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Max Ophüls Preis 2010

31. Filmfestival Max Ophüls Preis. D 2010. L: Gabriella Bandel, Philipp Bräuer. Saarbrücken, 18. – 24.1.10
War mit seinem Film Schwerkraft der große Gewinner des Festivals: Maximilian Erlenwein

Genre? Gerne!

Von Cornelis Hähnel Als in Saarbrücken im letzten Jahr das Jubiläum »100 Jahre Großstadt« gefeiert wurde, war man schier gerührt von so viel bescheidenem Stolz. Dabei darf man nicht dem Fehler unterliegen, die Landeshauptstadt zu verkennen, denn sie hat nicht nur eigene Tatort-Ermittler und mit Sandra und Nicole zwei international erfolgreich singende Stadttöchter, sondern veranstaltet mit dem Filmfestival Max Ophüls Preis die wichtigste Plattform für den deutschsprachigen Nachwuchs. Traditionell richtet sich zu Jahresbeginn das Augenmerk auf neue Talente in all ihren Facetten – vom 18. bis zum 24. Januar 2010 unterstrich das Max Ophüls Festival erneut seine Relevanz für die nationale Kinolandschaft und überraschte mit vielseitigen und erfrischenden Produktionen.

Dieses Jahr war besonders deutlich zu spüren, daß der deutschsprachige Film altbekannte Pfade verläßt, nicht mehr nur stereotype Erwartungen erfüllen möchte und sich selbstbewußt eigene Nischen sucht. Das Genrekino wird nicht mehr den anderen überlassen, sondern stilsicher und souverän annektiert. Die österreichische Produktion South von Gerhard Fillei und Joachim Krenn kommt beispielsweise als wuchtiger Film-Noir-Thriller daher: Fast durchgehend in schwarzweißen Bildern erzählt der Film die Geschichte des vom FBI gejagten Bankräuber Bruce, der in einem Tagebuch einer ihm unbekannten jungen Frau verstörende Fotos findet, die ihm seltsam vertraut vorkommen. Mit seiner eigenwilligen Erzählweise und dichter Atmosphäre war South einer der komplexesten und reifsten Filme des Wettbewerbs. Picco von Philip Koch hingegen wendet sich dem Gefängnisdrama zu. In beklemmender Nähe erzählt Koch radikal und schonungslos über Alltag und Absturz im deutschen Jugendknast und lässt nicht nur die räumliche Enge spürbar werden. Für das umstrittene Werk gab es den Filmpreis des saarländischen Ministerpräsidenten.

Großer Gewinner des Festivals mit vier Auszeichnungen war der aktuelle Schnitt-Quartalsliebling Schwerkraft von Maximilian Erlenwein. Der konnte sich nicht nur über den Preis für das beste Drehbuch und den besten Film freuen, auch Hauptdarstellerin Nora von Waldstätten wurde als beste Nachwuchsdarstellerin ausgezeichnet. Und für Fabian Hinrichs gab es sogar einen Sonderpreis Schauspiel, mit dem sein außergewöhnliches Spiel in der chromerstrahlten Gangster-Tagikomödie honoriert wurde. Bester Nachwuchsdarsteller wurde Sebastian Urzendowsky, der beim Max Ophüls Preis in Sergej Moyas (ja, der Hauptverdächtige aus dem gestrigen Tatort) skurrilem Kurzfilm Die blaue Periode erneut sein Talent unter Beweis stellte. Das Hip-Hop Melodram Bis aufs Blut – Brüder auf Bewährung erhielt den Publikumspreis, den Preis der Schülerjury und eine zusätzliche Verleihförderung. Auch das zeigt: Der klare Mut zum Genre zahlt sich aus. Und daß mit Rammbock von Marvin Kren ein deutscher Zombiefilm als bester mittellanger Film (Filme zwischen 30 und 65 Minuten) ausgezeichnet wurde, spricht für sich. Das Publikum ist bereit, heimischen Produktionen in cineastische Nischen zu folgen. Mit Cargo von Ivan Engler und Ralph Etter wurde man ganz selbstverständlich zu einer Odyssee durchs Weltall eingeladen und Tomasz Thomson präsentierte mit Snowman’s Land den tiefschwarzen Trip eines Auftragskillers in die verschneiten Berge. Eines der durchgeknalltesten Leinwandspektakel war wohl Must Love Death von Andreas Schaap. Sein Abschlußfilm ist eine geschickte Kreuzung der uramerikanischen Genres Romantic Comedy und Horrorsplatter; ein kurzweiliges und unterhaltendes Popcornkino.

Neben dem Ausbruch aus altgedienten Erzählkorsagen fiel das Festival vor allem durch einen starken Jahrgang von Dokumentarfilmen auf, was sich auch bei der Preisverleihung bemerkbar machte: So gab es nicht einen Preisträger, sondern gleich zwei und zusätzlich eine lobende Erwähnung. Ausgezeichnet wurden My Globe is broken in Rwanda von Katharina von Schroeder, ein bewegendes und betroffenheitsfreies Portrait vier junger Ruander und deren Umgang mit den Folgen des Bürgerkrieges von 1994 und Nirgendwo. Kosovo von Silvana Santamaria über den jungen Haki, der nach 18 Jahren in Deutschland in den Kosovo abgeschoben wurde und nun darum kämpft, zurück zu seiner Frau und seinen Kindern zu dürfen. Die lobende Erwähnung erhielt Hoffenheim – Das Leben ist kein Heimspiel von Frank Marten Pfeiffer und Rouven Rech über den märchenhaften Aufstieg des kleinen Kreisligisten TSG 1899 Hoffenheim in die erste Fußball Bundesliga. Ein im besten Sinne klassischer und konventioneller Dokumentarfilm, dramaturgisch stringent, unterhaltsam und spannend zugleich. Kurz erwähnt sei auch noch Urville von Angela Christlieb, die sich auf die Suche nach dem imaginären utopischen Ort begibt, der der Legende nach die modernste Stadt der Welt sei und drei gleichnamige, real existierende Dörfer in Frankreich findet, deren Einwohner mit eigensinniger Skurrilität im Alltag brillieren.

Lange war der deutsche Film nicht mehr so vielseitig und unterhaltsam, zugleich hochwertig und streitbar, intelligent und albern. Die künstlerischen Leiter Gabriella Bandel und Philipp Bräuer haben mit ihrem Team auch bei der 31. Ausgabe des Max Ophüls Preis ein spannendes Kaleidoskop des jungen Kinos zusammengetragen und somit erneut bewiesen, daß der deutsche Film viel mehr kann als gemeinhin geunkt wird. So wie Saarbrücken eben auch. 2010-01-25 17:37
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