— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Viennale 2009

47. Viennale – Internationales Filmfestival Wien. CH 2009. L: Hans Hurch.
Wien, 22.10. – 4.11.09
02

Bowmans und Burnhams

Von Martin Thomson Wahrscheinlich nicht ohne Grund ist auf der diesjährigen Viennale der im letzten Jahr aussagelos gebliebene Salamander der weißen Silhouette eines hinkenden Mannes mit einer Pistole in der Hand gewichen. Sein angedeutetes Heraustreten aus dem lilafarbenen Kader deutet darauf hin, daß sich jenseits des Bildrandes wahrscheinlich finstre Schurken, untreue Ehefrauen oder gleich beides verbirgt, um Bekanntschaft mit seinem Schießeisen zu machen. Gleichwohl würde ihn die ausgeführte Bewegung wahrscheinlich vor den vielen weißen Kinoleinwänden dieser Tage zum Verschwinden bringen. Eine weiße Silhouette hält hier nämlich zwangsläufig als Projektionsfläche her. Mit den männlichen Hauptfiguren in den Spielfilmen, die ich dieser Tage auf der Viennale sehen durfte, verhält es sich ähnlich: Um scheiternde, in den Strom des Wahnsinns oder im Treibsand der Lethargie versackende Männer geht es in den Spielfilmen, die ich in den letzten Tagen sehen durfte.

Der Feststellung eines in Auflösung begriffenen Rollenbildes des Mannes gehen amerikanische Filmemacher schon seit geraumer Zeit nach. Demgemäß sind die Hauptfiguren in Charlie Kaufmans Synecdoche New York oder Darren Aronofksys The Wrestler wehleidig-gebrochene Einzelkämpfer, die nach dem Verlust von Familie, Frau und Ehre auf klägliche Weise daran scheitern, ihre Würde zu bewahren: Der eine baut aus Frustration und Größenwahn eine Bühne für seine Selbstinszenierung, um am Ende von einer weiblichen Darstellerin ersetzt zu werden, der andere hängt vergeblich dem verlorengegangenen Macho-Ideal der 1980er Jahre nach, um sich dann wahlweise bei seiner lesbischen Tochter oder bei einer Striptease-Tänzerin auszuheulen. Glauben wir dem Kino, beschränken sich sexuelle Erfahrungen in dieser würdelosen Lebensphase auf Erfahrungen, die so aufregend daherkommen wie ein Gang auf die Toilette oder auf One-Night-Stands, die am nächsten Morgen aufgrund exzessiven Alkoholkonsums schon wieder vergessen sind. Zumindest sind die männlichen Hauptfiguren seit der letzten Jahrhundertwende etwas kreativer geworden: Vorbei die Zeiten, in denen der Midlife-Crisis-geplagte Vorstadtmann auf Masturbation unter der Dusche angewiesen war oder im nächstgelegenen Fight-Club seine nicht überwundenen Kleinjungen-Aggressionen ausleben mußte. Vorbei die Zeiten, als eine Horde zurückgewiesener Therapiestunden im »Seduce-and-Destroy«-Seminar eines hechelnden Selbstdarstellers besuchen mußte.

Gleichwohl könnte mir vielleicht wenigstens Lester Burnham erklären, was es mit diesem schwedischen Film Man Tänker Sitt von Henrik Hellström und Fredrik Wenzel auf sich hat, hätte mir seine aus dem Jenseits begleitende Off-Stimme doch mehr Aufschluß über die kleinbürgerliche Wohnsiedlung verschafft, die den Handlungsort dieses rätselhaften Films bildet, als die eines Kleinkindes, dem wahrscheinlich zu viel aus Hermann Hesses »Siddharta« vorgelesen wurde. Der Film ist nämlich genauso aussagelos wie der Salamander auf dem letztjährigen Viennale-Logo oder der diesjährige Viennale-Trailer von James Bening.
Gleichermaßen hilfreich wäre zumindest eine Untertitelung der schwedischen Songtexte gewesen, wie sie einem in der OmU-Version von Into the Wild noch auf die Nerven ging. Das hätte vielleicht geholfen zu begreifen, worauf man hier eigentlich hinaus wollte, wenn die mit einer ziellos dahinschwebenden Kamera aufgenommenen Bilder mit einem melancholischen Soundtrack unterlegt werden, um über die nicht vorhandene Handlung und die nicht vorhandenen Charaktere hinwegzutäuschen. In Meisterwerken wie Last Days oder Wendy und Lucy ergaben die in gefühlte Ewigkeiten gestreckten Durch-den-Wald-Renn-Plansequenzen ja noch Sinn, hier aber führen sie dazu, daß mir nicht nur mein Sitznachbar irgendwann auf hörbare Weise wegpennt, sie bewirken auch, daß ich mir irgendwann einen Militär-Helikopter herbeisehne, der sich auf seinem Anflug auf die westschwedische Wohnsiedlung als Transformer entpuppt, um die Ikea-Möbel mitsamt der Leinwand, auf die sie projiziert werden, unter einer Feuerwalze zu begraben.

Ein solcher Rückfall in die infantilen Niederungen männlichen Spiel- und Zerstörungswahns, so imaginär er auch sein mag, macht nicht nur Regisseure wie Michael Bay unverdientermaßen zu Multimillionären, er sollte vor allem Zuschauern erspart bleiben, die vom anspruchsvollen Kino Abstand zu nehmen drohen, wenn ihnen mal wieder ein dahergelaufener Möchtegern-Poet die Welt erklären möchte. Aber hören wir an dieser Stelle lieber auf. Die Position des aus Frustration zum Zyniker gewordenen Mannes ziehe ich genauso wenig vor wie die eines Verfechters für ein Mehr an sinnlosen Zerstörungsorgien im Kino.

Nähern wir uns lieber einem Film, der sich den Krisenmännern widmet, für die es noch Hoffnung gibt: den Lakonikern. Den gescheiterten Idealisten, die nach vollbrachter Arbeit in ihren Geld- und Motivationsmangel geschuldeten Jobs einsam das Treppenhaus ihres mittelmäßigen Mietshauses hochschlurfen, um dann noch bei einem Mikrowellengericht von der Glotze daran erinnert zu werden, daß sie auch mal zu jenen Jungspunden zählten, die sich für olympisches Gold abrackern, statt im Hallenbad Schwimmärmchen anlegen zu müssen. Nun ist natürlich eine sympathische Identifikationsfigur noch kein Garant für einen gelungenen Film. Wenn sie jedoch auf so glaubwürdige Weise verkörpert wird wie von Vincent Lindon in Welcome, ist dies umso erfreulicher; denn seine hervorragende Schauspielleistung bettet sich in einen auch darüber hinaus als gelungen anzusehenden Film ein. Regisseur Phillippe Lioret gelingt es, sowohl eine sozialkritische Anklage gegen die inhumane Behandlung von ausländischen Flüchtlingen in Europa zu formulieren als auch eine berührende Geschichte um Freundschaft und Verantwortung zu erzählen, die jedoch niemals zu dick aufträgt oder um falsche Betroffenheit bettelt. Eine Lehrstunde in Sachen Humanismus, Menschenwürde und Zivilcourage, die nicht nur den Zyniker in mir abtötet, sondern auch Schluß macht mit der Vorstellung, die Probleme des einsamen Mannes würden die Sorgen um weltweite gesellschaftliche und soziale Mißstände verdecken. Vorausgesetzt, man besitzt noch ein Herz, wird einem hier ganz warm um Gleiches, denn die Botschaft von der Errettung der Liebe durch den Glauben an das Unmögliche schillert hier nicht nur in ähnlich farbenfroher Kraft wie einst die Filme des italienischen Neorealismus, sie bestätigt auch, daß es sich lohnt, in einer inhumanen Welt gebrochener Herzen und in die Armut Getriebener trotzdem an ihr fest zu halten.

David Bowman, ebenfalls ein Mann mittleren Alters, schien zur Jahrhundertwende, also auf dem Höhepunkt der filmisch zum Ausdruck gebrachten Jämmerlichkeit des männlichen Geschlechts mit dem Zustand der Lethargie eigentlich ganz zufrieden, bis ihm ein geschlechtsloser Bordcomputer, wenngleich mit einer männlichen Stimme ausgestattet, in helle Aufregung versetzte, weil er dem Wahnsinn der eher dem Menschen zuzurechnenden Rationalität anheim fiel. Die Depression, die aus dem wiederholten Zubereiten und Verspeisen von Mikrowellengerichten herrührt, hatte Bowman im Zeitalter einfarbiger Astronautennahrung schon längst überwunden, seiner körperlichen Fitness ging er selbst in Räumen nach, die eine raumzeitliche Orientierung erschwerten, und seine starre Miene ließ darauf schließen, daß er sich - abertausende Kilometer von der weiblichen Wirklichkeit entfernt - auch aufgrund des Ausbleibens einer Lebensgefährtin nicht in den Schlaf weinte: Diesem prototypischen Gegenentwurf zu den eingangs erwähnten Männern blieb es trotzdem nicht erspart, über die vaginal anmutende Öffnung seines Raumschiffs den zickigen Bordcomputer ausschalten zu müssen, um in einer Kapsel, die einer Spermie gleicht, auf dem Weg zum Jupiter weder von einem psychedelischen Farbtrip noch von seinem Dahinsiechen als impotent gewordener Greis in einem spätbarocken Schlafzimmer verschont zu bleiben (von der ungewollten Widergeburt als »Starchild« einmal ganz abgesehen).

Als wäre das nicht schon genug, wagt es vierzig Jahre nach 2001 bzw. acht Jahre nach dem Dahinscheiden des gescheiterten Helden Bowman, der Regisseur Duncan Jones mit Moon, einen disziplinlosen, sich selbst bemitleidenden und damit für Wahnvorstellungen und Persönlichkeitsspaltungen prädestinierten Truckertyp in ein fast identisches Dekor zu verlegen. Als wäre das nicht Schmach genug, wurde der damals noch unter den Namen Hal 9000 bekannte Bordcomputer mit der Stimme von Kevin Spacey ausgestattet, der in diesem Zusammenhang nicht zufällig Erinnerungen an den dauermasturbierenden Lester Burnham weckt. Bleibt zu fragen, ob das Erlebnis der ersten Sichtung von 2001 bei Jones, wie auch bei mir, mit der als verwirrend empfundenen Adoleszenz zusammenfiel. Anders als mit irgendeiner Form von Psychose, als deren Opfer sich zahlreiche, selbst talentierte Regisseure wie Brian DePalma (Mission to Mars) oder Danny Boyle (Sunshine) ansehen lassen, kann ich mir die irrige Annahme nicht erklären, der nun auch Duncan Jones aufsitzt, wenn er glaubt, mit ein paar Wahrnehmungsstörungen seiner Hauptfigur und einem quasselnden Computer ließe sich bereits philosophisches Science-Fiction-Kino realisieren.

Vielleicht war es damals noch nicht der tiefe Sturz in Verzweifelung oder Lethargie, der 2001 zum Anlaß für eine Psychose machte, deren Verarbeitung einzig den Machern der Simpsons gelang, sondern von da an die unauslöschbare Gewißheit zu haben, daß man sich nun dem Kino angesichts der Genialität dieser visionären Menschheits- und Gewaltgenealogie willenlos ausgeliefert sah. Ein von 2001 erschüttertes und geprägtes Gehirn wird, wenn es in transzendentale Höhen abhebt, deswegen wahrscheinlich auch immer auf den Weltraum als Austragungsort für Gleiches kommen; so wie jeder treue Bibelrezipient bei gleicher Bemühung auf Gott. Der Sohn eines Regie-Gottes ließe sich demnach als Märtyrer und Ikone eines visionären männlichen Pragmatismus ansehen, der den Heulsusen endgültig ihre Bannkraft nehmen könnte.

Aber gut: Wie sich dann spätestens anhand der Sichtung der österreichischen Produktion Koma zeigt, ist Bowman wohl noch ein zu hoch gestecktes Ziel, um eine erfolgreiche Identifikationsfigur abzugeben. Der mit seiner Familie in einer Kleinstadt in der Nähe von Wien lebende Hans ist eher mit der eingangs erwähnten weißen Silhouette auf den Viennale-Plakaten zu vergleichen. Ein Abwesender in seinem eigenen Leben, der allem entschwunden zu sein scheint. Den Freunden auf einer Feier anläßlich seines Geburtstags, der er nicht beiwohnt, den Gästen in seinem Taxi, mit dem er ohne ihr Beisein durch die ländliche Gegend fährt, dem Sohn, der sich in seiner Abwesenheit SM-Videos aus dem Internet herunterlädt, und der Ehefrau, die nur noch als ermahnende Stimme auf seiner Mailbox existiert. Der erste Langspielfilm von Ludwig Wüst hat mich ratlos zurückgelassen; einerseits ist er mir bitter aufgestoßen, andererseits hat er mich aber auch sehr begeistert. Als wäre das nicht schon verwirrend genug, stelle ich im Nachhinein immer mehr fest, daß es gerade das ist, wofür ich den Film hasse, worauf sich meine Begeisterung zurückführen läßt: dieser zähflüssige Ernst, durch den sich die Figuren so schwerfällig bewegen, daß sie das Filmerlebnis zu einer enervierenden Zerreißprobe machen.

Der Eindruck, es handle sich bei all dem lediglich um eine behauptete Schwermut, die aus einem verkrampften Bemühen um Kunst Künstlichkeit erzeugt, liegt da erst einmal nahe. Bei genauerer Betrachtung jedoch ist sie eher der mangelnden Bereitschaft geschuldet, sich ihr mit Gedeih und Verderb aussetzen zu wollen. Das unbelebt wirkende Starren des Protagonisten und das der Kamera gleichermaßen auf ihn; irgendwann geht beides in meinen Blick auf das Geschehen über. Erst als die Hauptfigur in der Mitte des Films einen kurzen Augenblick zurück in die Kamera starrt, ist der Blick gebrochen, wird die eigene Lähmung spürbar. Ohne es wirklich zu bemerken, hat man die hyperrealistische Digitalkamera-Ästhetik mit der Realität eines voyeuristischen Youtube-Clips verwechselt. Objekten und deren spezifische Materialität fällt hier eine tragende Rolle zu, sie scheinen sich zwischen die Figuren geschoben zu haben, so wie die Mattscheibe zwischen Sender und Empfänger oder, wie in diesem Fall, die Leinwand bzw. der Apparat zwischen meinem und dem Blick der Hauptfigur. Sinnbild eines zum Scheitern verurteilten Austauschs aus der modernen Bilderwirklichkeit heraus. Aufgrund dieses Films selbst zur kalkweißen Silhouette geworden, trete ich aus dem Kader heraus und erwarte die Filme der nächsten Tage. Ob Whatever Works von Woody Allen oder das Bad Lieutenant-Remake von Werner Herzog: Die gebrochenen Männer in Gestalt verkopfter Intellektueller oder drogensüchtiger Polizisten warten schon darauf, meine Bekanntschaft zu machen.
2009-10-30 14:11

Weitere Artikel

© 2012, Schnitt Online

Sitemap