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Diagonale 2010

Festival des österreichischen Films. A 2010. L: Barbara Pichler.
Graz, 16. – 21.3.10
King Kongs Tränen von Peter Kern (© Peter Kern)

»Das Glück ist ein Vogerl«

Von Claudia Siefen Der Wiener Regisseur Peter Kern hatte es in einem Interview auf den Punkt gebracht: »Ich mag keine Kunst der Gleichgültigkeit. Man muß Stellung beziehen.« Mit seinem aktuellen Film King Kongs Tränen praktiziert er dies ganze 72 Minuten lang, eine dermaßen persönliche und kluge Arbeit, daß es einem noch Tage später wahre Glücksschauer über den Rücken jagt. Kern ist in Bild und Sprache dann am stärksten, wenn er reflektiert, wenn er wieder selbst der Ausgangspunkt der Geschichte ist und dies auch erkennbar macht. Was daran klug ist? Wenn ein Film dieser Art so viele Bilder und Sätze beinhaltet, daß jeder sich angesprochen und verstanden fühlen kann. Vielleicht ist dies auch eine allzu romantische und idealisierende Einstellung mit der man im Kino sitzen kann. Aber falsch ist diese Einstellung mit Sicherheit nicht. Kern gibt also Eindrücke seiner Wohnverhältnisse, der Menschen, die ihn in seiner Welt umgeben, Rachegelüste an mittelmäßiger Kunst und Träume des Glücks zum Besten. Musik spielt da natürlich eine große Rolle und auch wieder die Thematisierung des »Anders-Sein«. In Kerns Fall wieder eine Abarbeitung des Asthmatischen, des Fetten, der ganz persönlichen Sexualität, der Zärtlichkeit und der allzu großen Sensibilität. Er beklagt wieder das Unverständnis gegenüber all diesen möglichen Spielarten, daß der Mensch von seiner Umgebung zu schnell in eine Schublade gesteckt wird (ja, daß es diese Schubladensysteme überhaupt gibt) und er besingt geradezu das Leid in diesen Schubladen. Ein Wachrütteln ist dieser Film mit Sicherheit, aber nicht nur eine Anklage, sondern auch eine verständnisvolle Zartheit seinerseits: Indem er wieder das Üble bespuckt, zeigt er auch seine Zuneigung zu jenen, die ihn und seine Arbeit schätzen und lieben. Ob er das nun will oder nicht, Kerns King Kongs Tränen ist Zartheit und Zärtlichkeit pur.

Um die Wertschätzung eines grandiosen Œuvre geht es in Graz auch bei dem Schaffen des deutschen Regisseurs Romuald Karmakar. Kurzfilme wie Coup de boule (1987) und Demontage IX, Unternehmen Stahlglocke (1991) bieten Stoff fürs Hirn ebenso wie Villalobos (2009), Land der Vernichtung (2000) und Manila (2000). In Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Filmmuseum gibt es nun zum Schaffen Karmakars endlich eine kluge wie unterhaltsame Buchpublikation, deren Essays und Filmtexte Lust auf ein anderes Kino machen. Auf emotionale Entladungen seitens des Publikums muß man aber bei Karmakar gefaßt sein: Immer wieder spannend ist es zu beobachten, wie nach einer Vorführung reagiert wird. Woran mag es liegen, daß es eigentlich immer entrüstete Wortmeldungen gibt, auf die der Regisseur – nach momentaner Laune ungehalten oder freundlich beruhigend – reagiert? Mit seinem Grundthema »Faschismus« berührt Karmakar wunde, gar persönliche Punkte; mit seinen langen Einstellungen und sparsamen und absolut gezielten Schnitten provoziert er immer wieder erfolgreich.

An Meisterwerk-Deklarationen kommt auch Peter Schreiner mit Totó (2009) nicht vorbei. Das dokumentarische Porträt des Kalabresen Antonio Cotroneo zeigt die Suche eines Mannes nach Worten für sein persönliches Glück. Wenn es einem schlecht geht, das kann man immer in Worte fassen. Aber wie schaut es aus mit dem Glück? Problematisch wird es ja schon, da man das »Glück« nur schwer orten kann. Weiß man eigentlich, wenn man glücklich ist? Wie bin ich glücklich, wenn ich dafür keine Worte finde? Wovon man nicht sprechen kann, davon soll man schweigen. Der Philosoph Wittgenstein lag da schon völlig richtig und Schreiner wagt sich in schwarzweiß-Bildern an die schwierige Aufgabe, seinem Protagonisten bei der Suche nach den Worten zu begleiten, ohne dabei seinen Respekt für Totó in Frage zu stellen. Glück scheint vor allem »Bewegung« zu sein: im Kopf, örtlich und auch emotional. Heimatlosigkeit ist immer die Möglichkeit zur täglichen eigenen Neufindung. Dies ist anstrengend und verunsichernd, aber das Leben will aufgebraucht werden und man kann Totó denn doch für einen glücklichen Menschen halten.

Österreichische Experimentalfilme – da stockt mir jedes Mal vor Glück der Atem. »Ich brauch’ was Narratives«, gibt es an einem Abend eine kopfschüttelnde Wortmeldung aus dem Publikum. Nun denn, erzählt wird genug im Experimentalbereich. Etwa in Gyre (2009) von Björn Kämmerer. Schwarze Quadrate verschieben sich rhythmisch über die Leinwand, eine Trance in schwarzweiß, bis der Raum sich öffnet und sich der Blick in eine Holzhauskonstruktion eröffnet. Ein Drehen und Kreiseln, der Blick ins Haus: ohne Tür. Johann Lurf setzt wieder auf die Geschichte hinter den Bildern, indem er über die Jahre zusammengesuchte Einzelframes aneinandermontiert: Alles, was in der Vorführkammer so anfällt versetzt hier in einen Bilderrausch und zusammen mit dem Titel seines Filmes schwingt und brummt es weiter im Kopf: Zwölf Boxkämpfer jagen Viktor quer über den großen Sylter Deich 140 9. Das Ursprungsmaterial als Voraussetzung für eine ganze Geschichte, manche wertgeschätzten Kollegen rümpfen da beim nächtlichen Gespräch ein wenig die Nase und schimpfen etwas von »intellektueller Faulheit« der Filmemacher. Aber was zählt ist der Blick auf die Leinwand und nicht zuletzt das Hinhören. Etwa bei Zart B (2010) von Barbara Doser und Hofstetter Kurt. Eine Komposition von Hofstetter unterstützt die Umsetzung von Doser zum Prinzip der Möbiusschleife: Vorwärts und rückwärts bleibt es sich gleich, schwarzweiße Schwingungen hinterlassen in scharfen Kontrasten ein unstetes Gleichgewichtsgefühl. Sieben grandiose Minuten. Zum Schluß denn doch noch etwas »Narratives« hier erwähnt, aber mit enormer Publikumsbeanspruchung: Josef Dabernig zeigt mit Herna (2010) eine kleine Geschichte von zunächst beruhigender Einfachheit: Ein junges Paar mit kleinem Kind parkt am Tage sein Auto an der Straße, er steigt aus und verschwindet in einer vorstädtischen Spielhölle während sie mit dem Kleinen im Auto wartet. Und wartet, und wartet. Dazu gibt es ein »Hörspiel« von Michael Palm; zwei Damen treffen sich vor einem Lokal, das sie zwecks freundschaftlichem Alkoholkonsum gemeinsam betreten werden und sich über Gott und die Welt unterhalten, aber vor allem über die privaten Machenschaften des Herrn König! Bild und Ton haben, außer dem punktgenauen Schnitt, erst einmal wenig miteinander zu tun, und es spielen sich zwei Filme im Kopf des Zuschauers ab. Ein Film läuft über das Bild und der andere Film über die Tonspur. Der experimentelle Kurzfilm lebt also weiter und für die Geschichten ohne benötigtes Hintergrundwissen, also zur vollen Kopfexplosion, dafür gibt es ja immer noch Mara Matuschka. 2010-04-06 15:43
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