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Diagonale 2010

Festival des österreichischen Films. A 2010. L: Barbara Pichler.
Graz, 16. – 21.03.10
04

Das Ende naht

Von Christine Dériaz Nachtrag zu Koma: Nein, auch nach einer Nacht erschließt sich der tiefere Reiz des Films nicht wirklich; macht nichts, man muss nicht alles mögen.

Der letzte Tag in Graz beginnt gut, Liebe Geschichte von Klub2 (Simone Bader und Jo Schmeiser). Ein streng formal aufgebauter Film, der die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit unter dezidiert weiblicher Sicht zum Thema hat, das heißt nicht nur: Was ist die Auswirkung eines Nazi-Vaters auf Töchter, sondern auch das lange nicht behandelte Thema der weiblichen Täter. Bildlich steht für jedes Jahrzehnt, von den 1950er Jahren bis in die 2000er Jahre, ein architektonisch markantes Gebäude in Wien. Diese grandios photographierten Motive sind der Raum in dem jeweils auch ein kurzer geschichtlicher Kommentartext einen geschichtlichen Überblick gibt, und der Ort an dem jeweils eine der Frauen beim Interview sitzt. Dadurch entsteht ein Spannungsfeld, das die Außen- und Innenwelt verbindet, und durch die Verbindung von Privatem mit Öffentlichem eine Allgemeingültigkeit des Gesagten entstehen läßt.

Nicht nur Durchhaltevermögen braucht man bei einem Festival, sondern auch Risikobereitschaft. Ein solches Risiko besteht immer dann, wenn man sich Experimentalfilme anschauen geht. Den sperrigsten Titel hat da wohl Zwölf Boxkämpfer jagen Viktor quer über den großen Sylter Deich 140 9 von Johann Lurf. Anzusehen ist das Ganze dann aber gar nicht mehr sperrig, drei Minuten, bestehend aus Einzelbildern aus Kinofilmen, das ergibt 4320 Einzelbilder die am Zuschauer vorbei flimmern und dabei Spaß machen, auch wenn man weder Sylt noch Boxkämpfer erkennt. Auch Hohe blaue Gebirge, Flüsse und goldene Ebenen von Borjana Ventizslavova ist sehr originell und lustig anzusehen, steil von oben gedreht, in die Kamera schauend, rezitieren Leute folkloristische Popsongs aus dem Bulgarien der letzten 20 Jahre. Das ergibt ein bizarres Bild, zerlegt die Kraft eines Lieds, und fokussiert so extrem die drastischen Texte.

Vor der Preisverleihung dann noch schnell ein Kurzfilmprogramm – man gönnt sich ja sonst nichts. Sehr eigen, aber auch sehr warmherzig Elefantenhaut von Severin Fiala und Ulrike Putzer. Eine etwa 50-jährige Arbeiterin, die sich um ihre kranke Mutter kümmert, in einer lauten Fabrik arbeitet, scheinbar nichts Eigenes hat vom Leben, diese Konstellation hätte ein tristes Sozialdrama ergeben können, aber den Regisseuren ist statt dessen ein witziger, liebevoller Film gelungen. Verschleissteile von Paul Meschuh ist eine sorgfältig gemachte Geschichte um einen Photographen, dem die Inspiration fehlt, und einer Studentin, der die Lebenszeit davon läuft. Ein Flirt verhilft letztlich beiden zu dem was ihnen fehlt: Ihr zu Mut und neuem Antrieb jenseits dieses Flirts, ihm zu einen Photomotiv, das zumindest seine Karriere ankurbelt.

Während die Eröffnung immer mit gewissem Glanz und Ehrengästen daher kommt, ist die Preisverleihung eher prosaisch, dafür aber meist viel lustiger! Diesmal fand sie im Grazer Orpheum statt, nach kleineren technischen Problemen mit den Mikrofonen wurde der Abend von Pia Hierzegger mit viel Pep und manchmal ein klein wenig zuviel Witz moderiert. Mit den Preisen sind die meisten vermutlich einigermaßen einverstanden sind. Interessanterweise war der Höhepunkt, also der Grosse Diagonale Preis, nicht etwa die Bekanntgabe des Besten Spielfilms – La Pivellina von Tizza Covi und Rainer Frimmel – sondern der für den besten Dokumentarfilm – Hana, dul, sed … von Brigitte Weich und Karin Macher, und auch die Jugendjury hat sich für einen Dokumentarfilm entschieden: Kick Off von Hueyin Tabak. Ein weiteres Zeichen für die Stärke des österreichischen Dokumentarfilms. Die Liste der Preise ist auf der Webseite der Diagonale zu finden. Nach glücklich verteilten Preisen mit glücklichen Preisträgern gab es niedliche kleine Häppchen, gute Gespräche, und für die ganz Unersättlichen noch eine Party. 2010-03-21 18:04

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