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Kurzfilmtage Oberhausen 2010

56. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen. D 2010. L: Lars Henrik Gass.
Oberhausen, 29.4. – 4.5.10
Kshy, Tra, Ghya (© Amit Dutta, Indien 2004)

Das Schlüsselfestival enttäuscht schon wieder nicht

Von Dieter Wieczorek Oberhausen ist gewiß unter den wichtigsten europäischen Festivals das experimentierfreudigste. Filme die Wahrnehmungsgewohnheiten irritieren, Erwartungen mehr als enttäuschen, provozieren und fleißig immer wieder alle möglichen Normen überschreiten, hier finden sie ihren Schauplatz. Das Festival öffnet sich den unterschiedlichsten Formen der audiovisuellen Szene, von der Video Art bis zum experimentellen Dokumentarfilm. Folglich trifft sich hier das vielleicht bunteste Festivalpublikum der europäischen Kurz- und Experimentalfilmszene, samt ihren Vertreibern, denen hier seit einigen Jahren nicht wenig Raum zugestanden wird, ausgewählte Arbeiten ihrer Programme zu zeigen. Bis tief in die Nächte networkt es dann allüberall zwischen Filmmachern, Festivaldirektoren und Vertretern von Kulturinstitutionen.

Daß es bereits und vorwiegend wild (vielleicht wilder es jemals Wieder) herging zu Beginn der Filmgeschichte, belegte ein großer thematischer Block, der den Anfängen des Kinos und dem Stummfilm gewidmet war. In anarchischer Fröhlichkeit traf hier die noch recht harte Mechanik der frühen Kameratechnik auf Körper und Objekte, die ihrer Parzellierungslogik radikal unterworfen wurde. Der menschliche Körper war hier lediglich Marionette oder Puppe, teilbar, klebbar, zusammenstückelbar, zerstörbar, wieder erweckbar, wie es der Kamerablick halt erlauben und feiern wollte. Köpfe rollen, Gliedmassen werden extrahiert und montiert, spielerisch und leicht, fern allen tristen Hemmungen des Wirklichkeitssinns. Das frühe Kino ist Parallelkosmos, Bühne und Spielfeld. Bevor es von der Manipulationsindustrie entdeckt wurde, war es ein virtuos rebellischer Raum und provokanter Kommentar, der seine Virtualität genüßlich ausspielte.

Fremdartig, aber wesentlich komplexer und anmutiger ging es in einer der Fokusprogramme zu, gewidmet einem der wohl eigentümlichsten und singulärsten Filmemacher unserer Tage. Sieben Kurzfilme des erst 32jährigen Inders Amit Dutta öffnen den Blick auf einen weltweit unvergleichlichen Kosmos. Virtuose Montagen, die Blick und Deutungswunsch immer wieder verwirren, sind hier verquickt mit einem komplexen Anspielungslabyrinth, bestehend aus historischen Reminiszenzen, Fabeln, Kindergeschichten, mystischen Anspielungen, religiöser Symbolik und Textur, wie auch durch Radio und TV eingespielter, medialisierter Realität. Ohne Vorläufer – bestenfalls klingt von Ferne Sergej Pardschanow avantgardistisches Umspielen von Kindheitsreminiszenzen an – läßt Dutta den Betrachter zwischen magischem Realismus und einer Traumlogik, die Fragmentarisches in mystische Wahrnehmungshalluzination transformiert, taumeln.

Traumatische Einbrüche historischer Fakten und biographisches Eingedenken – zumindest noch präsent in seinen frühen Werken – vermischen sich scheinbar zwanglos und natürlich mit Fabelhaften zu einem suggestiven Cocktail enigmatischer Schönheit und verrätselter Sprache, die dem westlichen Betrachter zu versprechen scheint, Schlüsselparadigmen einer fremden Kultur preiszugeben, faktisch jedoch die Szenerien in einen nur noch hermetischeren Zirkel verschließt. Vergebene Mühe zu versuchen, seine Filme nachzuerzählen oder gar zu resümieren. Echte Filmkunst folglich, die ihre eigene Sprache spricht und nur durch ihre Ferne Aufschluß schafft. Besser sich darauf beschränken, nicht unerwähnt zu lassen, daß Dutta selbst als die aus dem uns eher zugänglichen Kulturkreis stammenden Einflüssen Robert Bresson, Marcel Proust und Gilles Deleuze nennt.

Die eigentliche Überraschung dieses an Innovationslust nie verlegenen Festivals hielt Lars Henrik Gass bereits in seiner Eröffnungsrede bereit. Ab diesem Jahr beginnt hier eine systematische Arbeit daran, die Festivalbeiträge weit über die Grenzen des Festivalgeschehens hinaus zu präsentieren und ins Web zu stellen. Die alte Wette, ob die Internetverbreitung, will heißen Privatkonsumierbarkeit, den Festivals als Orten, die Öffentlichkeit erstellen müssen und können, eher schädlich oder förderlich sei, hat Oberhausen somit für sich entschieden. Die Befürchtung, daß die zu isolierten Web-Rezipienten Degradierten sich zunehmend dem öffentlichen Leben entziehen werden, wird offensichtlich übertroffen von der Hoffnung, die Internetpräsentation wirke stimulierend und schaffe ein neues, besser informiertes und stets neugieriges Publikum. Auf der anderen Seite heißt dies aber auch, Festivals in die Verantwortung zu bringen mehr zu sein, als nur Filmschaustätten, nämlich Ort der Begegnung und Provokation, der Diskussionsrunden und Meisterklasses.

Bleibt abzuwarten, wie dies Projekt gedeiht. Einfach ist die Rechtslage hier kaum. Besonders die Beiträge der Retrospektiven und Fokusprogramme, die zusammenzustellen harte Arbeit ist, die dann lediglich von den »Happy Fews« der Festivalteilnehmer wahrgenommen und gewürdigt werden kann, und denen weitere Verbreitung nur zu wünschen wäre, sind oft fest verschlossenes Gut in den luftleeren Schatztruhen der Archive und kommerziellen Filmverleiher und Vertreiber, bestimmt für eine unberührte Ewigkeit. So denkt man natürlich auch in Oberhausen schon über Kompromisse nach, wie die bloß ausschnittartige Einspeisung der Filme ins Netz, oder die Erhebung von Schaugebühren etc. Zu begrüßen ist jedenfalls jede Aktion, die Filmkunst in die Öffentlichkeit und ins Bewußtsein, in Schulen und Universitäten zu katapultieren vermag, da nur hier die Analysemittel einer angemessen kritischen Lektüre unserer medialen Fabrikation von Wirklichkeit zu finden ist.

Einige Filme, die den internationalen Wettbewerb mit Leben, Energie und Sensibilisierungskapazität füllten, seien hier nur schnell genannt. Rise (Aussteigen) der Thailänderin Visra Vichit-Vadaan spiegelt das Leben einer jungen Straßenperformance-Künstlerin, dessen Treiben aus dem Off kommentiert wird durch die Stimmen ihrer besorgten Eltern. Die Kraft des öffentlichen Agierens und private Zweifel werden in diesem sehr persönlichen Werk miteinander konfrontiert. In Shutdown (Die Stilllegung) reflektiert der Brite Alain Bissett durch nächtliche, jederzeit Gefahr und Verseuchung signalisierende Bilder, ebenfalls im Off die unausgesetzten Schädigungen, die ein Petrochemie-Fabrikmonster verursacht, sowie den Arbeitsunfall seines dort beschäftigten Vaters. Der portugiesische Beitrag Voodoo von Sandro Aguilar (siehe auch Art. Vila do Conde 2010) lotet die Konfrontation mit den eigenen Lebensängsten und deren Unkommunizierbarkeit während einer Flugpersonalausbildung aus. Aus Brasilien kommt der sehr schlichte, aber umso nachhallenderere Film Chapa (Kumpel) von Thiago Ricarte, der einen einfachen Arbeiter irgendwo an einer Haltestelle neben einer Fernstraße auf seine Tochter wartend zeigt. Ein kleines Ereignis, daß für ihn jedoch Sinn und Inhalt seines Tages ist, eröffnet den Blick auf eine Lebensform, die uns Zuvielbeschäftigte nur verblüffen kann und vielleicht traurig, vielleicht neidisch stimmt. Exodus von der aus Kasachstan stammenden Almagul Menlibayeva ist eine metaphorische Reflexion der erzwungenen weltweiten Emigration. Irgendwo in der Steppe werden Zelte zusammengeschlagen. In enigmatischer Form stellt das Werk die Frage nach der Art und Weise, wie der Aufbruch sich vollziehen kann. Der Blick eines Kindes scheint der einzig wach gebliebene, um Zeichen und Gesten zu deuten. Einer der zweifellos wohl stärksten Beiträge war Jay Rosenblatts (USA) The Darkness of Day (Dunkle Tage). Seiner Found-Footage-Technik treubleibend läßt Rosenblatt Fragmente und Zitate Revue passieren, die verschiedene Möglichkeiten und Deutungen des Selbstmordes durchlaufen. Er schafft ein beängstigendes Erfahrungsspektrum zwischen Leben und Tod, gleichzeitig jedoch, um an Jean Améry zu erinnern, resümiert er Zeichen der Souveränität und Stärke dem Tod gegenüber. Solange Oberhausen derartige Werke zeigt, brauch man sich um seine Zukunft nicht zu fürchten. 2010-05-10 15:08
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