— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

DOKUFEST 2009

International Documentary and Shortfilm Festival. KOS 2009. L: Aliriza Arënliu.
Prizren, 3. – 9.8.09
Peter Liechtis The Sound of Insects – Record of a Mummy

Branding Kosovo

Von Claudia Siefen Daß sich Niveau und Fortschrittlichkeit nicht nur in einem großen Festivalrahmen abspielen müssen, davon überzeugte die diesjährige 8. Ausgabe des Internationalen Dokumentarfilm und Kurzfilmfestivals in Prizren, Kosovo. Über die Jahre haben sich die Leiter des Festivals Veton Nurkollari, Aliriza Arënliu und Samir Karahoda eine stringente Qualität ihres Programms erarbeitet, das sich nicht nur zu einem Publikumsfestival entwickelt hat, sondern auch im Ausland Beachtung findet. Gezeigt wurden in diesem Jahr Filme aus über 40 Ländern, Kooperationen mit anderen Festivals schlagen sich im Programm nieder, etwa die mit dem polnischen TOFIFEST in Torun. Neben den Sektionen Balkan Docs, Branding Kosovo, International Shorts und International Docs gab es auch eine nationale Programmschiene, ein Tribute mit sechs Kurzfilmen von Krzysztof Kieslowski und ein Hochschulprogramm der Sam Spiegel Film School mit fünf ausgewählten Filmen.

Verteilt auf vier Kinos, die den Rest des Jahres aus technischen Gründen keinerlei Bespielung erfahren, präsentierte das Festival Produktionen wie Goodbye, How Are You? von Boris Mitic, eine sarkastische Auseinandersetzung mit der sprachlichen Niederschlagung von aktuellen serbischen Befindlichkeiten, politischer wie privater Natur, vom Regisseur zusammengetragen auf einer dreijährigen Reise durch den Balkan.

Vlado Skafar zeigte Letter to a Child, ein wahrer Meilenstein, wenn es darum geht, Interviews innerhalb ihrer Montage über das Übliche filmisch hinauszutragen. Die Arbeit des Slowenen zeichnet sich wieder einmal durch menschliche Unaufdringlichkeit aus, wenn verschiedene Altersgruppen von ihren Erfahrungen mit dem Tod berichten, über Freundschaften und die große Liebe reden und sich immer wieder ihren eigenen kleinen Freiraum schaffen, um nicht alles von sich preiszugeben. Innerhalb dieser dramaturgischen Lücken bietet Skafar die Möglichkeit, eigenen Erfahrungen Raum zu geben, ohne je den roten Faden zu verlieren.

The Desire von Marie Benito rückt das sexuelle Begehren einer älteren Frau in den Mittelpunkt, praktisch und handfest, poetisch und kraftvoll: Wenn der Ehemann nach langjähriger Ehe die Scheidung einreicht, zeichnet der Film alle Phasen der weiblichen »Trauerarbeit« auf. Geprägt von anfänglichen Selbstzweifeln und Resignation bis zum Erwachen eines neuen Selbstbewußtseins, das die weibliche Erotik und Bedürfnisse wieder in den Mittelpunkt rückt. Und was passiert dann, wenn der Beinahe-Ex sich wieder meldet?

The Grass Snake von Khayyam Abdoullayev und Elmaddin Aliyev ist eine grandiose Parabel auf Gier und einhergehende Hilflosigkeit: Zwei Blinde bekriegen sich im Kampf um eine Ölader mitten im Niemandsland, um am Schluß festzustellen, daß diese schon längst von einer weltweit agierenden Firma in Beschlag genommen wurde. Der private Kleinkrieg wird zur Farce und gipfelt in einem völlig überdrehten Overacting, gekrönt von Mord und Totschlag und einer ohrenbetäubenden Toncollage.

The Sound of Insects – Record of a Mummy des Schweizers Peter Liechti, basierend auf einer wahren Begebenheit, ist filmische Präzision pur; die Geschichte eines Mannes, der sich in einem Wald freiwillig dem Hungertod aussetzt, wird zur schmerzhaften Körpererfahrung, schreiend vor Lebenshunger. Ein Kofferradio wird zum einzigen Kontakt zur Außenwelt, die naturgemäß in einem Stadtpark eigentlich recht nahe erscheint, durch das Vorhaben des Mannes aber zu einer Parallelwelt mutiert, zu der er schon längst den Kontakt verloren hat. Doch der ersehnte Tod läßt auf sich warten.

Grown Up von Dana Neuberg ist ein Lobgesang auf die weibliche Solidarität, beziehungsweise ein Hinweis darauf, wenn diese schmerzlich vermißt wird: Ein junges Mädchen testet mit ihrer besten Freundin ihre erotische Wirkung auf den Lebensgefährten der Mutter. Der Gute bricht in Schweiß aus, mit den Nerven am Ende fühlt er sich noch als Held, wenn er den harmlosen Annäherungen des Teenagers widersteht und noch vor Eintreffen der Mutter fluchtartig das Haus verläßt. Die Mutter ist sofort voll des Mißtrauens, und so wird alle Wut auf die erahnte Situation nicht am Freund ausgelassen, sondern die Tochter muß die Schimpfkanonade über sich ergehen lassen. Die Geschichte wird abgehakt, und man trifft sich abends wieder in der Stammdisko: Die Freundinnen sitzen wieder beisammen und wundern sich über die verkorkste Erwachsenenwelt, denn: Wäre ein kleiner Kuß so schlimm gewesen?

Ein Magenschlag von einem Film: Presidio Modelo von Pablo Alvarez-Mesa. Mit Voice Over hat man vorsichtig umzugehen, zu schnell wird sich auf der Möglichkeit ausgeruht, die Bilder zu »besprechen«, eine fehlende Information oder ganz einfach fachliches Nichtkönnen mit der Stimme über den Bildern wieder einzuholen. Alvarez-Mesa läßt ein Meisterwerk entstehen. Im Jahre 1926 läßt der kubanische Präsident Gerardo Machado ein Gefängnis errichten, das in der Form eines Bentham-Panoptikums die soziologische Sichtweise auf Gefängnisse verändern wird. Sind doch noch so viele Möglichkeiten ungenutzt, dem Menschen einen Gefängnisaufenthalt zu einer wahren Qual zu machen und den Insassen jede Hoffnung zu rauben. 2009-08-26 13:21
© 2012, Schnitt Online

Sitemap