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Aurora 2009

Aurora 2009: Common Ground. GB 2009. L: Adam Pugh.
Norwich, 5. – 15.11.09

Paradise Lost

Von Philip Widmann Daß es finanziell eng werden würde, wußte Festivaldirektor Adam Pugh schon im Frühjahr zu berichten, als er seinen Essay für die Ausgabe 54 des »Schnitt« zur Zukunft der Filmfestivals verfaßte. Und während Aurora in den vier Jahren seines Bestehens nie Filmfestival im eigentlichen Sinne war, sondern immer bestrebt, Bewegtbild im diffusesten Sinn zu zeigen, White Cube und Black Box mit Musik und Performance zu vereinen, schien die Konsequenz des zusammengestrichenen Budgets so radikal wie charmant. Kein Open Call, kein Wettbewerb, kein Preis. Dafür ein kuratiertes Programm und die Entscheidung, am Festivalwochenende mit dem Kirchenschiff der ehemaligen St. Swithins Church in Norwich nur einen einzigen Raum zu bespielen. Im Nebenraum eine Bar, in der zwischen Vorführungen und Diskussionen gemeinsame Mittag- und Abendessen von Künstlern, Kuratoren, Festivalmitarbeitern und zahlenden Gästen stattfinden.

Aurora proklamiert diese »temporäre Gemeinschaft«, in der die Grenzen zwischen Publikum und Machern, zwischen Konsumenten und Produzenten aufgehoben wird, als alternatives Festivalformat und versucht gleichzeitig, in seinem Programm Ideen und Funktionsweisen von Gemeinschaft auszuloten. Damit stellt sich Aurora als das genaue Gegenteil dessen dar, was sich gemeinhin Publikumsfestival nennt, und unterläuft das Dogma der möglichst großen Öffentlichkeit als Meßlatte für den Erfolg eines Festivals.

Wer oder was diese Öffentlichkeit ist, die bedient und mit der interagiert werden soll, fragte sich auch Shezad Dawood im Anschluß an seinen Film Feature – eine 55minütige Dekonstruktion vom Western- und Zombiegenre, die nach britischen Maßstäben ein paar Minuten zu kurz ist, um sich das »Feature« als Längenbezeichnung anpappen zu können. Als Film oder Ansammlung von Szenen, die man schon immer mal drehen wollte, bei denen man aber nicht weiß, ob man sie alle zusammen in einen Film montiert sehen möchte, steht Feature symptomatisch für das gesamte Programm: Erst im Kontext mit den anderen gezeigten Arbeiten und den anschließenden Diskussionen ergeben sich Perspektiven auf verschiedenste Formen der Aneignung und Produktion des »Common Ground« – so die Überschrift des Festivals – der Welt und der darin zu findenden Gruppierungen, Öffentlichkeiten, Narrative und Diskurse. Diese Mannigfaltigkeit stellt Dawood dem monolithischen Gemeinplatz Öffentlichkeit entgegen. Im Abspann von Feature und der anschließenden Diskussion finden sich Verweise auf eine Welt vor hinter und neben dem Film. Und das nicht nur in Form von Produktionszusammenhängen und im ökonomischen System Film arbeitenden realen Personen. Feature, eine Auftragsproduktion des Wysing Arts Centre in Cambridge, ist weniger Film als Produkt denn ein Dokument vielschichtiger Prozesse der Aneigung und Interaktion mit dem direkten Umfeld des Arts Centre. Die Indianer werden durch das Cambridge Chinese Community Football Team gemimt, die Outlaws durch eine Westerntruppe – allesamt wiedererweckte Christen aus der näheren Umgebung, und die Fetischcowboys kann man in ihrer Freizeit tatsächlich als Fetischcowboys in verschiedenen Schwulenbars in Cambridgeshire antreffen.

Ähnliches gilt für A Necessary Music, Beatrice Gibsons Oral History von Roosevelt Island. Der Film ist, ebenso wie die Insel selbst, ein soziologisches Experiment: Er basiert auf Fragebögen, die an Bewohner der Insel im East River verschickt wurden. Roosevelt Island war bis zu seiner Transformation in ein modernistisches Sozialbauprojekt Anfang der 1970er eine Gefangeneninsel. Neben einem Gefängnis existierten dort eine Pockenklinik und New Yorks größte Irrenanstalt. Fragmente der Antworten aus den Fragebögen werden durch siebzehn von Gibson gecastete Bewohner der Insel vorgetragen und mit Versatzstücken von Adolfo Bioy Casares Roman »Morels Erfindung« zu einer ethnographischen Science Fiction verbunden.

Die ausschnitthaften Werkschauen des amerikanischen Filmessayisten und Stadtwanderers Jem Cohen und der Berliner Filmemacherin Milena Gierke reflektierten das menschliche Maß, das sich Aurora zum Anspruch gemacht hat. Gierke dreht ihre Filme auf Super8, schneidet sie in der Kamera und bedient bei Vorführungen den Projektor selbst. In ihren beiden Programmen »Memory Landscapes« und »Journeys Through Time and Space« mutierte das Kirchenschiff zum Wohnzimmer der Familie Aurora.

Wie sich das für Familien gehört, ist der gegenseitige Austausch groß, und so hatten die meisten Gäste schon in den Wochen vor Festivalbeginn erfahren, daß es mit einem reduzierten Programm für Aurora auf lange Sicht nicht getan war und die diesjährige Ausgabe die letzte sein würde. Wer es noch nicht wußte, erfuhr es spätestens jetzt, kurz bevor diese letzte Ausgabe von Aurora am Sonntag mit dem letzten Programm »Return to Earth« zu Ende ging. Auf Anregung einiger Festivalbesucher gab Adam Pugh ein internes Statement zum Aus für Aurora ab und brachte die temporäre Gemeinschaft der Anwesenden auf den Boden der Tatsachen zurück. Der Geldmangel, der das Ende des Festivals bedingt, resultiert perfider Weise nicht aus gekürzten Fördergeldern oder abgelehnten Förderanträgen, sondern aus einem nicht weiter begründeten Beschluß des Festivalträgers, dem Norwich University College of the Arts, keine weiteren Förderanträge zuzulassen und Aurora damit das Wasser abzugraben. Da wurde ein finanzierbares und für seine Verhältnisse funktionierendes Projekt abgeschüttelt, während man sich der Strahlkraft des Festivalnamens jedoch durchaus bewußt schien: Aus seiner Geschäftspost erfuhr Pugh, daß das College of the Arts sich den Namen Aurora als Marke hatte schützen lassen. Eine Weiterführung unter dem bisherigen Namen an einem anderen Ort oder mit anderen Partnern ist damit ausgeschlossen.

Das reduzierte, intime Festivalformat von Aurora scheint mehr als nur eine temporäre Gemeinschaft hervorgebracht zu haben. Im Anschluß an Pughs Ausführungen wurde eine gemeinsame Intervention verabredet, die Veröffentlichung einer von allen Beteiligten unterzeichneten Stellungnahme, die zumindest den kulturpolitischen Skandal hinter dem Ende von Aurora sichtbar machen soll. Damit bekommt man das Paradies nicht zurück, aber vielleicht sorgt es wenigstens dafür, daß Adam Pugh nicht, wie er scherzhaft bemerkte, demnächst als Supermarktkassierer arbeiten muß. 2009-11-18 12:42
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