— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Lumière 2009

1. Lumière 2009 Grand Lyon Filmfestival. L: Institut Lumière. F 2009.
Lyon, 13. – 18.10.09
Clint Eastwood empfängt den Prix Lumière (Foto: Jean-Luc Mège/Institut Lumière)

Alte Filme neu betrachtet

Von Nicolas Oxen Wann wird die Leinwand zur Leidenschaft? In seiner ersten Auflage zeigt das Grand Lyon Film Festival mit 70 Filme auf 35 Leinwänden, warum man Kino lieben kann und muß. Wie zeitlos diese Liebe sein kann, beweisen vier große Retrospektiven und zahlreiche restaurierte Neu- und Wiederentdeckungen des Stummfilms und Film Noir. Ein Festival für das Kino, ohne Wettbewerb und Jury, aber mit großen Bildern und großen Gästen, die sich verliebt haben.

Lyon 1895. Ende eines Arbeitstages. Die Fabriktore öffnen sich und die Arbeiterinnen verlassen mit eiligen Schritten die Fabrik für optische Geräte der Brüder Louis und Auguste Lumière. Es sind zugleich die ersten Schritte eines neuen Mediums. Die 45 Sekunden der »La sortie des usines« markieren als erster Film die Geburtsstunde des Kinos. Die Brüder Lumière glaubten, das Kino sei eine Erfindung ohne Zukunft oder zumindest kein ästhetisches Ausdrucksmittel. Daß ihre technische Realisierung des Kinematographen das Kino als siebte Kunst und Kulturrevolution des 20. Jahrhunderts hervorbringen sollte, wird sich erst später zeigen.

Lyon 2009. Es ist ein sonniger kalter Oktobertag. Ein wenig benommen verlassen die Besucher den Kinosaal und treten vor der Glasfassade ins Freie, die heute die historischen Dachbalken der Fabrikhalle schützt, vor der die Geschichte des Kinos begann. Der »hangar du premier« Film beherbergt heute den großen Kinosaal des Institut Lumière und gehört seit seiner Restaurierung 1995 zum UNESCO Weltkulturerbe. Nicht weit entfernt liegt die Jugendstilvilla der Familie Lumière, in der heute eine Dauerausstellung die Erfindung des Kinematographen dokumentiert. Seit 1982 ist die Villa Sitz des Institut Lumière, das das kinematographische Kulturerbe der Lumières bewahrt und mit einem vielfältigen Programm aus Seminaren und Projektionen neu zeigen und zugänglich machen will.

Wo Louis und Auguste Lumière 1882 ihre Fabrik für optische Geräte errichteten sind heute im Garten hinter der Fabrikantenvilla die weißen Zelte des Festivals Lumière aufgebaut, Herzstück des Festivals und Treffpunkt der Cinéasten und Cinéphilen. Hier ist alles versammelt, was nach dem Film kommt. Eine Boutique mit Büchern, DVDs und Merchandising Artikeln, wie sie traurigerweise fast für jede Kulturveranstaltung obligatorisch geworden ist, aber zum Glück auch Konferenzen Buchsignierungen und eine Fotoausstellung des amerikanischen Regisseurs und Fotografen Jerry Schatzberg mit Bildern aus Lyon. Vor allem hat man hier die Möglichkeit, sich auszuruhen und bei einem Café in aller Ruhe sein persönliches straffes Programm zu erstellen. Organisation ist notwendig, wenn man seine Kinogier befriedigen will, denn die 70 gezeigten Filme sind in 250 Vorstellungen auf 35 Kinos der Stadt Lyon verteilt. Was wie eine Mobilmachung zur einer visuellen Großoffensive scheinen mag, stellt sich bei der ersten Auflage dieses Festivals als gelungenes Konzept heraus. Durch die Kooperation mit allen Kinos der Stadt Lyon von Arthouse bis Multiplex ist es dem Institut Lumière gelungen, ein Festival für die ganze Stadt zu schaffen und ein wenig die heilige (Fabrik-)Halle der Gründerväter des Kinos zu verlassen. Obwohl das sehr französische Konzept der Cinéphilie Ausgangspunkt für dieses Unternehmen war, wird doch glücklicherweise dem Cinéma etwas von seinem kulturellen Elitismus genommen. Auch zahlreiche prominente Gäste wie die Brüder Dardenne, Claudia Cardinale, Asia Argento, Marjane Satrapi und Aki Kaurismäki sind zu diesem Festival gekommen, um die Filme vorzustellen, die ihnen persönlich ans Herz gewachsen sind. Zu verdanken ist dieses ausgesuchte »gratin« internationaler Filmprominenz sicher auch Thierry Frémaux, dem Direktor des Institut Lumière und Festivalleiter von Cannes, dem es mit diesem Festival gelungen ist, seiner Heimatstadt einen Platz in der französischen Festivallandschaft zu schaffen.

Fiktional wie Real ist Clint Eastwood die emblematische Figur des Festivals. Als Westernheld mit Zigarillo zierte sein schneidender Blick die Plakate des Festivals. Ganz real brachte Eastwood dann auch einen Hauch von Hollywood nach Lyon und wurde für sein Werk als Schauspieler und Regisseur mit dem einzigen Preis des Festivals, dem Prix Lumière, geehrt.

»Es gibt keine alten Filme, weil man sie immer mit neuen Augen betrachten kann«, sagt Thierry Frémaux über das Festivalprogramm und faßt damit klar zusammen, welche Idee am Anfang der ersten Auflage dieses Festivals stand: ein Wechsel der Perspektive auf das Kino durch einen Blick zurück, auf die großen und kleinen Filme seiner Geschichte. Wahre Schätze wie Friedrich Wilhelm Murnaus Meisterwerk Tabou (1931), begleitet vom Orchestre National de Lyon, und die restaurierte Kopie von Carl Theodor Dreyers fast verschollenem Praesidenten (1918) sind ebenso neu auf die Leinwand gebracht wie zahlreiche restaurierte Fassungen der Filme, die das französische und europäische Kino geprägt haben (Jean-Luc Godards Pierrot le fou, Marcel Carnés Les Visiteurs du soir).

Doch nicht nur die Zeitlosigkeit der großen Meisterwerke steht hier im Vordergrund, sondern auch die Evolutionskraft des Kinos. Die Retrospektiven zu den Western Sergio Leones und Clint Eastwoods zeigen, wie sich Genrekino entwickelt und ganz persönlich neu interpretiert werden kann. Eastwood wird mit Leones Für eine Handvoll Dollar (1964) zum Revolverhelden des Italowesterns und bringt später mit High Plains Drifter (1973) sich selbst und seine Interpretation von Western auf die Leinwand. Daß die Einflüsse dazu nicht immer nur von großen Meisterwerken ausgeht, zeigt die Filmreihe »The Art of Noir« und die Retrospektive zu den Filmen Don Siegels. Was das Programm interessant und spannungsreich macht, ist der Blick auf Filme, die das Etikett der »B-Serie Hollywoods« tragen und nicht im Zentrum cinéastischer Huldigungen stehen. Die kontrastreichen Bildkompositionen des Großmeisters Orson Welles finden sich auch in Norman Fosters Woman on the Run (1950) wieder, wie Don Siegels Hell is for Heros (1962) exemplarisch die Bildsprache und Narration des Hollywood-Kriegsfilms zeigt. Diesem Festival ist es gelungen, eine Geschichte des Kinos zu erzählen, die nicht eindimensional bleibt, sondern die Vielfältigkeit und Entwicklung seiner Bilder nachzeichnet. 2009-10-27 11:39
© 2012, Schnitt Online

Sitemap