DOK Leipzig 2009

52. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm. D 2009. L: Claas Danielsen.
Leipzig, 26.10. – 1.11.09
02

Alles nur Festival

Von Christian Lailach Nach Zeit, Krieg und Armut steht der heutige Tag ganz im Zeichen der Familie – und es macht Spaß, zwischen den Sälen zu springen, wenn das Programm derartige Möglichkeiten bietet. Da übersehen wir auch gern einmal technische Ungereimtheiten; etwa die, daß weder die Leute an den Kinokassen noch deren Buchungssystem wirklich wissen, welcher Film gerade oder auch gleich oder wann auch immer läuft. Da steht nur Festival, nun gut. Hauptsache richtig.

Familie, die erste. Mein Vater. Mein Onkel., Sinan Al Kuris Suche nach seinen Wurzeln, soll auch gleich unangefochtener Liebling bleiben, am Tag zwei in Leipzig. Doch das wissen wir noch nicht, da sich Regisseur Christoph Heller anfangs in wirren Familiengeschichten verstrickt und Sinan sich vor der Selbstfindung offensichtlich mehr verschließt als dem Filmemacher lieb ist. So begleiten wir – zum Glück – ziemlich bald den gebürtigen Iraker bis nach Dubai; im Gepäck »Shukran«, »Mer habar« und ein paar Vorurteile. Genau diese Tatsache offenbart einen Blick auf die arabischen Kultur, der selbstverständlicher kaum sein kann. Daß Heller mit Mein Vater. Mein Onkel. letztlich kulturelle Aufklärungsarbeit leistet, war auch ihm sicher nicht von vornherein klar.

Familie, ein wenig weiter gefaßt. Ein slowakisches Dorf, Where the Sun Doesn't Rush und scheinbar nur noch gestorben wird. Matej Bobrik wirft einen beklemmend amüsierten Blick auf eine aussterbende Generation und weckt damit so manchen Zweifel am globalen Fortschritt. Noch ein wenig weiter östlich verweilt Andrei Grjasews Sanya and Sparrow in einem russischen Steinbruch, deren Arbeiter auf ihr Gehalt warten, um endlich wieder gen Heimat fahren zu können. Endlose Diskussionen im Delirium, Ausharren im Nirgendwo und Moskau in weiter Ferne. Am anderen Ende der Welt findet Marina Lutz Bilder, Audio- und Videoaufnahmen, die ihr verstorbener Vater über Jahrzehnte archiviert hat. Der Versuch, die Beziehung zu ihm mit The Marina Experiment filmisch aufzuarbeiten, verläuft sich völlig unnötig in Selbstmitleid und unterschwelligem Haß, sodaß eher ein Psychogramm ihrer selbst anstelle des Vaterbildes entsteht.

Bernhard Sallmann schließt seine Lausitz-Trilogie mit einem Blick in die Zukunft. Der renaturierte Braunkohletagebau bietet gestochen scharfe, makellose Bilder und Platz für Visionen, die zwischen dem Damals und dem Jetzt verharren. Deren unterschiedliche Charaktere scheinen wie eine kleine Familie, die voller Überzeugung eine Kulturlandschaft bewahrt; nicht vor dem Untergang, sondern vielmehr vor der währenden Zerstörung. Träume der Lausitz zeichnet ein Bild von ihnen, voller Liebe und Respekt. Doch schwingt die Ahnung mit, daß hier nicht viel passieren wird; wenngleich Sallmann dies nie thematisiert.

Völlig überwältigt von Sallmanns Bildern gibt es zum Schluß noch einen Absacker aus dem hohen Norden, dessen karge Landschaft durchaus Erinnerungen an den leeren Osten wachrufen könnte. Doch Jukka Kärkkäinen bewegt sich mit The Living Room of the Nation keinen Fuß weit vor die Tür. Stattdessen präsentiert er uns Einblicke, Einblicke in sechs Wohnräume zwischen Helsinki und den Tiefen Lapplands. Beinahe hätten wir vergessen, daß dies ein Dokumentarfilm ist; so großartig und verstörend kann Realität sein. 2009-10-31 08:46

Weitere Artikel

© 2012, Schnitt Online

Sitemap