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Selbstgedrehtes 2009

7. Filmforum Selbstgedrehtes. D 2009.
Halle (Saale), 14.10.09
Alice von Gwinners Ein Augenblick gewann das »Selbstgedrehte«

Plattform für erste Arbeiten

Von Gerd Naumann Kurzfilme sind immer auch ein Spiegelbild der Sehnsüchte und Interessen der Filmemacher. Sie geben damit einen Einblick in die Befindlichkeiten einer Generation. Das Kurzfilmforum »Selbstgedrehtes« hat es sich zum Ziel gesetzt, den Arbeiten junger Filmemacher aus dem mitteldeutschen Raum, hier besonders aus der Region Halle (Saale), Leipzig, Weimar und Dessau, eine öffentliche Plattform zu geben. Dabei ist es ein fester Bestandteil der Veranstaltung, daß die Filmemacher nach Vorführung ihres Beitrags den Fragen des Publikums Rede und Antwort stehen, was oftmals zu erstaunlichen Erkenntnissen führt. Insofern ist es von Bedeutung, daß die Veranstalter die Bezeichnung »Festival« vermeiden und den Forencharakter betonen. Vergeben wurden sowohl ein Jury- als auch ein Publikumspreis, gezeigt wurden sechs Beiträge.

»Selbstgedrehtes« ging dieses Jahr in die siebente Auflage. Die am 14.Oktober in Halle (Saale) gezeigten Filme deckten eine große Bandbreite ab. Vom Absurden zum Romantischen, vom künstlerisch Gewollten bis hin zum Genrezitat war alles dabei. Auffallend viele der gezeigten Filme entstanden als Abschlußarbeiten einschlägiger Hochschulen. Eine Ausnahme bildete der Dokumentarfilm Tupper Heldin von Jördis Kühne. Ihr Porträt der Tupperpartyliebhaberin Gabi ist prägnant und einfühlsam beobachtet. Innerhalb der kurzen Spieldauer gelingt Kühne eine tiefgreifende Charakterbeschreibung, die die Zuschauer mit dem Publikumspreis honorierte. Mit The Reason Why wurde ein Film gezeigt, der für eine rege Diskussion sorgte. Regisseur Karsten Kirchhoffs Anliegen war es, den Gründen des Terrors mit filmästhetischen Mitteln nachzuspüren. Leider erlag er der Faszination der, zweifellos gelungenen, Hochglanzbilder und verlor den Inhalt aus dem Blickfeld. Da es den Darstellern auch an Ausdrucksvermögen mangelte, ist das Ergebnis zwiespältig. In der anschließenden Zuschauerdiskussion wurde dann auch die Frage nach der Botschaft gestellt, die sich anhand der Herangehensweise nicht erschließt. Festzuhalten ist aber, daß es sich beim Regisseur Kirchhoff um einen begabten Mediengestalter handelt, der über einen phänomenalen Sinn für das Optische verfügt.

Ein Hingucker war der kurze Animationsfilm Territory des Burgstudenten Wie Hou. Er visualisierte eine alte chinesische Parabel. In eine gänzlich andere Richtung lief der Beitrag Stille ist mein Applaus von Sebastian Löffler, Peter Holló und Laura Großer. Durch die Mittel des absurden Films stach der Film deutlich hervor. Gezeigt wurde eine männliche Fee, die in einem Karton auf der Erde landet. Sie entsteigt diesem und muß sich alltäglichen Problemen stellen, etwa kleingeldzählende Omas im Krämerladen. Leider keinen Preis bekam Katrin Beckmanns Hattula, ein szenischer Ausschnitt einer Begegnung zwischen dem Bauhauskünstler Lázló Moholy-Nagy und dem Regisseur Sergej Eisenstein. Die darstellerischen Leistungen waren durchaus beachtlich, wobei es der Regisseurin auch gelang, ihrem Werk einen filmischen Anstrich zu geben. Der szenische Ansatz war für das Verständnis der biographischen Zusammenhänge beider Künstler leider nicht förderlich, vieles blieb im Unklaren. Insofern ist Hattula eine erste Visitenkarte Beckmanns, der hoffentlich weitere Arbeiten folgen werden.

Der Gewinnerfilm war Ein Augenblick von Alice von Gwinner. Inspiriert von Schillers Worten, nach denen der »mächtigste von allen Herrschern« der Augenblick ist, erzählt der Film von einer jungen Frau, die in einer seltsam leer anmutenden Wohnung lebt. Täglich um 16 Uhr erwacht sie aus dieser Leere und blinzelt durch den Türspion. Der Grund ist ihr Nachbar, der immer um diese Zeit seinen Briefkasten leert. Von nun an überrascht sie ihn täglich aufs Neue mit kleinen Aufmerksamkeiten in seinem Briefkasten. Alice von Gwinners Beitrag ist ein Film über ferne Beziehungen, Wünsche und Träume.

Mittlerweile hat sich »Selbstgedrehtes« als engagiertes und ernstzunehmendes Kurzfilmfestival etabliert. Mit dem Veranstaltungsort, das Programmkino Zazie, gelang ebenfalls ein Glücksgriff. In entspannter Atmosphäre plauderten Filmemacher und Zuschauer auch nach der Vorführung. Gerade dieser unvermittelte Austausch macht das Filmforum zu etwas Besonderem.
2009-10-22 15:36
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