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Es geht auch so
Von Franziska Schuster
Das Rahmenprogramm in Cottbus: Die Akkreditierten erhalten einen Rabattausweis, mit dem sie beim Kaufhof eine Reihe von Artikeln mit 15% Nachlaß erwerben können. Sparen ist anscheinend auch beim Festival angesagt, das Banner über der Eingangstür der Stadthalle ist vom Vorjahr, nur die Ziffern wurden überklebt. Statt Umhängetaschen gibt es Jutebeutel, und das phänomenale Ticketsystem, bei dem man sich 2008 online den Tagesplan zusammenstellen und das Festivalbadge über ein Terminal für die gewählten Vorstellungen elektronisch freischalten konnte, wurde wieder abgeschafft. Macht nichts, es geht auch so, und natürlich gibt es diverse Partys und Konzerte, ein paar Straßen weiter nördlich ist das Festivalcafé und noch etwas weiter draußen der Festivalclub, oder war es die Festivalbar? Und all das ergänzt nur ein umfangreiches Filmprogramm, die erste Vorführung des Tages beginnt um 10, die letzte um 22 Uhr, bis zu fünf Leinwände stehen zur Auswahl. Für die englisch untertitelten Filme ist außerdem stets ein Übersetzer zur Stelle, der den Text über Kopfhörer einspricht.
Beim Wettbewerbsbeitrag
Ordinary People von Vladimir Perišić hat er allerdings nicht viel zu tun, denn die Darsteller sind überaus schweigsam. Hier sehen wir den Gegenentwurf zum kroatischen
Die Schwarzen; das zeigt sich besonders an den Gemeinsamkeiten der beiden Filme: Auch der Serbe Perišić arbeitet mit einem rein männlichen Ensemble, auch hier geht es um heimliche Exekutionen, die in den ausführenden Soldaten wiederstrebende Gefühle hervorrufen. Doch wo Jurić und Dević wegschwenken, wo sie Lücken erzeugen, die sie mit Dunkelheit und Geräuschen und den Phantasien des Zuschauers füllen, da hält
Ordinary People die Kamera bei gleißendem Sonnenlicht ruhig und schaut hin, schaut auf die Rücken der Erschossenen, die blutbefleckt im Gras liegen. Dem Publikum wird der Blick der Soldaten aufgezwungen, deren stoische Haltung nur dann außer Kontrolle gerät, wenn ein Todgeweihter sich weigert, sein Gesicht abzuwenden. Genau diese Gesichter bleiben unter dem gnadenlosen Kamerauge jedoch vor allem Fassaden. Der junge Hauptdarsteller schwitzt, raucht und langweilt sich, wendet bei seinem ersten tödlichen Schuß den Blick ab und trinkt ein wenig unbeholfen aus der Schnapsflasche, aber seine Mimik übermittelt keine Gefühle. Hitze, Schmerz und Betäubung bleiben abstrakt, und die Frage »was würde ich in dieser Situation tun« stellt sich, wenn überhaupt, auf rational-moralischer Ebene. Während das Regisseurs-Team der
Schwarzen seinem männlichen Ensemble eine Geschichte auf den Leib schrieb, in der keine Frauen vorkommen, war es Perišićs Anliegen, den Mechanismus des Krieges besser zu verstehen. Um zu erforschen, wie »gewöhnliche« Menschen zu Mördern werden, castete er seine Laiendarsteller unter psychologischen Gesichtspunkten und drehte in quasi-militärischer Umgebung. Was genau der Regisseur bei diesem Experiment herausgefunden hat, wird im Film leider nicht allzu deutlich.
Als Gegenprogramm zum schweigsamen
Ordinary People bringt das Sonderprogramm des Breslauer Festivals Era Nowe Horyzonty den Übersetzer ins Schwitzen.
Schneeweiß und Russenrot ist die wahnwitzige Verfilmung des gleichnamigen Romans von Dorota Masłowska, ein politisch unkorrektes Drogenmärchen mit Anklängen an
Trainspotting und
Fear and Loathing in Las Vegas und einer gehörigen Portion polnischer Selbstironie. Ein großer Spaß, dessen rasanter Wortwitz in der Übersetzung bedauerlicherweise nur zu erahnen ist.
In der Beschreibung ähnlich verrückt klingt die russisch-kanadisch-japanische Koproduktion
Erster Trupp von Yoshiharu Ashino: Eine Mischung aus Anime-Sequenzen und nachgestellten Zeitzeugeninterviews à la Guido Knopp, eine okkulte Geistergeschichte vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs, ein hellseherisches Mädchen und eine jugendliche Elitetruppe, die aus der Unterwelt herbeieilt, um den Geist eines vor 700 Jahren ermordeten Barons zu erledigen, der auf Seiten der Nazis kämpft. Die Geschichte ist derart haarsträubend in ihrer scheinbaren Authentizität, mit der die »Augenzeugenberichte« die animierten Sequenzen in einen angeblichen historischen Zusammenhang einordnen, und er bietet so viele Ansatzpunkte für medien- und kulturwissenschaftliche Forschung, daß der Film (der im Spielfilmwettbewerb läuft!) hier ausdrücklich zur kritischen Sichtung empfohlen sei.
Vor respektabel gefüllter Stadthalle am Freitag Abend ereignet sich dann eine kleine Sensation mit Anwärterschaft auf den Publikumspreis: Der knapp
Die Konfliktzone betitelte georgische Wettbewerbsbeitrag erzählt eine absurde Geschichte aus einer komplexen Kriegssituation, ähnlich stark wie Danis Tanovićs
No Man's Land (2001). Hauptfigur ist ein schräger Vogel, ein schmächtiger Junky namens Gogliko, der im Laufe dieses Roadmovies mit seinem exzentrisch-naiven Pazifismus einige Herzen erweicht und nebenbei den Konflikt in seiner ganzen Lächerlichkeit demaskiert. In ihrer selbstzerstörerischen Ernsthaftigkeit, die sich hinter kindlichem Humor versteckt, birgt diese Figur mehr Weisheit als die vielen Männer, die in diesen Tagen schweigend von der Leinwand starren.
2009-11-14 21:04