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Curtas Vila do Conde 2010

18º Curtas Vila do Conde Festival Internacional de Cinema. P 2010. L: João Canavarro.
Vila do Conde, 3. – 11.7.10

Ein Festival idealer Bedingungen

Von Dieter Wieczorek Auf der Landkarte der großen europäischen Kurzfilmfestivals können die »Curtas« aufgrund des idealen Zusammenspiels unterschiedlicher Faktoren einen besonderen Platz behaupten. Zum einen bietet der am Meer gelegene, schlicht idyllische Ort Vila do Conde, nur wenige Kilometer entfernt vom Flughafen Portos, durch seine Dimensionen einen natürlichen Rahmen für ungezwungene Begegnungen. Die Festivalstruktur wirkt entspannt. Von Schulprogrammen und einigen nationalen Retrospektiven abgesehen beginnen die Wettbewerbs- und Sonderprogramme erst am Nachmittag und lassen somit genügend Zeit für Spaziergänge am Meer, Umherschweifen im Ort oder einen Ausflug nach Porto, beispielsweise zu der dort ansässigen, in Gegenwartskunst Pionierarbeit leistenden Fondaçao Serralves. Das Festival organisierte dieses Jahr einen morgendlichen Trip zu dieser Kulturstätte. Ebenso sorgt es allabendlich für Partyevents nach den letzten Screenings.

Die »Curtas« haben darüber hinaus in Vila do Conde die Möglichkeit, Expositionen und Installationen in das Programm zu integrieren. Dieses Jahr war der Hauptteil dieser Sonderprogramme dem »Hysteriker des unabschließbaren Augenblicks« Ken Jacobs gewidmet, der mit seiner Präsenz das Festival ehrte. Jacobs eruiert mit einer Vielzahl unterschiedlicher optischer Effekte und Techniken, von Stroboskop zu 3D, das unter normalen Bedingungen unwahrnehmbare Detailspektrum von Aktionsmomenten. Seine zuweilen schmerzhaften Wiederholungssequenzen lassen Zeitstillstand und Zeiteruption koinzidieren. Überraschend wohl auch für Kenner dieses Asketen der Wahrnehmungsphänomenologie war die Aufführung seines Werkes Globe (1971). Eine Off-Voice Einspielung eines hoch erotisierten Textes, der das vorwiegend recht junge Publikum in Verlegenheitslacher ausbrechen ließ, wird begleitet von einer mechanisch rigiden Kamerafahrt entlang der Hausfassaden einer winterlichen Kleinstadt. Auch hier bot Jacobs die Suggestion eines 3D-Effekts für diejenigen, die eine spezifische Brille zu Verfügung hatten, die selbst eine normale Projektion durch minimale Wahrnehmungsverzögerung für ein Auge zu transformieren vermag.

Nächtliche Filmkonzerte, eine Serie von 3D-Film-Klassikern und zum Abschluß gar Cannes Goldene Palme 2010 Oncle Boonmee von Apichatpong Weerasethakul rundeten das Programm ab. Die technischen Bedingungen der Vila do Conde in der seit dem letzten Jahr neu eröffneten Spielstätte des Teatro Municipal können nicht anders als perfekt bezeichnet werden.

Vor allem aber ist Vila do Conde in diesen Tagen der Ort einer überzeugenden Auswahl des internationalen Kurz- und Experimentalfilms und wohl noch entscheidender, Referenzort des portugiesischen Kurzfilms. Auch die bereits im April in Lissabons Indielisboa Festival gelaufenen Kurzfilme werden hier in einer Best-Of-Auswahl noch einmal Revue passiert. Sandro Aguilars Werk Voodoo gehört sicherlich in diese Auswahl. Er schafft ein unterkühltes, von Kontaktunfähigkeit und Kommunikationslosigkeit gezeichnetes Ambiente. Während der Ausbildung zum Flugpersonal werden Extremsituationen aller Art durchgespielt und die Praktikanten mit ihren eigenen Ängsten und Grenzen konfrontieren. Obwohl sie sich den gleichen Raum teilen, begegnen sich ein zweiflerischer Mann und eine verunsicherte Frau nie unmittelbar. Trotzdem scheinen sie auf eine magische, in der Realität uneinklagbaren Ebene miteinander verbunden.

Der portugiesischen Escola Superior de Teatro et Cinema und der US-amerikanischen USC School of Cinematic Arts wurden retrospektive Programme gewidmet, die ein Wiedersehen mit Pedro Sena Nunes im Jahr 1995 geschaffenen Studie ländlicher Einsamkeit im Nordosten Portugals Margens (Grenzen) wie mit George Lucas ohne Kommentar und Dialoge auskommender lakonischer Beobachtung beiläufiger Lebensgefahr im Wagenrettsport 1:42:08 to qualify (1966) erlaubten. Im nationalen Wettbewerb fielen besonders Frederico Mirandas Dokumentarfilm über das entsagungsreiche, isolierte Leben von Forstaufsehern auf, der berührt durch Passagen, die die nahezu organische Verbundenheit dieser Menschen mit dem sie umgebenden Wald fühlbar machen. Außenseiter thematisieren auch Aya Koretzkys und Rodrigo Barros filmischer Essay zum Alltag von Obdachlosen Nocturnos (Nächtlich), die durch Humor und Lebenslust über die kargen Lebensumstände triumphieren, und Sérgio Cruz Hannah, das Porträt einer jungen, am Down-Syndrom leidenden Frau, die mit ungeheurer Energie durch Ozeane schwimmt, Berge erklettert und durch Schnee gleitet, eine beeindruckende Ode an Lebenskraft und Lebenswillen. Vergleichbaren Elan vermittelt Jorge Escolas Na Escola (In der Schule). Hier verlassen Jugendliche ihr schnödes Schulzimmer, laufen über Straßen und Felder, bis hinein in eine waldige Gegend, wo sie endlich Intensität empfinden und sich selbstvergessen ihren Beobachtungen widmen können.

Der aktuelle portugiesische Film eröffnet ein reiches Spannungsfeld. Nicht näher zu bestimmende Verlustgefühle und nostalgisches Eingedenken, oftmals ästhetisiert vermittelt über Ruinenszenarien, trifft auf quicklebendige Auf- und Einbrüche vitalster Impulse. Versagung und Einsamkeit werden kontrapunktisiert durch Lebensstärke und rebellische Eleganz. Eine explosive Mischung. 2010-07-26 14:32
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