FilmFestival Cottbus 2009

19. Filmfestival Cottbus – Festival des osteuropäischen Films. D 2009. L: Roland Rust.
Cottbus, 10. – 15.11.09
01

Männliche Perspektiven

Von Franziska Schuster Mittwoch Abend. Cottbus ist irgendwo östlich von Berlin, aber offensichtlich nicht so leicht zu erreichen: Aufgrund eines Leitungsdiebstahls (!) steht der Regionalexpress aus der Hauptstadt 70 Minuten zwischen nächtlichen Feldern und bewegt sich nicht von der Stelle; nimm Dir Essen mit, wir fahr'n nach Brandenburg. Endlich angekommen ist es still, gedämpfte feuchte Luft, der befürchtete eisige Novemberwind hält sich zurück. Kleine Menschengruppen ballen sich zusammen am Bahnhof, vor der Stadthalle und am Kinoeingang, aber einmal geblinzelt, und sie sind auf rätselhafte Weise wieder verschwunden, steigen wir einsam über ein spinnennetzartiges Geflecht aus Straßenbahnschienen.

Um 22:00 Uhr hat sich eine respektable Zuschauermenge im Kinosaal der Stadthalle materialisiert, vorwiegend Männer. Blasses Licht, die Projektion ist schummrig und an den Rändern ausgefranst, auf der Leinwand: Männer. Die Schwarzen von Zvonimir Jurić und Goran Dević läuft im Wettbewerb Spielfilm und überrascht: kroatisches Kino, das sich von den hochgelobten rumänischen Filmen der letzten Jahre inspirieren läßt. Nüchtern und fast dokumentarisch wie Der Tod des Herrn Lazarescu von Cristi Puiu oder Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage von Cristian Mungiu erzählt das Regisseursduo eine Kriegsgeschichte aus dem Jahr 1991. Eine Handvoll Männer, Angehörige einer kroatischen Spezialeinheit, hat in einem abgelegenen Gebäude unter Führung ihres starrköpfigen Anführers Ivo heimliche Exekutionen vorgenommen. Als ein Waffenstillstand ausgerufen wird, brechen Konflikte unter den Kämpfern aus, die von Trauer, Schuld, Angst, Wut, Verzweiflung und Langeweile überwältigt werden. Der Film beginnt mit dem Desaster, in das die Geschichte unentrinnbar führen muß, und rollt die Ereignisse von diesem Ende her auf. Vom ersten Bild an funktioniert die Atmosphäre, getragen vom herausragenden Spiel der, neben dem erfahrenen Ivo Gregurevic, überwiegend jungen Darsteller, die in langen, grobkörnigen Einstellungen die individuellen Erscheinungsformen der Resignation herausarbeiten. Der sparsame Musikeinsatz steigert die bedrohliche Atmosphäre, weil jedes Geräusch mit Bedeutung aufgeladen wird – fast unerträglich ist das plötzliche Summen von Fliegen, als sich einer der Rekruten im Stockfinstern in einen fremden Raum verirrt, das Grauen entsteht in der Vorstellung der Zuschauer. Es ist ein großer Verdienst des Films, daß er einen Eindruck von Realismus hervorruft, dem man sich nur schwer entziehen kann, dabei aber konsequent seine eigene künstlerische Handschrift beibehält, indem er eben nicht alles zeigt. Nicht die Montage, sondern der Ausschnitt generiert eine elliptische Erzählweise, in der gerade soviel vor dem Auge des Betrachters verborgen bleibt, daß er sich in Ahnungen und Verdachten verlieren muß; so entwickelt sich ein großer Teil der Wirkung aus der kognitiven Involvierung.

Donnerstag. Der Tag beginnt grau, aber gegen Mittag hat eine fahle Sonne die Wolken verdrängt, auch wenn das Tageslicht nicht lange hält: Schon um 14 Uhr kippen die Schatten in die Diagonale, und ein gelblicher Winterabend kündigt sich an. Die Blätter, die schon nicht mehr an den Bäumen hängen, harken zwei grüngekleidete Menschen vor der Kirche zusammen. In der 10-Uhr-Vorstellung sind die Frauen deutlich präsenter als am Vortag, sowohl auf den Zuschauersitzen der Kammerbühne als auch auf der Leinwand, aber die Perspektive ist maskulin. Yuriy Feting erzählt die Mythen seiner Kindheit als opulente Jungsphantasie, sinnlich und überbordend, laut, bunt, mal derb, mal feinfühlig, lustig und nostalgisch und surreal. Die männlichen Teenager am Asowschen Meer haben nur Brüste und Hintern im Sinn, die den halbwüchsigen Protagonisten Ignat in Form einer überirdischen Femme fatale heimsuchen. Die Mythen meiner Kindheit läuft im Rahmen der Programmreihe »Fokus: Neues Kino vom Schwarzen Meer«, die der Katalog als »magischen Streifzug« ankündigt, soweit erfüllt der Film die Erwartungen vorbildlich.

Und nun: weiterstreifen. Es wird viel Krieg auf der Leinwand geben, Konfliktaufarbeitung. Und die Sonne hat mittlerweile in den Westen rübergemacht, dorthin, wo der Karneval ist. 2009-11-13 10:30

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