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Die Wirklichkeit ist anders
Von Franziska Schuster
Man ist vor ungezählten Stunden auf dieses Festival wie auf einen gemächlich rollenden Zug aufgesprungen und lässt sich durch Leipzig treiben, Glücksprinzip, immer zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort ankommen. Unverhoffte Begegnungen stehen an der nächsten Straßenecke und strahlen einen an, stets ist noch genau Zeit für den benötigten Kaffee, bevor der nächste Film startet. Nur nicht für das Schreiben, das geschieht in der akademischen Viertelstunde vor Veranstaltungsbeginn im zeitgeschichtlichen Forum mit dem Laptop auf den Knien. An den Tischen im lichten Festivalzentrum werden Filmempfehlungen ausgetauscht: Chemo nicht verpassen, die feinfühligen Beobachtungen von Paweł Łoziński auf einer Warschauer Chemotherapiestation. Der Tischnachbar stellt sich als Barry Greenwald vor, Regisseur von The Experimental Eskimos, aber man solle Samstag früh lieber The Arrivals schauen. Sein eigener Film sei zweifelsohne gut, dieser aber »extraordinary«, in der Tradition des Direct Cinema, aufmerksam, sensibel.
Als »nerdy« charakterisiert Tim Sparke, Betreiber der Downloadplattform joiningthedocs.tv, die Besucher von Dokumentarfilmfestivals und warnt »The real world is not like that«, wir glauben ihm aufs Wort. Aber hier tragen wir alle ein annähernd ½ m² großes Festivalbadge und das ist definitiv nicht »the real world«. Wenn jemand sächsisch spricht, mit ausgesuchter Höflichkeit, wird nur heimlich die Nase gerümpft. DDR-Geschichte ist auf der Leinwand erwünscht, nicht jedoch, wenn sich die Dame vom Nebentisch im alten Rathaus ins Gespräch einmischt und beklagt, dass alles immer unüberschaubarer werde. Diskussionen haben akademisch zu sein, und wenn ein soeben vor laufender Kamera als hingerichtet identifizierter Tschetschene (in Kein Ort von Kerstin Nickig) plötzlich lebendig vor dem Publikum steht und beschreibt, wo in seinem Gesicht noch Kugeln stecken, stößt die cinephile Fragerunde an ihre Grenzen.
Die Autorin, die vom Hotelzimmer aus das Läuten der Nikolaikirche hört, verweigert sich der Gegenwart und sucht nach Bildern der Geschichte, donnerstags ist es draußen grau, freitags scheint die Sonne, aber meistens ist es beim Verlassen der Kinosäle sowieso schon wieder dunkel und um 16:00 Uhr spielt in der Fußgängerzone noch immer der Oboenspieler, der auch schon um 11:00 Uhr am Vormittag dort gestanden hat. Beim Bäcker gibt es »Reformationsbrötchen«, im Cinestar die Filme von Joris Ivens. Der Mann vereint in seiner Person die Geschichte des Kinos und die des 20. Jahrhunderts, seine ersten Filme sind noch stumm, den letzten drehte er 1988 in China, A Tale of the Wind, eine Dokufiktion, poetische Fabel über den »Wind der Geschichte«, das eigene Leben, politische Verfehlungen, bildgewaltig und kryptisch, schwankend zwischen Pathos und Ironie. Dass Ivens eine hochumstrittene Persönlichkeit war, könnte man sich auch ohne Kenntnis der Einführung zur Retrospektive durch Festivalleiter Claas Danielsen zusammenreimen: Passioniert ergreift der Filmemacher Partei und schreckt vor mitunter haarsträubenden Inszenierungen nicht zurück, um die Rechtmäßigkeit des kommunistischen Kampfes zu belegen. In Spanien, China, Kuba oder Vietnam feiert er die mageren KämpferInnen der Volksbefreiungsarmeen, die ihrem Tod angestrengt lächelnd und singend ins Antlitz sehen, zynisch kommentiert durch Dutzende von Leichen, auf deren malträtierten Körpern der Kamerablick unbarmherzig verharrt. Doch gerade in ihrer Überinszeniertheit sind Ivens' Filme von unschätzbarem historischen Wert, so sehr atmen sie Zeitgeist und so viele Zufallsbeobachtungen schleichen sich zugleich im Hintergrund der Aufnahmen ein; kleine Pannen, unbeachtete Momente, die ganz eigene Geschichten erzählen. Zwischen den politischen Filmen immer wieder kleine poetische Exkurse, Filmgedichte wie Paris trifft die Seine oder Der Mistral, die mancher Zeitgenosse wiederum als zu sanft ablehnte. Marceline Loridan-Ivens, dreißig Jahre lang künstlerische Mitstreiterin und Ehefrau des Weltenfilmers, eine winzige, energische Person (»I am only eighty!«), rotlockig, ist uneingeschränkt loyal. »Isn't he beautiful«, ruft sie hingerissen in den Saal und hält ein Foto des 90jährigen mit weißer Beethovenmähne in die Höhe. In der ambivalenten Beziehung zwischen Ivens und dem Leipziger Festival hat sie beharrlich so manche Schlacht für die Anerkennung seines Werkes ausgefochten.
Noch einmal zurück zu den unerfreulicheren Themen: Bilder von Leichen. Sieht man auch in Cornel Mihalaches On Christmas We Took Our Liberty Portion aus der Reihe »Transit '89. Danzig-Leipzig-Bukarest«. In einem düsteren Filmexperiment arbeitet der rumänische Regisseur die manipulative Medienberichterstattung rund um die Hinrichtung von Nicolae und Elena Ceausescu auf; bezeichenderweise trägt der Abend den Titel »Blut« und beginnt mit den Worten »Wenn wir jetzt einen Fehler machen, verzeiht die Geschichte uns nie.« Mihalache trägt's mit Galgenhumor: Auf seinem roten T-Shirt ein Porträt von Che Guevara, darüber in zwei Zeilen der Schriftzug »Che – ausescu«. Piotr Bikont, Videoaktivist der Solidarność-Bewegung, kommentiert ebenso trocken, in Polen beneide man zwar eher die Deutschen um ihren Mauerdurchbruch, die Rumänen verfügten mit den blutigen Zusammenstößen aber immerhin über einen Moment der Befriedigung in ihrer Geschichte, der den Polen bis heute fehle. Sagt's in einer Podiumsdiskussion über die Bilder, die zum 20. Jahrestag – der » Wende«? »Wiedervereinigung«? »Revolution«? – in den Medien der verschienden Mittel- und Osteuropäischen Länder auftauchen. Und plötzlich steht die Frage im Raum: »Inszeniert – na und?«. Was ist eigentlich verwerflich daran, nicht-authentische Aufnahmen ikonenhaft zur Illustration historischer Ereignisse zu verwenden, solange sie in ihrer Funktion als Ikonen nicht tabuisiert, sondern von Zeit zu Zeit hinterfragt werden?Solche Fragen im Kopf, wälzt sich die Autorin schlaflos, ab und an vom Glockenschlag der Nikolaikirche aufgeschreckt.
2009-11-01 08:53