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achtung berlin 2010

achtung berlin – new berlin film award. D 2010. L: Hajo Schäfer.
Berlin, 14. – 21.4.10
Eröffnungsfilm sowie halber Hauptpreisgewinner Rammbock

Verfilmt in Berlin

Von Dietrich Brüggemann Neben der Berlinale, dem großen Schlachtschiff, kann sich in Berlin kein Festival etablieren, sagte man immer. Es sei denn ein Kurzfilmfestival. Oder eines mit einem spezifischen Nischenthema. Die Macher von »achtung berlin« haben sich schon vor sechs Jahren den schlauen Schachzug ausgedacht, ein Nischenfestival zu machen, das eigentlich gar keines ist und das sich inzwischen ganz wunderbar etabliert hat. Das Thema lautet »Berlin«. Das ist einerseits sehr spezifisch, andererseits reicht es den Festivalmachern, wenn die Produktionsfirma in Berlin sitzt oder der Regisseur seinen Schreibtisch da hat – so wurde »achtung berlin« im Lauf der Jahre zu einem kleinen, feinen Festival des deutschen Kinos, wo natürlich auch all die kleinen, mehr oder weniger feinen No-Budget-Filme laufen, die die Berliner Szene so hervorbringt, aber auch manch anderes, abseitigeres.

So zum Beispiel der Eröffnunsfilm Rammbock von Marvin Kren – eine Stunde Zombiekammerspiel aus Berlin mit einem Wiener Hauptdarsteller, einem Hinterhof voller Zombies und einer gnadenlos peinlichen, gnadenlos ehrlichen Liebesgeschichte. Rammbock sorgte nicht nur für begeistertes Premierenpublikum, sondern erhielt auch gleich den halben Hauptpreis. Die Jurys teilten sowieso fast jeden Preis irgendwie auf und sparten nicht mit lobenden Erwähnungen. Gewinner des Dokumentarfilmpreises wurde Der Innere Krieg von Astrid Schult, die alte und stets aufs neue entsetzliche Geschichte vom Soldaten, der an Leib und Seele zerstört aus dem Krieg heimkehrt, diesmal am Beispiel eines amerikanischen Lazaretts auf deutschem Boden, dem »Landstuhl Regional Medical Centre«, dem größten Militärhospital außerhalb der USA.

Großer Wert wurde bei »achtung berlin« schon immer auf die Retrospektive gelegt, diesmal gab es gleich zwei verschiedene, eine mit Agentenfilmen aus dem Kalten Krieg, eine über die Darstellung von sogenannten A-Berufen im Defa-Film. A-Berufe, so konnte man lernen, sind Ärzte, Architekten, Anwälte, also gewissermaßen die Intelligenz. Da konnte man zum Beispiel bestaunen, wie gemächlich in den 1960er Jahren auch ein Thriller erzählt werden konnte.

Neu als Festivalkino war in diesem Jahr das Filmtheater am Friedrichshain, das mit seiner Sonnenterrasse und dem großzügigen Foyer durchaus das Zeug zum ausschließlichen Festivalpalast hätte, wenn denn nicht drei der fünf Säle so winzig wären. So mußte der Besucher immer noch ein wenig nach Neukölln pendeln und sah so ein bißchen von der Stadt, in der er vermutlich selbst wohnt, denn ein Festival in Berlin mit Berlin-Thematik zieht zwar erwiesenermaßen eine Menge Leute an, aber nicht unbedingt so viele aus anderen Städten. Aber das stört niemanden, hat man doch ohnehin manchmal das Gefühl, der deutsche Film würde inzwischen komplett hier wohnen. Ob er das tut oder nicht, ist eine andere Frage, »achtung berlin« hat sich im sechsten Jahr seines Bestehens auf alle Fälle seinen Platz einerseits selbst geschaffen, andererseits entschlossen erobert – das erkennt man daran, daß man sich gar nicht mehr so recht erinnern mag, wie das eigentlich war, bevor es das Festival mal gab. 2010-05-11 17:55
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