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Schwieriger Auftakt an der Croisette
Von Thomas Abeltshauser
Es geht also doch los. In den letzten Tagen sah es so aus, als hätten sich alle Naturgewalten gegen das größte Filmfestival der Welt verschworen. Zuerst verwüsteten die schwersten Stürme seit Jahrzehnten den Strand von Cannes und setzten die Croisette unter Wasser – eben jener Ort, an dem kaum eine Woche später für zwölf Tage der Mittelpunkt der Filmwelt sein sollte. Und dann sorgte noch am Sonntag ein dramatisches Zusammenspiel von isländischem Vulkanausbruch und ungünstigen Windverhältnissen erneut dafür, daß Teile des europäischen Luftraums gesperrt wurden und die Anreise von Journalisten wie Filmemachern gefährdet war.
Ebenfalls einige Wellen schlugen bereits diverse Festivalbeitrage. Gleich drei Filme müssen sich – freilich von unterschiedlichen Seiten – Propaganda vorwerfen lassen. Rachid Boucharebs
Hors la Loi reiße mit seiner Neubewertung des Algerienkriegs alte Wunden auf, das russische Zweite-Weltkriegsdrama
Utomlyonnye solntsem 2 von Nikita Michalkow, eine Fortsetzung seines Cannes-Gewinners
Die Sonne, die uns täuscht, wurde in seiner Heimat verrissen. Und der italienische Dokumentarfilm
Draquila über die Folgen des Erdbebens in L’Aquila veranlaßte gar Italiens Kulturminister Sandro Bondi, seine Teilnahme abzusagen.
Und dann sagte einen Tag vor der Weltpremiere auch noch der Regisseur des Eröffnungsfilms
Robin Hood, Ridley Scott, ab. Offiziell ist er wegen einer Knieoperation verhindert, bei der versammelten Presse unkte so mancher, er vermeide eher die Konfrontation mit harschen Kritiken zu seinem langatmigen Actiongetöse, das aus dem Rebellen einen patriotischen Kriegshelden macht. Steckt das Festival bereits vor Beginn in der Krise?
Pünktlich zur Eröffnung war Cannes zumindest rein äußerlich »ready for the close up«: der Himmel klarte auf und die Sonne erschien, und die
Robin Hood-Stars Russell Crowe und Cate Blanchett sorgten für erste Hysterie im Fotographenpulk am Palais des Festivals. Am Nachmittag stellte sich auch die Jury unter der Leitung von Tim Burton vor, zu der unter anderem auch Kate Beckinsale, Benicio del Toro und Shekhar Kapur gehören. Einer fehlte: der iranische Filmemacher Jafar Pahani ist noch immer in Teheran in Haft. Burton forderte, wie viele zuvor, erneut seine Freilassung.
Am Abend erreichte bei der Eröffnungsfeier und der anschließenden Premiere von
Robin Hood, die erstmals auch deutschlandweit in Kinos übertragen wurde, die flirrende Stimmung dann auch die Massen vor dem Palais. Anders als in Berlin und Venedig lockt der rote Teppich Abend für Abend hunderte Schaulustige an und sorgt damit erst für die aufgekratzte Kulisse, die Cannes von allen anderen Festivals unterscheidet.
Während alle Welt auf den neu ausgerollten Teppich mit den Stars des Films und der hochkarätigen Jury blickt, die aus Protest gegen Panahis Inhaftierung einen Stuhl frei läßt, findet nur ein paar Hundert Meter weiter eine ganz andere Premiere statt. Am Chérie Chéri Beach wird die in diesem Jahr zum ersten Mal verliehene Queer Palm präsentiert. Mit dem inoffiziellen Preis für einen Film mit schwullesbischer oder Transgenderthematik will man nun endlich auf die beiden anderen großen A-Festivals in Berlin und Venedig aufschließen. Das französische Regiepaar Olivier Ducastel und Jacques Martineau (
Felix) fungiert als Schirmherren, doch zur Pressekonferenz erscheinen sie nicht. Auch sonst findet gerade mal eine Handvoll Journalisten den Weg zur recht improvisierten Vorstellung von Preis und Jury (bestehend aus Festivalprogrammierern und Filmkritikern). Gründer Franck Finance-Madureira erklärt, daß es keine Kooperation mit der Festivalleitung gebe, man habe sie lediglich über die Initiative informiert, worauf kein Veto eingelegt wurde. Aber auch der Berlinale-Teddy hat ja mal klein angefangen.
Fast traditionell wird bei der angereisten Presse zu Beginn über das Fehlen von Filmen gejammert (in diesem Jahr werden vor allem die im Vorfeld gehandelten neuen Werke von Terrence Malick, Sofia Coppola und Julian Schnabel vermißt), diesmal drohen nun nach dem herausragenden 2009er Jahrgang (
Das Weiße Band,
Un Prophète,
Inglourious Basterds …) ein Mangel an Meisterwerken und Stars. Mal ist die Rezession schuld, mal der Streik der Drehbuchautoren vor zwei Jahren. Dabei verspricht ein Blick ins Programm durchaus zwölf Tage Weltkino, die das Berlinaleprogramm vor drei Monaten in den Schatten zu stellen droht: Woody Allen, Mike Leigh, Takeshi Kitano, Alejandro González Inarritu, Abbas Kiarostami, Apichatpong Weerasethakul und der in letzter Minute eingeladene Ken Loach zeigen ihre neuen Werke.
Und auch der herbeigesehnte Hollywoodglamour wird sich wie jedes Mal einstellen: Zu den Premieren von Doug Limans
Fair Game mit Naomi Watts und Sean Penn, Oliver Stones
Wall Street 2 mit Michael Douglas und Susan Sarandon oder Antonio Banderas im neuen Woody Allen. Und dann stehen natürlich noch die zahlreichen Glitzerevents am Rande des Festivals an, die Vanity Fair- und die amFar Party etwa, oder die Präsentation eines hochprozentigen Kaltgetränks, bei dem Grace Jones ein Konzert geben wird. Die Ruhe nach dem Sturm ist also auch die Ruhe vor dem Sturm. Cannes am Mittwochabend: in heller Vorfreude – in Frankreich hat die Kultur noch immer über die Natur gesiegt.
Und tatsächlich strahlt am nächsten Morgen die Sonne über der Croisette. Auf der Leinwand herrscht im ersten Wettbewerbsbeitrag
Chongqing Blues von Wang Xiaoshuai dagegen dichter Nebel. Kapitän Lin kehrt nach sechs Monaten auf See zurück und erfährt, daß sein 25-jähriger Sohn, den er kaum kannte, von der Polizei erschossen wurde. Lin versucht herauszufinden, was passiert ist und fährt in die Stadt, die er vor 14 Jahren verlassen hat. Doch kaum einer will mit ihm reden, seine Exfrau nicht, auch der beste Freund und die Freundin seines Sohnes nicht. Mit ruhiger Hartnäckigkeit dringt er in kleinen Schritten in die Vergangenheit seines Sohnes und damit auch seiner eigenen vor. Regisseur Wang Xiashuai (
Beijing Bicycle) platziert seine Figuren im nebelverhangenen, unwirtlichen Großstadtdschungel zwischen unwirtlichen Hochhäusern, überfüllten Straßen und Bahnen, überdimensionalen Industrieanlagen und Baustellen, in denen nicht nur die Menschen drohen verloren zu gehen, sondern in den historischen Umwälzungen des modernen Chinas auch deren Vergangenheit und Geschichte. Ein melancholischer Film, aber ein optimistisch stimmender Auftakt.
Sehr viel lebendiger und frivoler, aber weitaus weniger begeisternd ist der zweite Beitrag des Tages. Der französische Schauspieler Matheiu Amalric (
Schmetterling und Taucherglocke) inszeniert in
Tournée die Geschichte eines abgehalfterten Fernsehproduzenten (Amalric), der mit einer Truppe amerikanischer Burlesquetänzerinnen in seiner alten Heimat auf Tour geht und es nochmal wissen will. Absolut sehenswert sind diese Auftritte von leicht bekleideten Frauen, die mit ihren Federboas und Pailettenschlüppern wie dralle Dragqueens aussehen und sich Dirty Martini oder Kitten on the Keys nennen. Leider kann sich Amalric nicht entscheiden, ob er um diese Performances herum eine Komödie oder eine Tragödie erzählen will und liefert – ganz im Gegensatz zu seinen pfundigen Neo-Burlesque-Stars – eine unausgegorene Show ab.
Weiterhin kein Ende ist bei der Skandal-Revue in Sicht. Nun fordert auch die französische Regierung öffentlich die Freilassung Jafar Panahis und Regisseur Rachid Bouchareb sieht sich aufgrund der überhitzten Debatte um seinen Wettbewerbsbeitrag gar genötigt, in einem offenen Brief daran zu gemahnen, sich doch erst einmal den Film anzusehen. Cannes kommt langsam auf Touren.
2010-05-14 13:00