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Venice Film Festival 2009

66° Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica. I 2009. L: Marco Müller.
Venedig, 2. – 12.9.09
Für viel Lärm sorgte Michael Moore mit seinem Film Capitalism: A Lovestory

Ein Festival ohne Rausch und Lust

Von Dieter Wieczorek Mitgerissen fühlte sich niemand auf dieser 66. Edition der Biennale Venedigs. Der Mangel an Provokationslust und Innovationsvermögen, an wirklicher analytischer Recherchelust, spielerischen Seitenblicken oder Angeboten meditativer Selbstvergessenheit war eklatant.

Manchmal reicht schon ein wenig Lärm. Samuel Maoz’ siegender Wettbewerbsbeitrag Lebanon gewinnt seine Stärke ebenso durch die aggressiven metallischen Klänge des Innenraumes eines Panzers, in dem die Handlung sich abspielt, wie durch seine visuelle Reduktion. Außenblicke und Wirklichkeitserfassung ist nur über Sichtluken und Zielfernrohre möglich. Die Spannweite möglichen Verhaltens ist für diese sich plötzlich auf fremden Grund eingekerkert findende Panzertruppe denkbar beschränkt. In dieser enormen Anspannung treten nur noch die gröbsten und dominantesten Gefühlsmanifestationen hervor. Der Überlebenskampf pervertiert seine Partizipanten. Der Film gewinnt seine Bedeutsamkeit gewiß auch durch seine metaphorische Dimension, wirkt doch der Panzer wie eine Metapher des Eingeschlossenheitssyndroms der israelischen Nation selbst. Der nur einen Röhrenblick auf das Außen zulassende hermetische Innenraum erzeugt eine permanente Realitätspervertierung, die fatale Konsequenzen zur Folge hat, solange noch Sprengstoff auf Knopfdruck bereitsteht und in der Ferne sich noch etwas bewegt.

Für Lärm sorgte auch Michael Moore, zumindest für journalistischen. In seinem letzten Film Capitalism: A Love Story bleibt er seiner Methode der aktionistischen Provokation treu, greift nunmehr jedoch nicht bloß die Auswüchse und Verfehlungen der kapitalistischen Weltordnung an, sondern das von Banken dominierte System selbst. Laut Moore folgen ihm in dieser Abkehr von der menschenverachtenden Staats- und Konzernpolitik immerhin bereits 33% der US-Bevölkerung. Eine kritische Grenze scheint erreicht, und das installierte Machtsystem, das selbst die kürzlich ausgezahlten Milliarden-Hilfsgelder lediglich in die Selbststabilisierung investierte, nicht aber in die Abwendung der katastrophalen Konsequenzen der »Krise«, erscheint immer mehr Zeitgenossen noch als Verrat des ursprünglichen Entwurfs des amerikanischen Way of Life. Moore erinnert an die Bill of Rights des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelts, der das Wohlergehen aller noch in die Konstitution schrieb. Moore zeigt Firmen, die vom Tod – je jünger, je besser – ihrer Mitarbeiter profitieren, während ihre Familien ihre Habe verlieren. Moore mobilisiert seinen Vater, seinen Hausprediger und den Bischof, Stellung zu beziehen gegen ein System, das seine Kinder frißt. Er zeigt hochtalentierte Studenten, die aufgrund ihrer Studienschuldenlast die Forschung aufgeben müssen, um sich in profitorientierten Applikationen zu verdingen. Er zeigt ehemalige Haus- und Grundbesitzer, die ihre eigene Habe verbrennen müssen, um die Transportkosten der Abfallbeseitigung zu sparen. Er zeigt Investoren, Kongreßmänner und Banker, die sich weiterhin satt auszahlen, während selbst das FBI seine Untersuchungen zum Bankenmißbrauch »deplatzieren« muß. Er zeigt Polizeioffiziere, die Gesetzesverstöße wie die Wiederbesetzung der verlorenen Wohnräume in New Orleans nicht mehr behindern. »Der Markt hat das Land zerstört«, heißt es schlicht aus dem Mund eines Sheriffs. Schließlich illustriert Moore die Konsequenzen der Misere. Mit der einen beginnt sein Film: eine Reihe durch Überwachungskameras aufgezeichneter Banküberfälle, begleitet von fetziger Musik. Die andere Konsequenz: Workers-Own-Business-Initiativen, die Schaffung von selbstverwalteten Produktionsstätten ohne Machthierarchien. Moore selbst fährt mit dem Laster vor die Tür der Bank of America, um das Geld seiner Landsleute zurückzufordern. Er sagt aber auch, daß er dieser Aktionen etwas müde ist, die danach rufen, auch von anderen praktiziert zu werden. Gegen Michael Moore wird zuweilen der Vorwurf erhoben, er nehme einige statistische Ziffern und Fakten nicht allzu genau. Dies mag zutreffen. Trotzdem ist kaum zu bezweifeln, daß Moore nach wie vor die entscheidenden Fragen stellt und mit seiner performativen Face-to-Face-Perspektive selbst im US-amerikanischen Machtzentrum ein rebellisches Lebensgefühl dokumentiert, das zu oft fälschlich totgesagt worden ist. Die Zeit für einen Wandel scheint gekommen.

Wandel ist auch der Grundton in Oliver Stones South of the Border. Stone reist zu nahezu allen aktuellen Machthabern des lateinamerikanischen Kontinents einschließlich Cubas und kondensiert seine Gespräche zu einem Bild der koordinierten Auflehnung gegen die US-Herrschaft, die selbst die Form einer eigenen, dem Euro vergleichbaren Geldwährung annehmen könnte. Stone macht aus seiner Sympathie für die wiedererlangte Souveränität keinen Hehl. Aus journalistischer oder dokumentarischer Sicht ist es natürlich fatal, sich die Geschichte von den gegenwärtigen Machthabern erklären zu lassen und ihnen gleichzeitig allen Raum zur Selbstdarstellung zu geben. Der kolumbianische Staatschef, dem Stone die Energien eines Fidel Castros zuspricht, dreht mit dem Kinderfahrrad eine Runde im Garten. In einer anderen Szene spielt Stone Fußball mit den Mächtigen. Hofberichterstattung hätte dies vormals geheißen. Doch sind die Popularität der Befragten, die unzweifelhaften Tendenzen zum Abbau sozialer Ungleichheit und Miserebekämpfung, das neu erwachte Selbstbewußtsein, der Wille zur Eigenverwaltung der vormals abfließenden Kapitalien und die Auflehnung gegen die Drogenkontrolle als Vorwand zur Marktkontrolle instrumentalisierender US-Vormacht Anlaß genug, zumindest Stones Intention und Faszination nachvollziehen zu können. Auch gilt festzuhalten, daß die Popularität der Regierenden sich trotz aller anhaltenden US-freundlichen Berichterstattungen behauptet, die den überwiegenden Anteil der lateinamerikanischen Massenmedien prägt.

Werner Herzog war gleich in vier Werken präsent, eines davon, und gewiß nicht das interessanteste, lief im Wettbewerb. Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans ist ein Werk, das überraschend gradlinig den Mythen der US-amerikanischen Selbstinszenierung folgt: einer gegen alle, der Sieg der Selbstbehauptung und einer zuweilen mit Schwäche und Zweifeln kokettierenden Souveränität. Herzogs Film ist ein Werk à la Clint Eastwood, garniert mit einigen humoresken Herzogschen Aperçus wie die Präsenz von Reptilien in Kameranahansicht, die Funktion des das Drama kommentierenden griechischen Chors deplatzierend. Etwas interessanter ist dagegen Herzogs zweites, als Überraschung ins Programm geratenes Werk My Son, My Son, What Have Ye Done?, in dessen Zentrum ein psycho(sym)pathischer junger Mann steht, der seine tyrannische Mutter schließlich rituell korrekt mit dem Schwert tötet. Exzentrik und exaltiertes Abdriften liegen Herzog gewiß näher. Auch hier jedoch wird das Niveau des Entertainmentkinos Hollywoods nur in einigen kurzen Szenen überschritten. Wirklich bemerkenswert ist dagegen Herzogs Kurzfilm La Bohème. Hier wird zu den Klängen Puccinis ein afrikanischer Stamm in traditioneller Pracht und typischen Werberitualen porträtiert. Männer suchen Frauen vor allem durch den weißen Farbton ihrer Zähne und Augäpfel zu gewinnen, was zu einem unglaublichen Grimassenspiel führt. Als das Lucca-Filmfestival vor kurzem an Herzog die Auftragsarbeit einer freien Assoziation über Puccini für ihre Serie »20 Puccinis« adressierte, zeigte er sich nicht interessiert. Sein jetziger Beitrag zeigt jedoch, daß die damalige Aufforderung nicht ganz ungehört blieb. Herzogs erstaunlichster Beitrag aber war seine Stimme, die er einer von Träumen, Sehnsüchten und Enttäuschungen berichtenden Plastiktüte lieh. Autor dieses Werks Plastic Bag ist jedoch nicht Herzog, sonders der US-Amerikaner Ramin Bahran, der hier ein heiteres und gelungenes Werk zum ansonsten nicht durch Experimentierlust markierten Kurzfilmprogramm beisteuerte. Dessen stärkster Beitrag, Rowland Jobson Girllikeme, kam aus Großbritannien und blieb unprämiert. Jobson läßt eine Jugendliche hilflos zwischen Langeweile und Autodestruktion pendeln, die sich als coole Prostituierte bestätigen will und einem schüchternen älteren Mann anbietet, der als Kunde angesichts ihrer hyperventilierten Fragilität nur versagen kann.

Als einer der Favoriten für den Goldenen Löwen zirkulierte das Werk Lourdes von Jessica Hausner. Sie nimmt sich alle Zeit für stille Aufnahmen fast banaler Szenen des Alltags von Behinderten, Gelähmten und Gehandikapten auf einer Pilgerfahrt nach Lourdes, immer noch auf ein Wunder hoffend. Unaufmerksame Krankenschwestern, sich aufopfernde Nonnen, egoistische und hadernde Gebrechliche zeigend betreibt Hausner keine Beschönigungen, vermeidet aber auch gleichzeitig jede Überzeichnung des Fehlverhaltens. Sylvie Testuds hochsensibles Spiel einer Gelähmten, die plötzlich wieder zu gehen vermag, hebt den Film über das Mittelmaß weit hinaus. Als weiterer im Wettbewerb laufender Film vermochte auch der ägyptische Beitrag Al Mosafer von Ahmed Maher zu überzeugen, der die Suche eines alternden Mannes nach familiärer Verankerung und Identität in einer streckenweise an Fellinis Phantasmalust erinnernden Situationsodyssee gestaltet, ohne auf sozialkritische Seitenblicke, vor allem auf traditionelles Geschlechtsrollenspiel zu verzichten.

Eine hermetisch enigmatische Welt entfaltete der Senegalese Vimukthi Jayasundaras in Ahasin Wetei, ein gänzlich unkompatibles Werk zu den anderen Festivalbeiträgen, der nach einem weit intensiveren Blick verlangt. 2009-09-16 13:09
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