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Filmkunstmesse Leipzig 2009

9. Filmkunstmesse Leipzig. D 2009. Leipzig, 21.9. – 25.9.09.
Das Leipziger Publikum vor dem Screening von Woody Allens Whatever Works

Verkaufsausstellungsfestival

Von Lina Dinkla Allein damit, daß die AG Kino diesen Treff seit bald einer Dekade veranstaltet, scheint ihre Notwendigkeit bestätigt zu sein. Zum neunten Mal also traf sich in Leipzig Ende September eine Werktagswoche lang die Programmkinobranche auf der Filmkunstmesse. Unter Filmkunst wird, wenn man das Kinoprogramm der Messe durchgeht, alles das gefaßt, was weder Hollywoodblockbuster noch komplett abseitig Experimentelles ist – mit der Tendenz zu leicht Verdaulichem.

Es handelt sich zwar in erster Linie um einen internen Branchentreff, bestehend aus Kinobetreibern, Verleih und Vertrieb, doch sind den Filmverkäufern neben denen der eigenen Kollegen die Reaktionen der Zuschauer verständlicherweise sehr wichtig. Während der abendlichen öffentlichen Vorführungen fürs Leipziger Publikum werden also fleißig Fragebögen verteilt, Verleihchefs preisen ihre Titel in niedlichen Ansprachen und rufen den gemeinen Kinogeher dazu auf, sich mit Vorschlägen für einen deutschen Titel zu beteiligen. Von Kunst ist zwar die Rede, doch allzu anspruchsvoll darf diese nicht sein; auch diese Branche möchte ihre Ware verkaufen. Und so darf man sich nach dem ein oder anderen Screening verwundert fragen, was genau hier darunter verstanden wird. Die Vertreter des Arthouse verlangen von ihrem Publikum nicht viel Bereitschaft für Ungewöhnliches, man meint offenbar, qualitätsmindernde Zugeständnisse ans eskapistische Grundansinnen des Publikums machen zu müssen. Ob berechtigt oder nicht, sei dahingestellt.

In den vergangenen Jahren war die Messe in der Tat ein Garant für außergewöhnliche filmische Entdeckungen, doch die aktuelle Ausgabe läßt sich in dieser Hinsicht nur mit einem »ausreichend« bewerten. Mittelmäßiges aus der ganzen Welt ist in den aktuellen Verleihprogrammen versammelt, weshalb herausragende Arbeiten wie Wendy und Lucy von Kelly Reinhard mit der großartigen Michelle Williams oder das extrem berührende Drama Ajami (AT) über die alltägliche Spirale der Gewalt im arabischen Viertel Jaffas deshalb besonders auffallen. Zumindest auf die neuesten Produktionen von Arthouse-Stammregisseuren ist Verlaß. Lang vor dem regulären Kinostart sind zum Beispiel Whatever Works von Woody Allen oder Ken Loachs Looking for Eric zu sehen. Bei der Filmflut, die allwöchentlich die Leinwände überschwemmt, muß sich eine solche Messe natürlich zwangsläufig wie ein Leuchtturm benehmen und bietet zumindest für die Starts der nächsten Monate ein wenig Übersicht.

Und hat man sich erstmal wieder auf diesen Zwitter aus Festival und Verkaufsausstellung eingelassen, dann überrascht einen die Filmkunstmesse mit durchaus erhellenden Momenten. So geschehen während des Vorfilmtests, einer gemeinsamen Initiative der KurzFilmAgentur Hamburg, Interfilm Berlin und der AG Kurzfilm, bei dem man ein erschrocken genervtes, dann wieder komplett begeistertes, auf jeden Fall ganz normales Publikum beim Kurzfilmerlebnis beobachten durfte. An den Reaktionen der Leipziger gemessen, gehört der kurze Film absolut und viel öfter ins Kino.

Am Abend dann ergibt eine nicht repräsentative, dennoch interessante Kurzumfrage bei umherstehenden Branchenmitgliedern – Kinobetrieb und Filmverleih – doch einstimmig, daß die Einführung dieser Messe eine durchweg großartige Idee war, die man auf keinen Fall mehr missen möchte. Wenngleich das Filmangebot auch ihn bislang nicht überzeugt habe, nutze der Kinobesitzer aus Österreich die Gunst der Stunde, den Berliner Disponenten einmal persönlich anzusprechen. Wo sonst hat man denn die Gelegenheit, all die kleinen Verleiher des deutschsprachigen Filmmarkts auf einem Haufen zu treffen und zwar jenseits einer hektischen Berlinale? Eben.
2009-10-12 12:50
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