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Berlin Documentary Forum #1

Berlin Documentary Forum. D 2010. L: Hila Peleg.
Berlin, 2. – 6.6.10
Eröffnungsperformance »The Inhabitants of Images«, © Courtesy of Rabih Mroué

Die Ausweitung der Kopfzone

Von Cornelis Hähnel Was bleibt von einem Ereignis, wenn man versucht, es zu dokumentieren? Wann ist ein Abbild der Realität politisch, wann künstlerisch, wann intellektuell? Inwieweit kann eine Konservierung von Geschehenem authentisch sein? Und inwiefern kann man die angeregten und anregenden Diskussionen, die spürbare Dominanz des gesprochenen Wortes, mehr noch, der Gedanken, überhaupt in einem Festivalbericht gerecht werden?

Das Berlin Documentary Forum, als Biennale konzipiert, hat es sich zum Ziel gesetzt, Aspekte und Praktiken des Dokumentarischen interdisziplinär zu beleuchten. Die Ausweitung des Feldes um Formen wie Literatur, Kulturgeschichte, Performance, visuelle Künste und Theorie ist das grundlegende Konzept des Forums, das im Berliner Haus der Kulturen der Welt seinen passenden Rahmen gefunden hat.

Die Selbstreflexion und Dekonstruktion, das Abtasten und Hinterfragen, die Neudefinition und Manifestation des Dokumentarischen stand hier fünf Tage lang im Fokus, konkret diskutiert anhand zeitgenössischer als auch historischer Positionen und Werke.

Und schon der Eröffnungsabend machte klar, daß hier eins nicht geboten, aber auch nicht gesucht wird: Zerstreuung. Das BDF gab sich eher als Kolloquium denn als Cineplex, der Fokus lag hier nicht auf neuen Werken, sondern neuen Denkansätzen. Statt Popcorn wurden Podiumsdiskussionen zum Film gereicht bzw. umgekehrt.

Der Schauspieler, Regisseur und Theaterautor Rabih Mroué eröffnete das Forum mit The Inhabitants of Images, einer Art Performance-Vortrag, in dem er Plakate aus den Straßen Beiruts analysierte: Bilder von Märtyrern der Hisbollah, die seltsamerweise alle die identische Phantasieuniform tragen sowie ein Bild des früheren Premierminister Libanons, Rafik Hariri, der neben Gamal Abdel Nasser (Präsident von Ägypten bis zu seinem Tod 1970) steht; eine Fotomontage, die das alltägliche Stadtbild in Beirut säumt. Mroués kluge und intensive Performance öffnete zugleich den wesentlichen Fragenkatalog der nächsten Tage: die Frage nach dem Unterschied von Dokument und Fiktion, Subjektivität und Objektivität, Wahrheit und Manipulation.

Die von Eyal Sivans erstellte Programmsparte »Documentary Moments« konzentrierte sich auf die »Wiedergeburt« des wahrheitsbezeugenden Dokumentarfilms nach 1945, die durch die Repräsentation des Genozids bewirkt wurde – und so den Dokumentarfilm wieder vertrauenswürdig machte. In vier thematischen »Takes« diskutierte Sivans mit Experten über Repräsentation und Macht in der dokumentarischen Praxis, als filmische Beispiele dienten u.a. Meilensteine und rare Perlen wie Guernica (1950) von Alain Resnais, Henchman Glance von Chris Marker, Primate (1974) von Frederick Wiseman oder Marcel Ophuls Langzeitprojekt _The Memory of Justice (1973-1976).

Einen assoziativeren Zugang zu bewegten Bildern eröffnete Angela Melitopoulos, die auf dem Festival ihren »Möglichkeitsraum« präsentierte. Zusammen mit drei Kooperationspartnern dachte sie sich in die Rolle des »neuen« Archivars, um in einer Screen-Performance Perspektiven zur Filmbildgeschichte und Medialität zu gewinnen. Geprägt wurde der »Möglichkeitsraum« zumeist von Archivbildern (die der Gesellschaft eigentlich schwer zugänglich sind), die sowohl aufgrund ihrer Rarität und geschickten Kontextualisierung eine eigene Lebendigkeit, quasi Wiederauferstehung sowohl auf der Leinwand als auch in den Köpfen der Zuschauer erlebten. Ein diskursives Mosaik, eine Live-Montage, die auf zwei Screens und simultanen Kommentaren eine Beschäftigung mit dem Geschichtsbild ermöglichte und zugleich Rezeptionsweisen hinterfragte.

Das Thema Archiv dominierte auch den Dialog der Dozentin, Kuratorin und Künstlerin Ariella Azoulay und des Kulturgeschichtsspezialisten Issam Nassar. Anhand von Material der 1950er Jahre aus fotographischen Archiven sprachen die beiden über theoretische und ästhetische Aspekte der Interpretation von Bildern, die laut Azoulay, um sie korrekt lesen zu können, auch einer neuen Terminologie bedürfen. Eben diese fundierte Beschäftigung mit Bildtheorien und Interpretationen unterstrich den Anspruch des BDF, eben nicht nur über Werke zu diskutieren, sondern sie als Anstoß für neue Denkrichtungen zu nutzen und tradierte Interpretationsformen zu hinterfragen.

Die vielleicht spannendste Wiederentdeckung des BDF war die Präsentation der Fernsehdokumentarfilme des Filmemachers, Schauspielers und Malers Michael Mrakitsch. Der Filmemacher Florian Schneider hat vier faszinierende Filme Mrakitschs (der im März dieses Jahres leider verstarb) aus den Archiven der Sender geborgen und wohl erstmals auf die Leinwand geholt. Mrakitsch, der seinerzeit als »Dostojewski des Dokumentarfilms« (Süddeutsche Zeitung) und »der eigensinnigste, der besessenste Dokumentarist des deutschen Fernsehens« (Der Spiegel) gefeiert wurde, war im Segment der groß angelegten, politischen Dokumentarfilme und Filmessays zu Hause. Auch heute noch haben diese Filme ein beeindruckendes Potential, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, daß sie, unabhängig von ihrem Thema, ein Dokument dafür sind, was das Massenmedium Fernsehen einst produziert und zur Primetime gesendet hat (und das zu einer Zeit, als man weniger als eine handvoll Sender empfangen konnte). In Schalom oder Wir haben nichts zu verlieren reiste er in die Westbank, um den Prozeß der Landnahme und Zerstückelung des palästinensischen Siedlungsgebiets zu schildern. Mrakitsch räumt seinen Protagonisten viel Zeit ein über die Wirren des Krieges zu berichten und erzielt so, kombiniert mit vielen persönlichen Eindrücken aus dem Off, ein Erschrecken über den Krieg, jenseits vouyeuristischer Drastik.

Ebenso verstörend wie engagiert ist Drinnen, das ist wie draußen, nur anders. Protokolle aus einer psychatrischen Anstalt (»Irrenhausprotokolle«). Mit präzisem Blick werden hier Funktionsmechanismen einer als progressiv geltenden psychiatrischen Klinik hinterfragt und offengelegt, der Text aus dem Off beschränkt sich auf trockene Informationen. Dabei werden keine Vorwürfe gegenüber der Verwaltung laut, sondern einzig soziale Mißstände unmißverständlich angesprochen: »Abgeschoben wird der Unzuverlässige, der Schwierige, der Lästige, der Störende, der Unberechenbare – nicht eigentlich der Kranke. Und die Krankheit spielt auch in der Anstalt eine untergeordnete Rolle.« Gerade mit Blick auf die Gefälligkeit oder Selbstverliebtheit heutiger Produktionen faszinieren die wahrlich mutigen und kompromißlosen_Irrenhausprotokolle_ durch ihre kühne Entschlossenheit und lassen beim Zuschauer ein wenig Sehnsucht nach einer klaren Position und Handschrift in den heutigen Produktionen der Massenmedien aufkeimen.

Das Berlin Documentary Forum scheute sich nicht, seinen akademischen Anspruch offen zur Schau zu stellen, ohne dabei aber in einen elitären Habitus zu verfallen. Die intellektuelle Auseinandersetzung mit Rezeptionstheorien und der Dichotomie von Abbild und Wirklichkeit verschmolzen hier zu einem gelungenen ganzheitlichen Konzept, das zwar mehr an ein Seminar, denn ein Festival erinnert, aber eben ganz bewußt diesen Weg eingeschlagen hat, um nonfiktionale Formate auf ihre »Wahrheitseffekte« zu durchleuchten. Daß aus der permanenten Potenzierung der Fragen über dokumentarische Repräsentationsstrategien eine virile und produktive Diskussion entstehen konnte, ist (abgesehen von der qualitativ hochwertigen Auswahl der Gäste) durch die geschickte Kontextualisierung der einzelnen Blöcke zueinander gelungen, die aufgrund der interdisziplinären Vermengung neue Ansätze und Blickwinkel eröffneten. Und ja, vielleicht hat man keine klaren Antworten auf einige Fragen gefunden, doch hinterläßt das keinen schalen Nachgeschmack, wird einem doch wieder aufgezeigt, daß das Verhältnis von Realität und Fiktion einer ständigen Emergenz unterworfen ist, und eigentlich nur diese (erneute) Erkenntnis von Relevanz ist. Und letztlich ist dieser Festivalbericht eben auch nur ein Versuch, die Wirklichkeit durch Worte zu erschließen, ein ungefähres Abbild zu liefern – um die Verfremdung der Realität durch den Produktionsprozeß wissend, was einzig durch das komplexe Zusammenspiel von Rezipient, Medium und Autor legitimiert wird. 2010-06-08 18:58
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