Unlimited 2009

Europäisches Kurzfilmfestival Köln UNLIMITED #3. D 2009. L: Marita Quaas. Köln, 18. – 23.11.09
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Festivalvielfalt

Von Alexander Scholz Aus der Eingangshalle des Kölner Odeon-Kinos kann man die gegenüberliegende Straßenseite sehen. Sie zu erreichen ist schon schwieriger. Weil die Severinstraße auf dieser Höhe nach wie vor eine Baustelle ist, kann man die Straße nur per Umweg durch bezäunte Gänge überqueren. Diese Begrenzung steht im Gegensatz zu dem Titel der Veranstaltung, die dieser Tage auch in diesem Kino stattfand. Das Kurzfilmfestival »Unlimited« trägt außerdem den Namen der Stadt Köln und wird mit dem Attribut »europäisch« näher bestimmt. Daß Köln nicht nur der Ort ist, wo das besagte Odeon steht, in dem einen bei den Screenings stets erhabener Charme umgibt, sondern darüber hinaus noch das Zentrum eines festivaleigenen Mikrokosmos bildet, wird nach einem flüchtigen Blick ins Programm klar. Wer Namen wie »Cinepänz« oder »Soundtrack Cologne« liest – die Veranstaltungen, mit denen »Unlimited« in diesem Jahr erstmals kooperierte – der kann schnell erahnen, daß sich hier eine heterogene Gruppe von Organisatoren zusammengefunden hat, um gemeinsam der Vielfalt der Rheinmetropole Rechnung zu tragen. Damit ist nicht nur die naturgemäß facettenreiche Stadtbevölkerung gemeint, sondern eben auch die Vielfalt der Filmfestivals, die in dieser inzwischen angeboten wird. Die Veranstalter haben verstanden und sich deswegen zu der Zusammenarbeit mit dem Kinderfilmfest und dem Kongreß zur Verbindung von Film und Musik entschieden – Pragmatismus kann ja auch fruchtbar sein.

Der Mikrokosmos mit seinem Zentrum in Köln ist nicht nur organisatorischer Natur: Im Wettbewerb NRW wird dem künstlerischen Nachwuchs, der aus den zumeist in Köln ansässigen Talentschmieden strömt, ein Forum geboten. Daraus pauschal zu schließen, daß den Zuschauer in diesem Wettbewerb ästhetische Gleichförmigkeit erwartet, wäre ein unreflektiertes Vorurteil. Allerdings fällt ein Umstand bereits am Eröffnungsabend auf: Während zur Eröffnung noch naturgemäß verschiedene Filme aus allen Wettbewerben gezeigt werden, um dem festivaleigenen Anspruch zu formulieren, die Kunst des Kurzfilmes möglichst breit zu präsentieren, erweist es sich innerhalb des Wettbewerbes NRW als schwierig, eine vergleichbare Vielfalt zu bieten. Das sagt zunächst nichts über die Qualität der Filme aus. Vielmehr wirft diese Beobachtung die Frage auf, ob sie durch eine künstlerische Tendenz oder durch eine etwas mutlose Auswahl der nominierten Filme zustande kommt.

Die Filme erzählen zumeist sehr persönliche Geschichten und kommen ihren Figuren oft so nahe es geht. Hörspiel – Der Film heißt der erste Beitrag im Wettbewerb NRW: Zwei bierseelige Freunde denken sich eine Story rund um asiatische Kampffilmklischees aus und nehmen dessen vertonte Version auch gleich auf Audiotape auf. Dann fällt der Strom aus – auch auf der Leinwand. Man sitzt im stockfinsteren Kino und hört den beiden Männern und ihrer Phantasie zu. Neben der ungewohnten Situation, die durch den völligen Verzicht auf die Kraft des Mediums Film erreicht wird, schafft Regisseur Lutz Heineking jr. gerade dadurch eine Identifikation mit den Erzählern der Geschichte. Wenn man, während das Licht gelöscht war, nicht wußte, wohin mit dem Blick, so ist die Entscheidung schnell gefallen, wenn das Moderatorenpaar die Bühne betritt und die Filmemacher zu ihren Werken befragt: nach unten. Denn es hätte doch eher eine reflektierte Stellungnahme des Künstlers zu seinem Werk interessiert als das Gesehene kaum betreffende Fragen zur Atmosphäre am Set oder nach aktuellen Projekten.

Beim Dokumentarfilm man stirbt bleibt die Leinwand nicht mehr schwarz, sondern erstrahlt in Weiß. Ein extrem reduziertes Setting dient dem Regisseur Patrick Doberenz als Bühne für die Darstellung der standardisierten Form eines Lebensendes. Von der Versicherungsberatung mit einkalkuliertem Dahinscheiden bis zum Formulieren der Todesanzeige mit vorgegebenen Textteilen wird die Situation des Sterbenden und seiner Angehörigen als die buchstäblicher Endverbraucher vorgestellt. Daß Doberenz für seinen Film den ersten Preis der Jury erhält, ist insofern konsequent, als dieses Werk die Tendenzen, die viele Filme des Wettbewerbes auszeichnen, am besten ausgestaltet: Hier wird eben ganz besonders behutsam erzählt und gerade durch die minimalistische Mise-en-scène eine einfühlsame Komik in den erschreckend einsamen Momenten der Figuren gefunden. Die Thematik der Einsamkeit greift auch der zweitplatzierte Wettbewerbsbeitrag von Johannes Duncker auf. Ein junger Geschäftsmann macht sich nur mit seinem Aktenkoffer bewaffnet auf die Suche nach günstigem Land, um dort ein Hotel bauen zu können. Bei seinen Bemühungen trifft er auf einen alten Fischer, der allein lebt und dessen größte Freude der tägliche Sonnenuntergang ist. Eine Handkamera begleitet die beiden einen Tag lang und zeichnet dabei ein privates Bild, das seinen Minimalismus in den Produktionsbedingungen keineswegs verleugnet, sondern sich selbstbewußt auf diesen verläßt, indem es ihn auf das Verhalten der Charaktere überträgt. So erhält jede Geste eine Bedeutung, und man kann zusehen, wie die so verschiedenen Figuren zusammenfinden.

Die relativ große filmische Homogenität im Wettbewerb NRW läßt den Betrachter während der Screenings manchmal etwas sehnsüchtig an den Eröffnungsabend zurückdenken, an dem beispielsweise ein französischer Beitrag aus dem Europa-Wettbewerb zu sehen war: La Copie de Coralie spielt in einem Kopierladen neben einem Rangierbahnhof und nimmt Anleihen in der Kunst des Musikvideos. Der Schnitt tut sein Übriges und schon ist ein zauberhaftes und unheimlich rhythmisches Stück Film zu bestaunen. Die Bewunderung solcher Werke stand auch am Freitag Abend auf der Agenda. Bei der langen Nacht der Musikvideos, einer Kooperation mit Soundtrack Cologne in der Herz Jesu Kirche am Zülpicher Platz, wird der Bogen von den allerersten Verbindungen von Film und Musik bis zu der aktuellen Kunst des Youtube-Videos gespannt. Bei dieser Veranstaltung, die sich nicht dem synchronen, sondern dem diachronen Überblick verschreibt, stellte sich die Frage nach der künstlerischen Heterogenität weniger. Vielmehr ist hier das Herausarbeiten von Kohärenzen und Beziehungen gefragt. Die Moderatoren des Abends waren sich diesem Anspruch bewußt und führten souverän durch das facettenreiche Programm. Die Lokalität schafft es an diesem Abend – genauso wie das Programm – dem Titel des Festivals gerecht zu werden: Mitten in Köln zwischen Dönerladen, Pizzeria und Kiosk stört es niemanden, wenn man bei Rot über die Ampel geht. 2009-11-24 12:44

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