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Diagonale 2010

Festival des österreichischen Films. A 2010. L: Barbara Pichler.
Graz, 16. – 21.03.10
03

Schein und Sein

Von Christine Dériaz Erstaunlich, aber schön, daß es sowohl für die Vorstellungen um 11 Uhr vormittags, als auch für die um 11 Uhr abends immer wieder zu Tumulten um Karten kommt. Man steht in den Schlangen an der Kasse und boxt sich durch, es werden bereits um 10 Uhr Wartenummern vergeben, und dabei handelt es sich nicht um Fachpublikum sondern um ganz »normale« Kinogeher! Und das, ein weiterer Blick auf das Wetter sei erlaubt, bei stetig steigenden Temperaturen nach diesem langen Winter.

Eine solche Frühvorstellung ist Herrenkinder von Eduard Erne und Christian Schneider, die Vorstellung ist ausverkauft. Zu Recht, der Film ist einfach klasse! Auch 65 Jahre nach Kriegsende gibt es immer noch Geschichten zu erzählen, die nicht schon 100 Mal so oder so ähnlich erzählt wurden, und der Film ist kompromißlos ein Leinwandfilm, mit großen Landschaftsaufnahmen, die sich einer monumentalen Bildsprache bedienen; Thema sind ehemalige Napola-Schüler, also jenen Eliteinternaten der Nazis, in denen künftige Herrenmenschen herangedrillt werden sollten; wichtiger aber als die Struktur, das Programm dieser Schulen, ist den Filmemachern zu fragen was diese Schule mit den Kindern gemacht hat, und wie sich das auf ihr Leben, zum Beispiel der Beziehung zu ihren Kindern, ausgewirkt hat. Extrem spannend komponierte Sequenzen aus Propagandamaterial, dem sein Propagandapotential durch rasanten Schnitt entzogen wird, Gespräche, zum Teil in extremen Nahaufnahmen, Projektionen, Spiegelungen: Alle Möglichkeiten mit Bildern zu spielen und zu erzählen werden genutzt, um dem Film auf der visuellen Ebene eine Entsprechung zum Erzählten zu verschaffen. Tolles Kino! Obwohl der Film mit ZDF, arte und ORF koproduziert ist, wird es zumindest im deutschen Fernsehen diese Version nicht zu sehen geben, es bleibt also nur die Hoffnung auf einsichtige Verleiher.

Wenn ein Film von ihm auf der Diagonale läuft, ist es nachgerade Pflicht ihn anzuschauen, also, auf zu King Kongs Tränen von Peter Kern. Eine fabelhafte und fabelhaft böse Groteske, in der bei aller Bosheit immer etwas Warmherziges mitschwingt; in schwindelerregenden Kaskaden werden aktuelle Themen von Ausländerfeindlichkeit über Kindesmissbrauch bis zu Kunstkritik in einen kurzweiligen Film verwandelt. Eine zusätzliche Freude, die dem Festivalbesucher vorbehalten ist, sind die Publikumsgespräche mit Peter Kern, eine Zugabe sozusagen von einem, der es versteht, Geschichten zu erzählen.

Was du nicht siehst von Wolfgang Fischer ist da eher ein Blender; zu vorhersehbar das Spiel mit dem Schein und Sein, als daß die Auflösung einen noch aus dem Kinositz werfen könnte. Was bleibt ist eine wirklich schöne Kamera, die schöne bretonische Landschaft und die Geschichte um einen verwirrten Heranwachsenden, bei dem sich ausbrechenden Sexualität und Verdrängung zu einem mörderischen Gebräu steigern. Kann man ansehen, muss man aber nicht. Ziemlich nichtssagend ist Koma von Ludwig Wüst. Unklar, ob auch dies eine Geschichte ist, in der Realitäten verschwimmen, und so sind die sehr langen, festen Einstellungen mit sperrig, eher laienhaft spielenden Darstellern ermüdend. Laut Katalog erschließt sich der Film mit Retard-Wirkung…

Morgen ist ja auch noch ein Tag. 2010-03-21 14:51

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