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Internationales Filmfestival San Sebastián 2009

57. Donostia Zinemaldia Festival de San Sebastián. E 2009. L: Mikel Olaciregui.
San Sebastián, 18. – 26.9.09
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Sex and Crime zum Auftakt

Von Manuela Schilling Spanien, Strand und Sonne – das sind gängige Klischees, die einige Besucher des Filmfests in San Sebastián im Kopf haben. Die baskische Küstenstadt beherbergt zwar das A-Festival Spaniens und kann auch mit drei Stränden aufwarten, doch die Sonne ist hier wahrlich kein Dauergast. Bei strömendem Regen begann das Festival dann auch mit den geradzu klassisch wirkenden Themen »Sex and Crime«. Nur daß diese nicht wie üblich im gleichen Film untergebracht, sondern strikt zwischen dem Beitrag für den offiziellen Wettbewerb und der ersten Festivalperle aufgeteilt waren.

Der kanadisch-armenische Regisseur Atom Egoyan schickt sein Werk Chloe als erster in den Kampf um die Goldene Muschel. Schon der Vorspann knistert vor Erotik, lange blonde Haare kontrastieren zu schwarzen Seidenstrümpfen in einem Spiegel. Aus dem Off philosophiert eine Frauenstimme über ihre Arbeit, bei der sie wisse, welche Körperteile sie wann anfassen, wo küssen müsse. Szenenwechsel, auch die Protagonistin Catherine – fantastisch verkörpert von Julianne Moore – befühlt täglich fremde Brüste. Als Gynäkologin fällt ihre Auffassung von Sex jedoch recht mechanisch aus. Einer jungen Patientin erklärt sie, »ein Orgasmus ist lediglich eine Muskelkontraktion«.

Diese nüchterne Aussage läßt das Problem von Catherine bereits erahnen. Als dann noch ihr Mann David absichtlich den Flieger zu seiner eigenen Geburtstagsparty verpaßt, scheint dem Zuschauer alles klar: Er betrügt sie. Nun kommt die Prostituierte Chloe ins Spiel, die von Catherine auf den untreuen Gatten angesetzt wird. Die junge Blondine sammelt eifrig Beweise und erstattet ihrer Auftraggeberin Bericht, ohne mit der Wimper zu zucken. Mit Chloes detailgetreuen Schilderungen beginnt der Film, unangenehm zu werden. Warum tut sich Catherine das an? Will sie leiden? Ihr Verhalten gleicht einer seelischen Folter.

Wenn man dagegen ihm Rahmen der Festival-Perle Inglourious Basterds von Folter spricht, nimmt diese eine ganz andere Form an. Quentin Tarantino zeigt körperliche Gewalt, gerne auch in Großaufnahme. Sei es der Schlag mit dem Baseballschläger auf den Kopf, der bohrende Finger in der Einschußwunde oder auch das hakenkreuzritzende Messer auf der Stirn: Opfer der Basterds-Truppe sind stets Nazis.

Wer hier wirklich die »Crime« begeht, bleibt unklar. Zwar sind die Deutschen zweifelsfrei die Bösen, doch mit Ausnahme von SS-Standartenführer Hans Landa darf keiner von ihnen wirklich ernstgenommen werden. Die Hitler-Karikatur etwa ist weit weniger glaubwürdig als die Persiflage von Alfons Hatler aus Der Wixer. Um realitätsnahe Darstellungen geht es aber auch gar nicht, denn Tarantino hatte alles andere als eine Dokumentation im Sinn. 2009-09-21 12:41

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