenzlos blieb. Nun war es wieder soweit. Nach den massiven Umbrüchen im Ex-Sowjet-System war es an der Zeit, den Stand der Dinge in Russland erneut zu scannen. In Pesaros Innenspielstätten, aber auch auf dem zentralen Platz, Open Air des Nachts, wurde dem Publikum ein Kino der Dringlichkeit und Unruhe vorgeführt, wo der Überlebenskampf die merkwürdigsten und fatalsten Blüten treibt, eine Gesellschaft ohne Sicherheit und Limits, eine Ansammlung ungewollter Borderliner inmitten der globalen Katastrophe großer Kapitalverschiebungen und Verarmungsschübe.

Wie wunderbar ist es, in diesem Desaster jedoch auch solch sensible und nuancierte Werke wie Vera Storozhevas Travelling with Pets zu finden, die die langsame, ebenso anmutige wie willenstarke Heimkehr einer Frau zu sich selbst schildert, deren Kindheit und Jugend eine endlose Folge der Fremdbestimmung und Bevormundung war. Sie in ihrer ärmlichen Hütte neben dem Bahngleis ihre kleinen Entdeckungen machen zu sehen, die ersten Erweckungen ihrer Sinnlichkeit durchlebend, gleichzeitig sich freischlagend von allen neuen machohaften Anträgen, dies alles von der Kamera Storozhevas mit Lust am poetischen Detail eingefangen in minimalen Gesten ohne Pathos, Zwang oder Demonstrativität, macht dieses 2007 produzierte Werk zu einem der nachklingenden Ereignisse dieses Festivals.

Auch das russische Underground-Cinema, kondensiert in Moskau in der seit 1986 aktiven Formation »Cine Fantom«, blieb in Pesaro nicht unbeachtet. Ambiguität, Provokation, politischer Kommentar und Stilpersiflage werden hier in immer wieder neuen Formen auf die Spitze getrieben.

Gleichzeitig zeigt sich Pesaro stets zugänglich für sanfte und schwierige Töne, und bietet diese ohne Zögern auch einem nicht spezialisierten Publikum auf der nächtlichen Piazza an. So das ganz ohne Dialog auskommende, bestenfalls mit Zwischentiteln arbeitende Werk Pablo Stolls, Hiroshima, eine uruguayisch–kolumbianisch-argentinische Koproduktion, die nichts anderes einfängt als die simple Würde eines jungen Mannes, der ein wenig neben der Realität durch sein Leben schweift, fern von Erfolg und Ambition. Ein Werk wirklicher Filmkunst, die nicht auf Spektakuläres, sondern auf szenische Gestaltung zählt. Auch das immer wache Interesse am rebellischen Geist spiegelt sich in Pesaro unter freiem Himmel. Der in Berlin bereits gefeierte Der Räuber Benjamin Heisenbergs hatte hier seine italienische Uraufführung. Bereits der Vorfilm CO2 David Monacchis rebellierte, jedoch auf völlig andere Weise. In fatal suggestiver Schönheit zeigt Monacchi die schmerzhafte Zerstörung unseres Planeten mit eindrücklichen Bildern, die gern an den Bewußtseinsrand gedrängt werden.

Bei aller Subventionsnot trumpfte Pesaro sogar mit einem Plus. Zu noch späterer nächtlicher Stunde, wenn auf der Piazza die Vorhänge fielen, öffnete sich der Innenhof des Palazzo Gradori für weitere, noch innovativere Programme. Einerseits wurden hier neue Arbeiten der italienischen Video Art gezeigt, andererseits die caravaggiodurchtränkte, bereits Venedigs Biennale markiert habende, russische zynisch-schöne Kritik der aktuellen Genußkonsumkultur samt ihre neuen Varianten personalisierten Sklaventums (AES+F: Das Bankett von Trimalchio, 2009) sowie ausgewählte Filme des Pariser Internationalen Festivals Signes de Nuit (Zeichen der Nacht), darunter Amagul Menlibayevas rätselhaft metaphorisches Werk über einen Moment des Aufbruch im Kontext der globalen Emigration (siehe auch Art. Oberhausen 2010) und Werner Herzogs gewagte Konfrontation der Porträts äthiopischer Ureinwohnern mit im Off erschallenden Passagen aus Puccinis »Boheme«. Was als kulturelle Okkupation deutbar wäre, verkehrt sich in sein Gegenteil. Gesten und Blicke der Einheimischen halten in ihrer Intensität jederzeit der gewaltigen Musik als Symbol und Produkt westlicher Hochkultur stand.

Pesaro liegt am Adriatischen Meer, nicht weit entfernt von Rimini. Ein idealer Ort folglich, um am spätnächtlichen Strandkiosk bei einem letzten Glas die Tagesereignisse Revue passieren zu lassen oder auch darüber zu reflektieren, ob es nicht an der Zeit für ein Nachtbad sei. 2010-08-04 14:02
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