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Diagonale 2010

Festival des österreichischen Films. A 2010. L: Barbara Pichler.
Graz, 16. – 21.03.10
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Warte bis es dunkel ist

Von Christine Dériaz Es gibt bei jedem Festival den Roulette-Aspekt, sprich, da man nicht alles sehen kann, muß man sich irgendwann entscheiden, tja, und diese Entscheidungen können mal besser und mal schlechter sein…..

Tag zwei fängt eher mit weniger glücklichen Entscheidungen an:
Tankstelle von Robert Schabaus war eine davon. In einer einzigen Totalen sieht man eine ehemalige Tankstelle, eine Landstraße mit vorbeirauschenden Autos im Vordergrund, Berge und Wolken im Hintergrund. Hübsch. Also, als Photo! Aus dem Off eine Frauenstimme, die die Geschichte dieser Tankstelle erzählt, mehr nicht, elf Minuten lang. Das reicht irgendwie nicht wirklich als Film, nicht mal als Kurzdokumentarfilm, zumal sich kein System erkennen läßt, wann die Stimme kommt, wann sie schweigt. Möglicherweise hätte sich das in der anschließenden Publikumsdiskussion aufgeklärt, aber andererseits sollte man einen Film auch ohne begleitende Erklärung begreifen können. Der zweite Film in diesem Vormittagsprogramm: Jobcenter von Angela Summereder. Diesem Film merkt man an, daß er mit einer guten Absicht gestartet ist, aber er kann nicht wirklich überzeugen. Eine Gruppe von Arbeitslosen, teils sehr jung, teils eher unvermittelbare 50+, haben sich entschieden beim AMS (Arbeitsmarktservice = Arbeitsamt) Kurse zu belegen, Kurse, die sie auf den Wiedereinstieg ins Arbeitsleben hin trainieren sollen. Sie üben Bewerbungen schreiben, führen fiktive Bewerbungsgespräche, lassen sich von den sogenannten Trainern mit Motivationsweisheiten berieseln. Der Film zeigt sie sowohl in den Kursen als auch zuhause, auf Jobsuche, an ihren ehemaligen Arbeitsplätzen, läßt sie reden, manchmal aus dem Off über dem Gesicht eines ihrer Kurskollegen. Das ist alles zwar ganz interessant, aber insgesamt ist die Geschichte nicht stimmig, sie bleibt ein Versatzspiel, und so kommt man weder den Personen wirklich nahe, noch taugt es zur Verallgemeinerung, zur Typisierung und damit zu einem Statement über die Allgemeingültigkeit des Problems.

Ma Never Ending Burial Plot von Constanze Ruhm ist ein extrem anstrengender Film, er ist mathematisch exakt strukturiert, arbeitet mit Wiederholungen, zwingt den Zuschauer zu sehen, daß dasselbe nicht immer dasselbe ist. Auf bildlicher Ebene wird in Dreierschritten das Bild von Schwarz-Weiß nach bunt modifiziert. Anfangs bis auf leichte Anflüge von Rot, komplett Schwarz-Weiß, im nächsten Block entsättigt, das Rot eher wie dunkles Blut und im dritten Teil dann in kreischenden Farben und das Rot zum Signalrot; Kamerabewegungen wiederholen sich in allen Teilen, die Szene ist immer die gleiche, ein Wald, ein Haus, eine Grube wird gegraben, endlos, immer wieder, in einem Kreis, einem Kreislauf. Die Schauspieler führen eine Art Reigen auf, wechseln die Kostüme, damit die Rollen, reihum; auch hier die Wiederholung, die Kreisbewegung. Alles was auf der Leinwand passiert setzt sich zusammen aus Zitaten, sowohl textlich als auch in Kamerabewegungen, in Einstellungen, alles sehr stilisiert. Anstrengend eben, aber auch irgendwie interessant, weil man, selbst wenn man die Zitate nicht erkennt, der strengen Struktur folgen kann.

Dennoch, die wirkliche Freude kam dann erst am Abend auf. Die Tatsache, daß dieses Jahr mehr Dokumentarfilme als Spielfilm gezeigt werden, erhöht die Chance, dort auf Perlen zu stoßen. Reich werden kann man mit Dokumentarfilmen nicht, besonders da oft mehrere Jahre Produktionszeit nötig sind, um einen Film zu Ende zu bringen. In Die fünf Himmelsrichtungen von Fridolin Schönwiese hat sich diese Mühe gelohnt. Er hat mit viel Geduld ein Portrait von zwei in den USA illegal lebenden Mexikanern gezeichnet, das Nähe und Ruhe ausstrahlt, und Mitfühlen zuläßt. María Esther, die Radiomoderatorin und Tanzlehrerin und Miguel, der auf einem Schrottplatz arbeitet. Beide stammen aus Tres Valles, beide leben mehr schlecht als recht in Kansas City. Unaufdringlich wird ihr Alltag gezeigt, man merkt, daß sie die Kamera gar nicht mehr wahrnehmen, und doch gelingt eine fast spielfilmhafte Stimmung, indem zum Beispiel Parallelmontagen verwendet werden, beispielsweise bei Telefonaten zwischen Miguel und seiner in Mexiko lebenden Frau, oder es wird das Drehen der Videobotschaft in Mexiko mit dem Anschauen des Videos bei María Esther in Kansas gegengeschnitten. Die innere Verbundenheit wird durch die filmische Verbindung erfahrbar. Diese Migranten leben schon lange in den USA und sind dennoch nie dort angekommen. Zwischendurch, zum Ausatmen, Bilder von Landschaften. Sie vermitteln eine neutrale Perspektive die einem im Anschluß wieder möglich macht, den dichten, engen Zuständen der Protagonisten zu folgen. Man wünscht sich mehr solche Dokumentarfilme und der Wunsch wird in der Nachtvorstellung gleich erfüllt: Muezzin von Sebastian Brameshuber, der Film verführt, oder entführt zunächst einmal in das erwachende Istanbul, in schönen, ruhigen Bildern, steigt dann mit einem Muezzin auf sein Minarett, und ist damit in der Geschichte. Es finden in der Türkei Wettbewerbe von Muezzinen statt, doch dieser skurril anmutende Wettkampf wird auch in der Türkei weitgehend von den Medien ignoriert. Umso schöner, daß ein junger Österreicher sich des Themas annimmt, und es mit sehr viel Neugierde und Leidenschaft für das Kinopublikum aufbereitet. Vielleicht kann so ein Film auch dazu beitragen, der leidigen Diskussionen über Minarette eine andere Sicht hinzuzufügen und sie damit, vielleicht irgendwann mal, zu Gunsten der Toleranz zu beenden. Und so entläßt einen das Kino in die Nacht, mit der Hoffnung, daß das Auswahl-Roulette des nächsten Tages schon von morgens an glücken wird. 2010-03-19 16:51

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