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Querschnitt. Von der Berlinale 2010

60. Internationale Filmfestspiele Berlin. D 2010. L: Dieter Kosslick u.a.
Berlin, 11. – 21.2.10

Die Querschritt-Kritikergruppe und Schnitt-Autoren berichten von den Ereignissen, Stimmungen, Kuriositäten und natürlich Filmen der 60. Internationalen Filmfestspiele Berlin.
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Reise in die Nacht

Putty Hill von Matt Porterfield

Von Elena Meilicke Ein leeres Zimmer in einem verlassenen Haus in Baltimore, Wände und Dielen sind weiß, eine rote Matratze liegt in der Ecke, auf dem Boden leere Flaschen, ein Aschenbecher. In der anderen Ecke hängt ein rotes Bettlaken vor einem großen Fenster, es bewegt sich im Wind, die hereinfallende Abendsonne zeichnet rosige Lichtquadrate an die kahle Wand. Hier lebte Cory.

Ein Paintball Court im Wald, eine Gruppe Teenager in viel zu großen Hosen und Shirts spielt Krieg. Cover, aim, shoot. Cover, aim, shoot. Als die martialisch aussehenden Helme hochgehen, kommen schiefe Gesichter zum Vorschein, keine Schauspielergesichter, sondern kaputt, verdrogt. Aus dem Off plötzlich eine Stimme, die Fragen stellt. Interviewt wird ein schmaler Junge mit schulterlangen Locken. Putty Hill ist halb Mockumentary, halb narrativer Spielfilm. Der schmale Junge ist James, Corys Bruder.

Ein großer Mann mit länglichem rotblondem Haar, er sieht aus wie ein Wrestler. Er tätowiert, die Nadel kreischt, ein wenig Exposition ist achtlos darüber geworfen. Second degree murder. Aggression und Gewalt liegen in der Luft. Die Befürchtung, hier werde das Elend, der so genannte weiße Müll, ausgestellt und vorgeführt. Spike ist Corys Onkel.

Ein Fluß. Jugendliche Körper. Ein Mädchen mit langem, hellbraunem, welligem Haar, abgeschnittenen Jeans und derben Schuhen, ein bißchen walkürenhaft, kräftig und sinnlich. Jungs, deren Oberkörper jeden Muskel erkennen lassen. Die Erotik bleibt unterschwellig, nie sieht man Sex und doch ist jede Einstellung voll davon. Zoe ist Corys Schwester.

Putty Hill ist ein visuell unglaublich schöner Film, gefügt aus Lichtern, Farben, Stimmungen, die kaum in Worte zu übersetzen sind. Der Film ist größtenteils improvisiert, gedreht in nur 12 Tagen, er hat eine leichte, hingeworfene Qualität. Doch zugleich liegt etwas Schweres, Müdes, Süßlich-Zähes in der Luft, in den Bewegungen und Gesichtern. Die Langsam- und Ziellosigkeit eines spätsommerlichen Nachmittags.

Die lange letzte Szene entwickelt fast hypnotischen Sog, Zoe in dem Haus vom Anfang, in Corys Zimmer, doch jetzt ist es Nacht, vollkommen dunkel. Das Zimmer wird nur erleuchtet von Schein eines Handys und einer glimmenden Zigarette. Die Autofahrt nach Hause zerfließt in Lichtpunkte, Abstraktion.

Putty Hill ist ein Film über ein Begräbnis und den Tag davor. 2010-02-21 09:54

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