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Angriffsflächen in Leipzig
Von Christian Lailach
In Leipzig wird gebaut. Wie überall. Die letzten Platten werden abgerissen, die Uni bekommt ein neues Audimax und die Stadt einen schicken City-Tunnel für den Nahverkehr. So ist der Markt seit geraumer Zeit eine riesige Baustelle, deren Zaun Auskunft darüber gibt, wo denn Leonie gerade kratzt; unweit des Festivalzentrums steht die »City-Tunnel Infobox«, nicht so auffällig, aber im Grunde ein Pendant zu der roten Kiste, die seit dem Bau des Potsdamer Platzes bei Großbaustellen Einzug gehalten hat. Nix Neues also, und so stolpern wir auf dem Weg vom Festivalzentrum über den Markt in Richtung Multiplex nur über einen neuen Baucontainer, weil sich dieser direkt in unseren Weg stellt. Ob die »DOK-Box« schon in den letzten Jahren da stand, wissen wir nicht mehr genau, geht doch diese auch irgendwie im Baubrei des Marktes unter. Das ist einerseits verschenkte Müh’, andererseits auch ein kleiner Seitenhieb auf das rege Treiben allerorten.
Dies bietet gleich mehrere unterschiedlich große Angriffsflächen, die den ersten Tag auf dem DOK Leipzig bestimmen sollen. Die größte ist die der Zeit; der Entstehung, Entwicklung und Wahrnehmung selbiger. Xavier Marquis' Dealing with Time liegt dabei die These einer britischen Studie zugrunde, zwischen 1998 und 2008 habe die »Geschwindigkeit« der Menschheit im westlichen Raum um 10% zugenommen. Wissenschaftler, Timemanager und ewig Verspätete sprechen über Effizienz und Produktivität sowie den Fluß des Lebens. Zwischenrein hechten Leute über große Plätze. Auf dem Weg zur nächsten U-Bahn. Ganz anders hingegen Lee Chung-ryuols Old Partner, der sich auf rein formaler Ebene mehr dem Filmischen, doch thematisch sehr wohl der Geschwindigkeit des Lebens, obschon aus einem anderen Winkel, widmet. Der alte Ochse und sein Herr, ein ebenso alter Reisbauer, leben seit gut vierzig Jahren miteinander. Beide haben nicht mehr allzu viele Tage vor sich, was offensichtlich allen bewußt ist. Sie leiden miteinander, und wir leiden mit ihnen, wenngleich wir aus der Anfangssequenz wissen, daß der Bauer den Ochsen überleben wird. Ein anrührendes, ruhiges, meisterhaftes Porträt über den Wandel der Zeit und die Beständigkeit der Liebe.
Die zweite Fläche, die viel größere, wenn auch verstecktere, ist die der europäischen Kriege des letzten Jahrhunderts. In Goodbye, How Are You? lädt Boris Mitic zu einer beinahe museal wirkenden Bilderschau des Lebens auf dem zerstörten Balkan, die er sarkastisch, bisweilen zynisch mit Aphorismen seines Spiegelbildes kommentiert. Ähnliches hatte wohl auch Peter Kerekes vor, der ursprünglich – im weitesten Sinne – die Kriege durch den Magen schicken wollte. Cooking History bleibt jedoch ein Versuch, der einerseits an den Protagonisten selbst, alternde Militärköche, die allesamt ihren Text zwar fleißig gelernt, doch immer wieder mit Warums und Potschemus souffliert werden müssen; andererseits an der fehlenden Dramaturgie, die auf der Handlungsebene einfach mit Komik vermischt und damit verwischt werden soll, scheitert. Diverse, in der intellektuellen Auseinandersetzung gescheiterte Realitätsformate lassen hier grüßen.
Nah an unser aller Realität bewegen sich ebenso Armut und Krankheit. Filme zu diesen Themen, egal ob Einzel- oder Gruppenschicksale, haben es oft schwer, zwischen Konkurrenz und Müdigkeit zu bestehen. Tayo Cortés' The House ist ein klarer Fall für das Einzelschicksal; arme Kolumbianer, die im Dreck wühlen und deren familiäre Existenz bedroht ist. Das soll keineswegs abwertend klingen, bleibt es doch schwer, sich nicht ganz wohlgesonnene Familienmitglieder, die auf – womöglich – nicht eigenem Grund leben, deswegen und darüber hinaus mit den Nachbarn verstritten sind, ihre Kinder immer und über alles lieben und tagein, tagaus schuften; es ist schwer, ohne viel Affinität zum Thema, hier einen Zugang zum Film zu finden. Wieder einmal ganz anders Paweł Łozińskis Chemo, der mit beständiger Nähe sich seinen Protagonisten widmet und damit jedes Einzelschicksal herauslöst und doch keineswegs ein gemeinsames daraus bastelt, sondern vielmehr Lebensintegration betreibt, die über das offensichtliche Trostspenden hinausgeht. Die Kamera sitzt im Close Up bei den Krebspatienten, Schüler, Nonne, Großmutter, Intellektueller. Sie verlassen alle ein, zwei, drei Wochen die Krebsstation aufs Neue – und unsere Gedanken gehen mit ihnen. In den Abend. In die Nacht. Der erste Tag neigt sich dem Ende.
2009-10-30 11:14