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Crossing Europe 2010

Crossing Europe Filmfestival Linz. A 2010. L: Christine Dollhofer.
Linz, 20. – 25.4.10
Ausgezeichnet als bester Spielfilm, der kroatische Beitrag Crnci

Jenseits der Gefälligkeit

Von Cornelis Hähnel Das Festival im Jahr 1 nach Linz '09. Der verwöhnende Kulturhauptstadt-Rummel war gestern, jetzt müssen sämtliche Gelder und Aufmerksamkeiten wieder hart erkämpft werden. Zweiteres sollte für »Crossing Europe« ein Leichtes sein, denn mittlerweile hat sich das Filmfestival den Ruf einer qualitativ hochwertigen Ausnahmeerscheinung erarbeitet.

Getreu dem Motto: »Mehr ist mehr« startete die siebente Ausgabe gleich mit vier Eröffnungsfilmen, welche den erwarteten Standard und die Bandbreite ebenfalls vierfach unterstrichen. Die bosnische Regisseurin Jasmila Žbanić, die auf der Berlinale 2007 für ihren Film Grbavica mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde, inszeniert mit Na Putu (On the path) ein intensives Beziehungsdrama, in welchem die moderne Lebensweise mit traditioneller islamischer Weltsicht kollidiert. Und während in dem auf der Berlinale 2010 mehrfach ausgezeichneten Film Kak ya provel etim letom (How I ended this summer) von Alexei Popogrebsky zwei Männer auf einer arktischen Halbinsel mit ihrer Isolation kämpfen, schlägt sich Johnny Hallyday in Johnnie Tos Vengeance wütend durch die Unterwelt Macaos. Etwas Lokalkolorit versprühte die Dokumentation Es muss was geben von Christian Tod und Oliver Stangl, die die Entwicklung der legendären Linzer Musikszene seit den 1970er Jahren porträtiert.

Der Wettbewerb, der sich dem Debüt- und Zweitfilm verschrieben hat, versammelte in diesem Jahr spannendes und innovatives europäisches Autorenkino. Der Beitrag 11’e 10 kala (10 to 11) von Pelin Esmer erzählt vom Leben eines kauzigen alten Mannes, dessen Sammelleidenschaft für, äh, Dinge schon messiehafte Züge annimmt. Dabei gelingt es Esmer, seine Geschichte mit einer Portion warmen Humors zu erzählen, ohne seinen Protagonisten dabei bloßzustellen. Ebenso tragikomisch geht es bei Bobby Păunescus Francesca zu. Die junge Lehrerin Francesca möchte nach Italien auswandern, um dort einen Kindergarten für rumänische Kinder zu eröffnen. In ihrer Heimat stößt sie mit der Wahl ihres Zielortes auf Unverständnis, sei doch gerade dort die offene ablehnende Haltung gegenüber Rumänen mehr als deutlich. Geschickterweise konzentriert sich Francesca nur auf die letzten Tage in Rumänien und stellt somit die Auswirkungen offener Ressentiments gegenüber anderen Ethnien heraus, legt aber zugleich, bei aller berechtigter Kritik, stereotype Vorurteile gegenüber des »Täterlandes« offen.

Auf unwiderlegbaren Fakten hingegen basiert die Dokumentation Videocracy von Eric Gandini, die sich mit der unter Berlusconi entstandenen exhibitionistischen TV-Unterhaltung beschäftigt. Die Auswirkungen der seit 30 Jahren andauernden politischen Einflußnahme auf die Medienlandschaft Italiens und die durch unverhohlenen Sexismus erlangte Macht des Fernsehens, zeigt Gandini mit Hilfe von einer Fülle von Originalmaterial präzise auf. Dafür gab es den Preis als besten Dokumentarfilm. In Italien ist eine Ausstrahlung des Films übrigens verboten worden.

Als bester Spielfilm wurde der kroatische Beitrag Crnci (The Blacks) von Zvonimir Jurić und Goran Dević ausgezeichnet. Die berüchtigte Spezialeinheit »Crnci« wird nach Ausrufung des Waffenstillstands zu einem letzten Einsatz in die Wälder geschickt, um dort die Leichen von drei gefallenen Kameraden zu bergen. Mit einer beinahe kammerspielartigen Dichte erzählen die beiden Regisseure von den inneren Kämpfen der Truppe, von Schuld und Verzweiflung. Die elliptische Struktur der Narration unterstreicht dabei die Sinnlosigkeit der Eskalation des letzten Kommandos. Ein beeindruckender und beklemmender Film, der durch seine zurückhaltende Inszenierung und elegischen Bilder einen der wichtigsten Kommentare zur jüngeren Geschichte Ex-Jugoslawiens darstellt.

Das diesjährige Tribute galt dem russischen Produktionskollektiv »Koktebel«, das sich auch für den bereits erwähnten Kak ya provel etim letom verantwortlich zeigte. Seit 2003 sind dabei sieben Filme entstanden, die auf herausragende Weise die russische Gegenwart und das westliche Arthouse-Kino miteinander verknüpfen. Svobodnoe plavanie (Free floating) erzählt vom 20jährigen Lyonya, der sich in der Provinz um eine Arbeitsstelle bemüht. Regisseur Boris Khlebnikov inszeniert den Film mit skurrilem Humor jenseits jeglicher Betroffenheit, zwar bleibt sein Protagonist integer, aber erfolglos. Ebenso geprägt von ätzender Komik ist Volchok (Wolfy) von Vassily Sigarev – die Geschichte eines jungen Mädchens, das um die Liebe ihrer Mutter kämpft. Die eindringlichen und artifiziell hoch stilisierten Bilder bilden dabei den Kontrast zur inhaltlichen Härte, eine Mixtur, die ebenso betörend wie unerträglich ist. Ein Meisterwerk am Rande des Abgrunds.

Ebenfalls abgründig, wenn auch mit anderen Vorzeichen, wurde es wieder in der Nachtsicht-Schiene, die sich dem europäischen Genrekino (vorrangig Horror und Thriller) verschrieben hat. Dort präsentierte sich [Rec]² als routiniertes und doch spannendes Sequel des spanischen Überraschungserfolgs, während sich Valhalla Rising als germanische Schlachtplatte offenbarte. Die belgisch/französische Produktion Amer, eine stilistisch perfekte Hommage an das Giallo-Genre, konnte trotz beeindruckender Visualität nicht über die gen Null laufende Narration hinwegtäuschen; dafür beeindruckte Werner Herzogs My son, my son, what have ye done?, ein auf einem wahren Fall basierender Thriller, durch seine grandiose Inszenierung auf allen Ebenen.

Es ist beinahe beängstigend, mit welch geschicktem Händchen Festivalchefin Christine Dollhofer und ihr Team das Programm gestalten. Auch 2010 überzeugte Crossing Europe mit höchst anspruchsvollen und eigenwilligen Filmen, die jenseits der Gefälligkeit zu begeistern wissen. Um die Qualität des europäischen Nachwuchses und den Inhalt des Festivals, muß man sich somit keine Sorgen machen. Bleibt nur zu hoffen, daß auch auf finanzieller Ebene für Nachhaltigkeit gesorgt wird. Denn Linz 2009 ist eben auch Linz 2011. 2010-04-27 13:17
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