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Festival des films du monde Montreal 2009

33. Festival des films du monde Montreal. CDN 2009. L: Serge Losique.
Montreal, 27.8. – 7.9.09
Andrew Sarris in For the Love of Movies

Rather this than anything else

Von Michael Ranze For the Love of Movies – welch schöner Titel für einen Dokumentarfilm, der sich der Geschichte und der Krise der amerikanischen Filmkritik widmet. Gerald Peary, Kritiker aus Boston, spannte innerhalb der Sektion »Documentaires du monde« den Bogen vom ersten ernstzunehmenden Filmjournalisten Frank E. Woods, eines Weggefährten von D.W. Griffith, über Bosley Crowther, Otis Ferguson, Manny Farber und James Agee bis zu Roger Ebert, um dann über Entlassungen von Kollegen, Bedeutungsverlust der Filmkritik, über die Kluft zwischen Kritikern und Produzenten und die Kluft zwischen Print und Internet zu berichten. Auf einmal fiel einem ein, daß in Deutschland dieselben Bedingungen herrschen, dieselben Diskussionen geführt werden. Die Krise der Filmkritik ist universell.

For the Love of Movies – so hätte man auch gern den Wettbewerb der 33. Filmfestspiele von Montreal, immerhin 20 Filme umfassend, überschrieben. Doch so kurz nach Locarno, parallel zu Venedig und im bitter geführten Kampf gegen Toronto, das wenige Tage später begann, hatte es Festivalleiter Serge Losique schwer, einen befriedigenden Wettbewerb zusammenzustellen. Vieles war nur Mittelmaß oder – siehe weiter unten – sogar ärgerlich. So stach Weaving Girl des chinesischen Regisseurs Wang Quan’an (Tuyas Hochzeit) geradezu heraus – was auch der Gewinn des FIPRESCI-Preises belegt. Quan’an erzählt auf fast schon neorealistische Weise die Geschichte einer Weberin in einer riesengroßen Textilfabrik, die unheilbar an Leukämie erkrankt ist und bald sterben wird. Darum reist die Frau ohne ihre Familie nach Peking, um noch einmal ihre große Liebe – einen Kollegen, der vor zehn Jahren hierhin versetzt wurde – zu treffen. Doch die Gefühle von einst lassen sich nicht wiederbeleben, der Schock über verlorengegangene Briefe, die Sicherheit über die Gefühle zueinander gegeben hätten, sitzt tief. Quan’an verbindet auf bewundernswerte Weise eine persönliche Geschichte um Bedauern und verpaßte Lebenschancen mit einer harschen Kritik an den sozialen und politischen Bedingungen im heutigen China, dessen rasanter wirtschaftlicher Erfolg den Einzelnen vergißt.

Montreal ist auch immer ein gutes Pflaster für deutsche Regisseure. So zeigte Lancelot von Naso (Jahrgang 1976) seinen Irak-Film Waffenstillstand über eine Gruppe von Ärzten und Reportern, die das Gerücht von einem Waffenstillstand nutzen, um in Fallujah Medikamente zu besorgen. Einige Klischees in der Figurenzeichnung so wie die überdeutliche Absicht, gewichtige Aussagen über den Irakkrieg und seine politische Legitimation zu treffen, schmälern das Bemühen um einen anspruchsvollen Film. Doch die Tatsache, daß es diesen Film überhaupt gibt, daß ein deutscher Regisseur den amerikanischen die Deutungshoheit über den Irak streitig macht, ist an sich schon bemerkenswert. Lohn: der Preis der ökumenischen Jury.

Eigenartig, was man als Cineast so alles auf der Leinwand entdeckt, wenn man – dem Alltag und manchmal auch der Realität entrückt – innerhalb weniger Tage an die 30 Filme sieht. Tierische Nebendarsteller zum Beispiel, die vielleicht auch mal einen Preis verdient hätten. Da gab es die Kühe in Séverine Cornamusaz’ Animal Heart, die der gefühlskalte, vom Leben verhärtete Milchbauer besser behandelt als seine Frau. Oder das kleine Äffchen mit dem wunderschönen Namen »Trotsky«, das im Publikumspreisgewinner Cargo for Africa, inszeniert von dem Franko-Kanadier Roger Cantin, eine ganze Wohnung auf den Kopf stellt. Nicht zu vergessen die pechschwarze, fast schon diabolische Dogge in Strayed vom Kasachen Akhan Satayev, einer kafkaesken Gangsterparabel, die sich dann allerdings als Drogen-Halluzination entpuppt.

Und noch etwas fiel auf. Viele Protagonisten waren dazu verurteilt, schlechten Sex zu haben. Der Coitus Interruptus in Micha Lewinskys Die Standesbeamtin (deutscher Kinostart: 15. Oktober) kam da noch am komischsten rüber. In Forever Waiting, Francisco Avizandas Film über Spionage und Widerstand im Spanien der 1950er Jahre, gab es so viele lustlose, gelangweilte Sexszenen, daß man mit dem Zählen gar nicht mehr nachkam und um den Fortbestand der spanischen Bevölkerung fürchtete. Nicht zu vergessen der eigentlich soignierte Bischof, der sich als Fußfetischist – Buñuel läßt grüßen – entpuppt. Die Hauptdarstellerin Carolina Bona, an fast allen Sexszenen beteiligt, mußte noch Tage später, so wird kolportiert, auf den Fluren des Hyatt Regency, dem Festival-Hotel, die unmoralischen Angebote der Männer abwehren, so sehr hatte sie in Forever Waiting Verfügbarkeit ohne Reue signalisiert.

Doch was ist von einem Film zu halten, in dem eine Zahnärztin vom Hausmeister vergewaltigt wird, als Folge ein Kind erwartet, das wiederum der Vergewaltiger, unterstützt von seiner Mutter, für sich beansprucht. I Am Yours heißt der Film, Mariusz Grzegorzek der Regisseur aus Polen, und befremdlicher und abstoßender ging es eigentlich nicht mehr. Wäre da nicht Redland von Asiel Norton gewesen. Nicht nur, daß hier eine Frau rittlings unter lautem Gestöhn auf einem Baumast hin- und herrutscht – sie verführt am Ende auch noch ihren Vater. Und das hier zu allem Überfluß noch ein Huhn mißbraucht wird, glaubt einem eh niemand mehr.

Manchmal konnte man schon an seinem Beruf als Filmjournalist verzweifeln. Doch dann fielen einem die letzten Worte aus For the Love of Movies wieder ein, gesprochen vom 80jährigen Andrew Sarris, dem Doyen der amerikanischen Filmkritik: »I’d rather do this than anything else in the world.« 2009-09-14 15:47
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