— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Festival de Cannes 2010

63. Festival de Cannes. F 2010. L: Gilles Jacob, Thierry Frémaux.
Cannes, 12. – 23.5.10
07

Dokumentarisches, Dokumentarfiktionales und Antizipation des Realen

Cannes' erweitertes Spektrum

Von Dieter Wieczorek
Der 1930 in Boston geborene Frederick Wiseman bleibt seiner Arbeitsweise in Boxing Club treu: geduldige Beobachtung. Ohne vorgefertigte These installiert er sich in einem Ambiente, einer Situation, einem Ort und scheint es seiner Kamera zu überlassen, eine Realität einzufangen, die sich mit der Zeit stets weiter differenziert, ohne sich zu einer resümierbaren Bilanz zu verdichten. Seine Filme sind in diesem Sinne, wie das Leben selbst. Was den Betrachter vielleicht am meisten verblüfft in diesem Boxclub, ist die Entdeckung, daß es sich vor allem um einen Kommunikationsort handelt, in dem ……


06

Cannes energetisch : Aufbrüche/Ausbrüche

Von Dieter Wieczorek
Nach einer Vielzahl Atemnot schaffender Filme, die die Logik geschlossener Systeme und auswegloser Situationen zementieren, ist es schlicht erfrischend, Werke zu sehen, die Freiheit, Aufbruch und Vitalitat in jeder Einstellung spürbar machen. Lily ist eine junge Frau, die gerade ihre Mutter verlor, zweifellos geliebt und bewundert, doch auch eine permanente Kastratin ihrer phantastischen Ausflüge und unzähmbaren Lebenslust. Verlustschmerz und ein kaum verheimlichtes Gefühl der Befreiung führen bereits während der Beerdigungszeremonie zu irritierenden Szenen im Familienkreis. Lily zieht sich ……


05

Geschlossenes System: überzeugend und artifiziell

Bemerkenswertes in Cannes Nebenreihe »Un Certain Regard«


Von Dieter Wieczorek
Wenn ein Film kaum des Dialogs bedarf, wenn das Dekor die eigentliche »Nachricht« ist, wenn das Innenleben der Protagonisten langsam ausgelotet wird durch die Räume, durch die sie sich bewegen, dann hat man einen Film einer sich langsam verlierenden Kunst vor sich, die an Bresson und Antonioni erinnernd, wo das Schweigen selbst zu »kommunizieren« beginnt.

Pal Adrien von der jungen ungarischen Regisseurin Ágnes Kocsis ist ein solches Werk. Piroska ist eine junge Frau mit Übergewicht, die, wo immer sie die Gelegenheit hat, schweigsam frißt. Ihre ausgeglühte Ehe und ihre Arbeit in der ……


04

Zellenterror

Von Dieter Wieczorek
Einige Filme können nur einen schweren Start haben in Cannes Partyfrohsinn. Einige Filme sind zu radikal und schonungslos, um mit dem üblichen Premierenhysterie-Abklatsch rechnen zu können. Sie hinterlassen ein irritiertes Publikum, das nicht recht weiß, ob es weinen, klatschen oder einfach still bleiben soll. Wer das Glück hat, einen dieser raren Momente in Cannes zu erleben, kann sich sicher sein, soeben ein bedeutsames Werk gesehen zu haben, daß die Kraft hat, Automatismen auszubremsen. Philip Kochs Film Picco ist ein solches Werk. Als Erstlingsfilm in die »Quinzaine des Realisateurs« ……


03

Am Rande des Tabus

Von Dieter Wieczorek
Cannes hat nun seinen kleinen Nebenskandal. Wirkliche Skandale kann es nur im Wettbewerbsprogramm geben. Der mexikanische Beitrag Somos lo que hay (»Wir sind was wir sind«) von Jorge Michel Gras läuft jedoch lediglich in der Nebenreihe »Quinzaine des Réalisateurs«, die einst als gegen das offizielle Festivalprogramm gegründete Initiative, die konsequent die vom Hauptprogramm Ausgeschlossenes zeigen wollte, heute aber lediglich ein freundlicher Annex des Festivalprogramms repräsentiert, daß seinen Akzent auf junge Talente und Erstproduktionen richtet.

In Gras' Film ist der Kannibalismus ……


02

Selbstverlorenheit, traumatische Geschichte und verdrängtes Trauma

Von Dieter Wieczorek
Cannes ist auch wie Kirmes. Alles ist hier möglich und immer wieder bedarf es einiger Orientierungszeit, um zu verstehen, daß hier auch Zweit- und Drittrangiges problemlos Eintritt finden und mit einem hohen Aufmerksamkeitsniveau rechnen kann, völlig unabhängig von künstlerischer oder cinematographischer Qualität. Zumindest für einen kurzen Moment. Doch dann klingt die Hysterie schnell ab. So spricht bereits niemand mehr von Ridley Scotts schlachtenfrohem Machwerk, der das Festival eröffnete.

Es sind die genau beobachtenden und ästhetisch durchgeformten Werke, die man eigentlich zu ……


01

Schwieriger Auftakt an der Croisette

Von Thomas Abeltshauser
Es geht also doch los. In den letzten Tagen sah es so aus, als hätten sich alle Naturgewalten gegen das größte Filmfestival der Welt verschworen. Zuerst verwüsteten die schwersten Stürme seit Jahrzehnten den Strand von Cannes und setzten die Croisette unter Wasser – eben jener Ort, an dem kaum eine Woche später für zwölf Tage der Mittelpunkt der Filmwelt sein sollte. Und dann sorgte noch am Sonntag ein dramatisches Zusammenspiel von isländischem Vulkanausbruch und ungünstigen Windverhältnissen erneut dafür, daß Teile des europäischen Luftraums gesperrt wurden und die Anreise von ……

© 2012, Schnitt Online

Sitemap