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Diagonale 2010

Festival des österreichischen Films. A 2010. L: Barbara Pichler.
Graz, 16. – 21.03.10
01

Der Schatten des Zweifels

Von Christine Dériaz Die Eröffnung

Die österreichische Filmwelt hat sich wieder im freundlichen Graz versammelt, um zu zeigen und zu sehen was im vergangenen Jahr produziert wurde. Da die Diagonale erfreulicherweise weder ein »red-carpet-event« noch eine »black-tie-dress-code« Veranstaltung ist, steht und fällt der Glanz der Eröffnung mit den Eröffnungsreden.

Barbara Pichlers Rede war klug und interessant – einzig ein wüst kläffender Hund schien das nicht so zu sehen, wurde aber von ihr freundlich ignoriert. Sie streifte die aktuellen österreichischen Erfolge in Hollywood, ohne den heimischen Film aber darauf zu reduzieren, sie positionierte die Aufgabe eines Festivals als Begleiter und Kommentator von Filmen, das dem Film außerhalb ökonomischer Interessen einen Raum bietet. Und das aus Leidenschaft.

Nach der Verleihung der Schauspielerpreise an Franziska Weisz und Andreas Lust, und einen Ehrenpreis für seine Verdienste um die österreichische Filmkultur an Klaus Maria Brandauer, dann der Eröffnungsfilm Der Kameramörder von Robert Adrian Pejo, nach einem Roman von Thomas Glavinic. Ein Paar hat ein anderes Paar zum Osterwochenende in sein Haus am Neusiedlersee eingeladen. Was zunächst als fröhliches Ausspannen mit Wein, Essen und Lachen beginnt, mutiert, als die Gruppe erfährt, daß drei Jungen aus der Nachbarschaft verschwunden sind. Ein im Internet kursierendes Snuff-Video scheint mit diesem Verschwinden zu tun zu haben. Die gute Laune schwindet, Zweifel und Anschuldigungen machen sich breit. Der Film ist wohl sauber inszeniert, brav gespielt und hübsch photographiert, doch läßt er den Zuschauer kalt, die Spannung, der Schatten des Zweifels, der über den vier Figuren schwebt, teilt sich nicht mit. Zu distanziert bleiben die Personen, bleibt letztendlich die Kamera, als daß man wirklich in die Geschichte hineingezogen würde. So waren 95 zwar nicht langweilige Minuten zu sehen, die die Leinwand wohl füllten, aber für die man eigentlich nicht ins Kino zu gehen braucht. Was bleibt, ist die Lust den Roman zu lesen, um herauszufinden, ob dort, mit sprachlichen Mitteln, die Nähe entsteht, die dieser Geschichte im Film fehlt.

Tag 1 – Frühlingserwachen

Strahlend blauer Frühlingshimmel macht es einem doch schwer, sich schon Vormittags im Kino zu verstecken, um so erfreulicher, wenn man dann gleich mit einem guten Kurz(spiel-)film Programm belohnt wird. Ausflug von Florian Röser spielt in 9 Minuten mit der Erwartung des Zuschauers. Man erwartet von Anfang an, daß etwas geschehen wird, und gerade wenn man sich zurücklehnen will, der Meinung, daß vielleicht doch nichts passiert, daß die Geschichte ganz anderes im Sinn hat, da kracht es dann doch! Bumm und aus! Warum das toll ist? Weil da ein junger Regisseur die Filmgrammatik beherrscht und damit dann federleicht spielt. Gespielt wird auch in Spaß mit Hase von Judith Zdesar, Spiel und Ernst werden hier durch die Qualität der Bilder kontrastiert: die Jungs, die ihre durchaus groben und grausamen Spiele mit ihren Handykameras drehen und die beobachtende »echte« Kamera. Dieses Wechseln der Qualität funktioniert gut und treibt die Handlung rhythmisch voran bis zum grausigen Ende, wo das Handy dann nur noch in seiner Funktion als Nachrichtenübermittler dient.

Und während sich die Grazer in den Straßencafés die Sonne auf den Kopf scheinen lassen, geht es schon wieder ins Kino, Herbstgold von Jan Tenhaven. Ein Dokumentarfilm über Leistungssportler jenseits der 85! Das klingt nicht nur spannend, das ergibt auch einen sehr guten, interessanten, aber vor allem sehr lustigen Film, bei dem aber keineswegs über die Sportopas und -omas gelacht wird. Die fünf Sportler aus fünf Ländern werden nicht nur beim Training, sondern auch im Alltag begleitet, dabei sprechen sie offen sowohl über Verletzungsgefahren beim Trainieren wie auch über Sex im Alter, und zwar keineswegs in Form von »das war einmal«. Es gibt stille, feine Momente in diesem Film und starke, emotionale bis zum Finale, den Weltmeisterschaften in Finnland, wo sich die Anstrengungen des Trainings in Metall, tunlichst in goldenes verwandeln sollen.

Der frühe Abend dann gehörte der ORF-Premiere von Wolfgang Murnbergers Meine Tochter nicht. Nadja, verliebt in einen Junkie, meint mit der ganzen Naivität einer 16-jährigen ihren Freund aus dem Drogenleben herausholen zu können, und versinkt dann nur selbst darin. Da die Geschichte in einer finanzkräftigen Familie angesiedelt ist, stehen Nadjas Eltern auch ausreichend Mittel zur Verfügung sie dort rauszuholen, aber selbst mit Geld und gutem Willen ist das ein relativ schweres Unterfangen, muß doch der Süchtige selbst auch wollen. Kein umwerfender Film, aber gut und spannend gemacht, schlüssig auch das titelgebende Resümee der Mutter. Drogen sind eben auch spannend, weil sie verboten sind, und nur weil man meint, sein Kind zu kennen, heißt das noch lange nicht, daß man weiß was es wann tun wird.

Und damit dann ein langer Filmtag schön zu Ende geht, gab es als »Gute Nacht« zwei Horrorfilme: Catafalque von Christoph Rainer und den Max-Ophüls-Preisträger Rammbock von Marvin Kren. Catafalque zeigt eigentlich nichts, schon gar nichts was einem Angst machen könnte, aber er spielt mit Tönen, Erwartungen und Lichteffekten, und kreiert so eine dichte Spannung. Man weiß eigentlich auch am Schluß nicht so recht, was wem da passiert ist, aber das ganze ist so gut gemacht, daß das so völlig in Ordnung ist. Und Rammbock ist ein (selbst für Nichtzombiefans) großer Spaß, bei dem man ab und zu erschrecken kann, aber der einen sicher nicht den wohlverdienten Schlaf rauben wird. 2010-03-18 15:15

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