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Filmfest Emden 2010

21. Internatonales Filmfest Emden-Norderney. D 2010. L: Silke Santjer, Rolf Eckard.
Emden, 2. – 9.6.10
Bisher ohne deutsche Kinoauswertung: Jon Amiels exquisiter Creation

Ganz großes Kino

Von Carsten Happe Wer das ostfriesische Emden als cineastisches Ödland deklariert, in dem nur für jeweils eine Woche Anfang Juni zum Filmfest dem großen und kleinen Kino gehuldigt wird, der hat bislang noch nichts vom »Boll Supporter Shop« nahe des Rathauses gehört – einem Fanshop einzig für den Regie-Berserker Uwe Boll! Die Emder haben also Humor und dazu Leidenschaft für das Medium Film, wie auch der Seehafenspediteur Jakob Weets zeigt, der nach dem Wegfall eines entscheidenden Sponsors kurzerhand mit den Preisgeldern in Höhe von 12.000 Euro für den Drehbuchpreis 2010 eingesprungen ist – und sich während der Verleihung (der 1. Preis ging an das Script Der Käfersommer von Agnes Schruf) spontan zur Zusage fürs nächste Jahr hinreißen ließ.

Bei all den Aktivitäten, die das wieder einmal sehr sonnige und familiäre Filmfest außerhalb der Kinosäle zu bieten hat, dem Inselausflug nach Norderney, den Mitternachtstalkrunden und Empfängen, kann man fast die Filme selbst vergessen – im Fall von Zonad, einer Alien-Klamotte von Once-Regisseur John Carney und seinem Bruder Kieran, sollte man das auch schnellstens wieder. Louis de Funès' außerirdische Kohlköpfe hatten dagegen noch ein wenig Restcharme. Auch die Bernhard Schlink-Verfilmung The Other Man, für die immerhin Notes on a Scandal-Regisseur Richard Eyre verantwortlich zeichnete und anerkannte Größen wie Liam Neeson, Laura Linney und Antonio Banderas versammelte, ist arg verunglückt. Aber das Festival hatte auf der anderen Seite etliche Perlen im Programm, manche fast ein wenig versteckt, wie das Mitternachtsscreening der erfrischenden, wahrhaftigen französischen Pubertätskomödie Jungs bleiben Jungs (Les beaux gosses) von Riad Sattouf. Mit seiner federleichten Inszenierung wischt er kurzerhand die dreißigjährige Staubschicht beiseite, die sich sanft auf La Boum gelegt hatte, und läßt Hollywoodalbernheiten wie American Pie dagegen ganz schön alt aussehen.

Während Jungs bleiben Jungs dank eines deutschen Verleihs demnächst auch bundesweit startet, steht ein so exquisiter Film wie Jon Amiels Creation mit Paul Bettany als Charles Darwin und Jennifer Connelly als dessen gottesfürchtige Gattin unverständlicherweise noch ohne deutsche Auswertung da. Geschickt verwebt er den Entstehungsprozess von »The Origin of Species« mit der leidvollen Familiengeschichte der Darwins, bravurös gespielt, prächtig ausgestattet. In den USA ist Creation übelst gefloppt, nicht zuletzt weil Evolutionstheoriegegner, die in den Staaten offenbar noch immer ein beachtliches Standing haben, massiv gegen den Film Sturm gelaufen sind.

Schocks ganz anderer Art, wohldosiert, aber umso effektiver, gab es in Emden ebenfalls zu sehen, in Conor McPhersons überraschend gelungenem Genrespagat The Eclipse, der sein Psychodrama mit feinen Horrorelementen durchkreuzt. Mit den starken Beiträgen der britischen Reihe – unter anderem auch noch Andrea Arnolds wuchtiges Sozialdrama Fish Tank – konnte nur ein deutscher Film (zwischen vielen Fernsehproduktionen) mithalten: Dietrich Brüggemanns Tragikomödie Renn, wenn Du kannst mit Jacob Matschenz, Anna Brüggemann und einem famosen Robert Gwisdek in den Hauptrollen. Brüggemann gewann dafür dann auch völlig verdient den NDR Filmpreis für den Nachwuchs, dotiert mit 5.000 Euro.

Mit gleich zwei Auszeichnungen war Stefanie Sycholts Themba der große Gewinner des Festivals. Daß die deutsch-südafrikanische Koproduktion sowohl den Bernhard-Wicki-Preis und den DGB-Filmpreis auf sich vereinen konnte, hat möglicherweise mehr mit der Vorfreude auf die Fußball-WM zu tun, als mit der filmischen Qualität des sehr bemüht gutmeinenden und gegen Ende arg moralisierenden Plädoyers für AIDS-Awareness und Fußball als Ausweg aus dem Dilemma der Townships. Wenngleich Jens Lehmann als Förderer des titelgebenden, jugendlichen Talents gar keine so schlechte Figur macht, sind doch gerade auch die Spielszenen von erstaunlicher Schlichtheit. Sollte allerdings demnächst eine Beachvolleyballproduktion anstehen, wäre Ken Duken, dem beim 21. Filmfest Emden-Norderney in diesem Jahr eine Hommage gewidmet wurde, ein aussichtsreicher Kandidat für die Hauptrolle – so wie er sich beim Strandturnier auf Norderney ins Zeug gelegt hat und jedem Ball hinterher hechtete, das war eine eindrucksvolle Visitenkarte und ganz großes Kino. 2010-06-09 16:44
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