— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Internationales Frauenfilmfestival 2010

Internationales Frauenfilmfestival. D 2010. L: Silke J. Räbiger.
Dortmund/Köln, 14. – 18.4.08
Cosmonauta, der siegreiche Debütfilm von Susanna Nicchiarelli

Unsichtbare Wunden sehen

Von Ulrike Mattern Aus erdgebundener Perspektive stand das Internationale Frauenfilmfestival in Köln im Zeichen voranschreitender Frauen und eines renitenten isländischen Vulkans. Dessen aus der Bodenhaftung nicht wahrnehmbare Aschewolke über Europa verhinderte die Anreise vieler Künstlerinnen; so konnte etwa die italienische Regisseurin Susanna Nicchiarelli, die am Sonntagabend den mit 10.000 Euro dotierten Preis für den besten Debütspielfilm erhielt, weder bei der Premiere ihrer Komödie Cosmonauta noch bei der Preisverleihung zugegen sein. Acht Debütfilme von Filmemacherinnen waren an den fünf Festivaltagen in dieser Sektion gezeigt worden, und die 1975 geborene Nicchiarelli überzeugte die dreiköpfige internationale Jury mit ihrer in bewährter italienischer Filmmanier erzählten Geschichte über eine pubertierende Kommunistin. Luciana beschließt am Tag ihrer ersten Kommunion, daß sie vom rechten Pfad abweichen will. Statt in weißem Kleidchen mit der Gruppe der Erstkommunionskinder zum Altar zu schreiten, schlägt die Neunjährige zur Verblüffung der Gemeinde die entgegen gesetzte Richtung ein: Sie stürmt durch das Kirchenportal die Stufen hinab. Im Laufschritt entledigt sie sich des Schleiers auf ihrem Kopf und zu Hause der restlichen religiösen Montur. Luciana entscheidet sich fürs Säkulare: »Ich bin Kommunistin«. Sechs Jahre später, 1963, begeistert sich die nonkonforme Jungkommunistin mit ihrem Bruder Arturo für die Eroberung des Weltraums durch die Sowjetunion. Sie streitet zu Hause mit dem konservativen Stiefvater, bekommt wenig Unterstützung von ihrer Mutter, wird aber von der einzigen Frau in der örtlichen Parteisektion protegiert. Doch der Feminismus in Italien steckt noch in den Kinderschuhen, und ein Mädchen mit Freiheitsdrang und sexueller Experimentierfreude stößt auch unter Kommunisten an seine Grenzen. In jüngster Vergangenheit ließen bereits Familienepen wie Die besten Jahre (2003) und Mein Bruder ist ein Einzelkind (2006) erfolgreich individuelle Lebensläufe vor einem Tableau der Nachkriegsgeschichte Italiens entstehen. Jetzt haben die Brüder aus den Filmen von Marco Tullio Giordana und Daniele Luchetti ein Schwesterchen bekommen, das im Zeitkolorit der 1960er Jahre aus eigenem Antrieb in die Stratosphäre strebt und des Öfteren trotz ihres Kampfgeistes unsanft auf dem Boden landet.

Ein weiteres, visuell anspruchsvolleres, Spielfilmdebüt wurde von der Jury, die mit der österreichischen Regisseurin und Produzentin Barbara Albert, der deutschen WDR-Redakteurin Jessica Eisermann sowie der serbischen Schauspielerin Mirjana Karanovic besetzt war, mit einer lobenden Erwähnung bedacht: In dem kanadischen Beitrag Les Signes Vitaux (Vital Signs) arbeitet eine Studentin nach dem Tod ihrer Großmutter ehrenamtlich auf der Palliativstation eines Hospitals in Quebec. Anstatt ihr Studium in Harvard wieder aufzunehmen, bindet sich Simone (die fantastische Marie-Hélène Bellavance erinnert in ihrer ersten Filmrolle an Charlotte Gainsbourg) immer stärker an die Sterbenden. Sie separiert sich von ihrem Umfeld, entzieht sich zunehmend auch ihrem Freund. Sophie Deraspe, die in Personalunion als Drehbuchautorin, Kamerafrau und Regisseurin agiert, schafft präzise Bildkompositionen, in denen sie nah bei den Figuren bleibt und inwendige Momente einfängt – sei es im schauerlichen Prozeß des Sterbens oder in den raren Atemzügen von Lebenslust. Sie erweitert den klaustrophobischen Raum des Hospizes durch ironische oder dramatische Brechung, flankiert von einem dissonanten Sound. Les Signes Vitaux kreist um die Leerstellen in der Sinnkonstruktion von Leben und Tod, und es sind gerade die Auslassungen und Übergänge, die über den Epilog hinaus nachwirken.

Auch der bulgarische Krimi Raszledvane (The Investigation) vertraut auf die Eloquenz seiner Bilder – und auf eine ausdrucksstarke Protagonistin. Ein Mann soll seinen Bruder ermordet haben, er sitzt in Haft. Die Tat ist dem Inhaftierten nicht nachzuweisen; eine Kommissarin ermittelt. Während die Ehefrau und Mutter einer Tochter tagsüber Indizien folgt und Zeugen befragt, konfrontiert sie abends den Beschuldigten mit ihren Fragen. Analog zu ihrer beruflichen Arbeit, die sie souverän erledigt, öffnet der mehrfach ausgezeichnete Spielfilm einen Nebenschauplatz im Privatleben der Kommissarin, wo die spröde Frau mit ihren Gefühlen und Ängsten zu kämpfen hat. Dieser Beitrag aus dem Fokus »Rund um den Balkan«, mit insgesamt sieben Lang- und zahlreichen Kurzfilmen, überzeugte durch seine formale Geschlossenheit und Innenperspektive; andere Filme aus Südosteuropa widmeten sich Krieg, Vertreibung und Völkermord, dem Prozeß des Verschwindens politischer Systeme und den Folgen veränderter Grenzen. Auf die Herausforderungen einer Gesellschaft im Transit blickten zwei Beiträge aus Bosnien-Herzegowina: der Eröffnungsfilm Na Putu (On the Path) von Jasmila Zbanic, der im Februar auf der Berlinale im Wettbewerb lief, und das 2008 produzierte Spielfilmdebüt Snijeg (Snow) von Aida Begic. Zbanics Film schildert plakativ die Dichotomie zwischen einer modernen berufstätigen Frau und ihres zum religiösen Fundamentalismus konvertierten Ehemannes im Sarajevo der Gegenwart. Begic wählt als Zeitfenster eine Woche im Jahre 1997, in der in einem vom Krieg zerstörten bosnischen Dorf eine Gruppe von Frauen und Kindern auf die Rückkehr ihrer Männer hofft und versucht, sich eine neue Existenz aufzubauen. Hier entfalten sich differenzierte Lebensläufe, die auch in Friedenszeiten von den unsichtbaren Wunden des Krieges geprägt werden. Bedrohlich, absurd und teils sehr komisch gestaltet sich der bodenständige Alltag der Heldinnen in dieser Festivalsektion. Pragmatisch kommt etwa eine 94-Jährige in dem rumänischen Kurzfilm Humoresca (Humoresque) von Diana Deleanu zu dem notwendigen Kleingeld für ihre Beerdigung: Sie heiratet ihren langjährigen Freund und profitiert von der staatlichen Subvention für Familienplanung. 2010-04-21 15:11
© 2012, Schnitt Online

Sitemap