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dfi 2010

Tagung »Etwas wird sichtbar ... Schule und Bildung im Dokumentarfilm«. D 2010. L: Petra L. Schmitz.
Köln, 27. – 29.5.10
Die Hartz IV-Schule von Eva Müller

Antworten nach Fragen

Von Werner Busch Das Thema Schule war zumindest in den letzten zehn Jahren eine Kriegsberichterstattung aus der von Ratlosigkeit okkupierten Zone politischen Versagens. Der Begriff PISA, häufiger: »PISA-Schock«, wurde zum Inbegriff für sämtliche Probleme des Bildungswesens und sorgte vor beinahe schon zehn Jahren für ein gewaltiges Medienecho. Viele weitere Katastrophenmeldungen sollten folgen.

Eine dieser Meldungen hatte ihren Ausgangspunkt in einem Dokumentarfilm, Die Hartz IV-Schule von Eva Müller aus dem Jahr 2007. Der vom WDR ausgestrahlte Film zeigte den Alltag an der Fröbelschule, einer Förderschule in Bochum-Wattenscheid. Schulleiter Graffweg hatte das Thema Hartz-IV zum Schulstoff gemacht, da sich unter diesem Begriff die Zukunft von nahezu 100% der Abgänger subsumieren ließ. Statt die Schüler mit dem offiziellen Lehrplan auf ein Berufsleben vorzubereiten, das sie ohnehin nicht haben werden, vermittelte er den Schülern, wie man mit dem Hartz IV-Mindessatz auskommt, welche Wohnung man sich davon leisten kann und erklärte den Schülern das Beamtendeutsch wie den Stoff einer Fremdsprache. Dafür wurde der mutige Pädagoge heftig und von vielen Seiten angegangen. Das ein Schulleiter Sozialhilfe zum »Karriereziel« erklärt, das wurde als persönliche Bankrotterklärung eines gescheiterten Pädagogen abgetan. Die Realität, das Scheitern eines ganzen Systems, wurde mit Bestimmtheit abgewiesen. Der Fall Fröbelschule legte in elementarer Weise eine der Hauptmiseren des Schulsystems offen und zeigte gleichzeitig die Kluft zwischen öffentlich kommuniziertem Wunschdenken der Politik und der bitteren, bitteren Realität im Klassenzimmer.

Der »Skandalfilm« von Eva Müller war aber bei weitem nicht das einzige Highlight bei der Tagung »Etwas wird sichtbar… Schule und Bildung im Dokumentarfilm«, die vom 27. bis 29.5. im Kölner Filmforum im Museum Ludwig stattfand. Vielleicht noch interessanter als der Film war die anschließende Diskussion der Filmemacherin und Herrn Graffweg mit den Tagungsteilnehmern. Trotz deren übersichtlicher Zahl entwickelten sich im Kinosaal bisweilen sehr erregte Diskussionen. Etwa wenn einer der Besucher die Schulpflicht als Relikt der 1950er Jahre charakterisierte und deren sofortige Abschaffung forderte, um dem Problem unwilliger Schüler zu entgehen, die ganze Klassen mit ihrer nicht vorhandenen Haltung herunterziehen.

Die Veranstaltung der dfi – Dokumentarfilminitiative im Filmbüro NW bot über die vollen drei Tage eine abwechslungsreiche, gut zusammengestellte Auswahl verschiedenartiger Herangehensweisen an das Thema Bildung und Schule und legte entschiedenen Wert auf die Aktualität der Filme, von denen nur ein einziger nicht in den letzten sechs Jahren entstanden war. Neben den Filmen, die alle eine anschließende, informative Diskussion mit den Filmemachern boten, war insbesondere ein Panel sehr aufschlußreich, bei dem sich die Dokumentarfilm-Redakteure einiger öffentlich-rechtlicher Sender über ihre Programmierungsstrategien und -erfahrungen austauschten. Denn das Fernsehen ist der Ort, wo der gemeine Dokumentarfilm in der Regel stattfindet.

Eine Ausnahme dieser Regel gab es ebenfalls auf der Tagung in einer kurzen Vorpremiere zu besichtigen, Oliver Rauchs Jedem Kind ein Instrument – Ein Jahr in vier Tönen, der ab 1. Juli 2010 in einigen ausgewählten Kinos in NRW gezeigt wird. Er beschreibt mit einer Handvoll kindlicher Protagonisten die Möglichkeiten des sogenannten JeKi-Projekts, das in einigen Schulen Nordrhein-Westfalens Grundschüler an Musikinstrumente heranführt und jedem Kind (JeKi) ein selbstgewähltes Instrument für drei Jahre als Dauerleihgabe überläßt und daran ausbildet. Ein einmaliges Projekt, ein kostenintensives Projekt, das sich zwar im Wachstum befindet und dennoch in den Zeiten leerer Kassen jederzeit um seine Finanzierung bangen muß. Auch weil JeKi trotz seiner sofort ersichtlichen Vorzüge auch kritische Fragen aufwirft. Ist eine solch kostenintensive Breitenförderung in finanzieller Sicht eine Gefahr für gezieltere Exzellensförderung? Oder ist sie stattdessen eine Vorrausetzung dafür? Warum muß gerade der Musikunterricht das Fach mit den meisten Stundenausfällen und der schlechtesten Ausstattung sein? Was für einen Wert aber hat ästhetische, musikalische Erziehung in städtischen Problembezirken?

Auch im Hinblick auf die dokumentarische Arbeit in diesen schulischen Problemfeldern entstanden viele Fragen. Durch die gesuchte Verschiedenartigkeit der Filme, durch die enorme Varietät im Hinblick auf die verschiedenartigsten Inszenierungs- und Nicht-Inszenierungsstile, wurden den Zuschauern die Möglichkeiten des dokumentarischen Films mustergültig vor Augen geführt, sodaß die Tagung auch für den lediglich Filminteressierten, unabhängig vom Thema, neue Einsichten bieten oder Fragen aufwerfen konnte. Wie tief darf man in die Privatheit von Kindern eindringen? Wie tief in die Privatheit geistig behinderter Kinder? Wird man seinem Gegenstand durch erzählerische Inszeniertheit gerechter als durch Objektivität suggerierende, reportageartige Beobachtungsdokumentationen? Wie so häufig: Die interessantesten Veranstaltungen werfen mehr Fragen auf, als sie Antworten geben. 2010-06-10 14:32
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