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Bremer Symposium 2010

15. Internationales Bremer Symposium zum Film. D 2010.
Bremen, 21. – 24.1.10
Narration als Beobachter: Michael Hanekes Caché

Hinter die Bilder schauen

Von Sascha Ormanns Bremen im tiefsten Winter. Jedes Jahr zum Ende des Januars findet seit nunmehr 15 Jahren das Internationale Bremer Symposium zum Film statt. Die diesjährige 15. Ausgabe widmete sich vom 21. bis zum 24. Januar ausführlich dem Thema »Public Enemies – Film zwischen Identitätsbildung und Kontrolle«. Den Public Enemy zu thematisieren ist vor allem darum so interessant, da er in der Filmgeschichte gerade deswegen als eine zentrale Figur angesehen wird, weil er die unterschiedlichsten Betrachtungsweisen forciert. Zum einen hat der Public Enemy das Genre des Gangsterfilms mitbegründet, für das in den USA Anfang der 1930er Jahre Schauspieler wie zum Beispiel Edward G. Robinson oder James Cagney standen, die dabei durchaus Referenzpunkte zu reellen Verbrechern haben erkennen lassen. Und zum anderen wurde der Begriff des Public Enemies für verschiedene Filmgenres und -ideen adaptiert und bezeichnete darin all das, »was die öffentliche Ordnung bedrohte« – Spione und Kommunisten ebenso wie Nazis und Terroristen, gleichwohl aber auch Aliens oder Grippeviren.

So vielseitig die Betrachtungsmöglichkeiten dieses Themas, wie sich auch im Programm des Symposiums noch widerspiegeln sollte, so passend auch die (inoffizielle) Eröffnung des verlängerten filmtheoretischen Wochenendes: Im städtischen Rathaus wurde am Donnerstag Abend der 12. Bremer Filmpreis verliehen, den Schauspieler, Regisseure, Autoren, Musiker sowie Produzenten alljährlich für ihre langjährigen Verdienste um den europäischen Film erhalten. Und der in diesem Jahr mit dem Österreicher Ulrich Seidl einem ungewöhnlichen und mutigen Regisseur zuteil wurde, der diesen mehr als verdient und sich damit zugleich in eine namhafte Riege von Filmschaffenden eingereiht hat. Preisträger aus den Vorjahren waren unter anderem Ken Loach, Bettina Böhler oder auch Lars von Trier. Seidlesk könnte man wohl auch die Laudatio bezeichnen, die Schauspielerin Maria Hofstätter hielt – gerade weil der Großteil des Publikums zunächst anscheinend nicht verstanden hatte, daß es sich um ein »choreographiertes Bühnenstück« handelte: Als »Elfriede Gruber«, einer kleinen, rundlichen, beinahe bauernschlauen Frau verlas sie holprig eine etwas hochtrabende und mit Fremdwörtern befüllte Rede, die sie augenscheinlich nicht selbst geschrieben haben konnte. Allerdings unterbrach sie dies gern, um durchaus flüssig und pointiert »vom armen Herrn Seidl und seinen schrecklichen Filmen« zu sprechen, »die doch eh niemand anschaut«. Das für Ulrich Seidl typische Verschwimmen der Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit fand hier quasi live auf der Bühne statt und sorgte beim Publikum für reichlich skurrile Unterhaltung. Ähnlich amüsant war Seidl selbst, der er in seiner Dankesrede vor allem von den Schwierigkeiten beim Halten einer solchen philosophierte: Man könne ja so viel falsch machen… Keineswegs falsch war es jedoch von den Veranstaltern, dem Besucher anschließend die Möglichkeit zu geben, sich an einem reichhaltigen Buffet zu stärken und ihm Getränke zu reichen, damit er im Anschluß gesättigt und zufrieden den gelungenen Eröffnungsabend mit Ulrich Seidls Hundstage ausklingen lassen konnte.

Das eigentliche Symposium startete dann am nächsten Morgen um 11.00 Uhr mit dem ersten Vortragenden: Jonathan Munby, der an der Universität Lancester Film und afrikanisch amerikanische Populärkultur unterrichtet, erzählte in englischer Sprache vom »Baad Cinema: The Gangster/Gangsta Connection in African American Film« und gab darin einen Überblick über die »talking race«-Filme der 1930er und 1940er Jahre, über die Blaxploitation-Filme der 1970er Jahre, wie Shaft, den er als Wendepunkt innerhalb des Genres bezeichnete, da dieser »proud of being black but not obsessed withit« sei, und über die »hoodfilms« der 1990er Jahre. Dabei ist besonders die Tatsache interessant, daß vielen Filmen dieser Genres laut Jonathan Munby eine gewisse Musiklastigkeit gemein sei, beziehungsweise sich diese Filme gegenseitig bedingen, vor allem da der Blaxploitation-Film als Referenzquelle für den Gangsterrap, vielmehr seiner Videos gelte. Direkt im Anschluß sollte Annette Förster mit ihrem Beitrag »Amusing the Audience, Defying Authorities: Female Gangsters in the Silent Cinema« aufzeigen, daß filmhistorisch betrachtet nicht nur der Mann, sondern eben auch weibliche Kriminelle bereits in frühen Stummfilmen Beachtung fanden. Und sozusagen als Beleg und besonderes Schmankerl gab es am Abend zwei Stummfilme, die auf dem Klavier begleitet wurden, auf der großen Leinwand zu sehen, die Episoden 5 und 6 aus Les vampires von 1915 und La tournée des grands ducs aus dem Jahre 1909.

Soweit so gelungen bisher, zum eigentlichen Highlight des Symposiums gehörte jedoch der dritte Vortrag von Thomas Y. Levin über »Surveillant Narration: Grammars of Control in Fiction Film«: Neben Tony Scotts Der Staatsfeind Nr. 1 oder von Donnersmarcks Das Leben der Anderen ging er vor allem auf den brillanten Caché von Michael Haneke ein, der im Vorhinein auch nochmals gezeigt wurde. Levin veranschaulichte anhand kurzer Filmszenen sehr schön wie die »surveillant narration« dem Zuschauer beispielsweise Orientierung liefern kann, indem Bilder der Überwachung die Narration übernehmen, oder wie die Eröffnungssequenz aus Caché ihren Überwachungscharakter erhält: Da in dieser so wenig passiert, daß der Zuschauer den Fahrradfahrer, der kurz durchs Bild fährt, als Event wahrnimmt. Und daß das einsetzende Voice Over, das Gespräch über die Aufzeichnung, die sowohl die Protagonisten gerade anschauen als auch die Zuschauer gerade sehen, das Gezeigte in die filmische Vergangenheit einordnet und somit klar wird, daß wir uns also nicht in der Filmgegenwart befinden, wie zunächst vermutet. Diese wird erst in der nächsten Einstellung erreicht. Für Thomas Y. Levin spielt überhaupt die Narration in Caché eine entscheidende Rolle, ist sie es für ihn doch, die die Position des Beobachtenden einnimmt, weshalb es der Hauptfigur eigentlich auch nicht möglich sei, herauszufinden, wer das Überwachungsvideo aufgenommen hat.

Judith Keilbach sprach am nächsten Tag dann in Vortrag 4 über »Gewöhnliche Deutsche« und betrachtete anhand ausgesuchter Filmbeispiele – zuvor wurde Ein Spezialist von Eyal Sivan gezeigt – die unterschiedlichen dokumentarischen Umgangsweisen mit NS-Tätern und Neonazis. Ramón Reichert schloß mit »Aliens, Brain-Washing, Cold War« an und präsentierte seine Forschungsergebnisse zu den Feindbildkonstruktionen im US-Lehrfilm, indem er unter anderem einen solchen ausschnittweise vorspielte, um im Anschluß auf die verschiedenen Mechanismen, die sich dieser versuchte zu bedienen, einzugehen. Im folgenden ging Charles Tesson in »Marx Attack« auf die Inszenierung des Anderen in den B-Movies ein und zeigte dafür beispielhaft mit Die Dämonischen einen Klassiker des Genres im Anschluß an seinen Vortrag. Tesson sprach französisch, wurde konsektuiv übersetzt, und leider war dies dem Verständnis nicht unbedingt förderlich, da man als Zuschauer zunächst Tesson hören mußte, um im Anschluß die Übersetzung geliefert zu bekommen, was die Konzentration doch einigermaßen auf die Probe stellte und dessen Absurdität auch der Referent scheinbar selbst bemerkte, so zumindest eine mögliche Interpretation seines Gesichtsausdrucks. Georg Seeßlen und Markus Metz schlossen den Tag dann mit einer Präsentation über »Untote als Entwicklungshelfer des kinematografischen Subjekts« ab.

Am letzten Symposiumstag schließlich zeichnte Kentaro Kawashima anhand Kinji Fukasakus Battle Royale ein Bild der Kontrollgesellschaft, indem er sich an einzelnen Filmszenen entlanghangelte, um diese unter seinem spezifischen Standpunkt zu betrachten. Dietmar Kammerer untersuchte in seinem Vortrag »Frontalansichten« unter anderem den Sinn und die Entwicklung von Verbrecherfotos, der er den Trend der Selbstfotographie entgegensetzte und anhand von Beispielen dieser aufzeigte, welche unterschiedlichen Herangehensweisen dabei existieren und wie eine bestimmte Dramaturgie durch ein aneinander-montieren von Einzelbildern entstehen kann.

Das facettenreiche Programm des Bremer Filmsymposiums zeigt, daß es vor allem für Filmtheorie-Interessierte Sinn macht, diese Veranstaltung zu besuchen. Allerdings wird auch dem aufgeschlossenen Filmfreund, der sich bisher vielleicht weniger tiefgreifend mit diesem Medium auseinandergesetzt hat, vieles geboten: Nicht zuletzt die programmierten Filme, die allein aufgrund des Themas die verschiedensten Genres bedient haben und hoffentlich auch weiterhin bedienen werden, sollten auf Interesse des Publikums stoßen. Und letztlich bleibt nur zu hoffen, daß es den Veranstaltern gelingt, im nächsten Jahr ein ähnlich abwechslungsreiches Symposium auf die Beine zu stellen, allen derzeit vorhandenen Problemen, die ein solches kulturelles Projekt nunmal mitsichbringt, zum Trotz. 2010-02-01 14:12
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