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Die stillen Glanzlichter Locarnos
Von Dieter Wieczorek
Nicht unbedingt im Rampenlicht des großen Platzes, sondern in den Nebenreihen offeriert Locarno seine besondere Note und Sensibilität für seismographische Filme, die den Stand der Dinge zu konturieren vermögen, Filme, die sich Zeit nehmen, die den Bildern eine Meditationszeit zugestehen und Personen nicht zu Sprechmaschinen reduzieren, sondern ihnen im Schweigen Lebensraum zugestehen, der zu sprechen vermag.
Ein Altmeister des Auslotens inneren, nicht kommunizierbaren Schmerzes ist der Japaner Masahiro Kobayashi. In seinem im Wettbewerbsprogramm gezeigten Werk
Wakaranai (
Where are you?) zeigt sich erneut eine ausgefrorene japanische Gesellschaft, in der Mittellose kein Erbarmen erwarten dürfen. Einem jungen Mann fehlen die Mittel, sich Nahrung zu kaufen, da der Minimallohn für die Versorgung seiner hospitierenden, von ihrem Ehemann im Stich gelassenen Mutter aufgebraucht wird. Aus den glücklichen Tagen ist ihm nur ein Foto geblieben. Ansonsten gleichen seine Tage einem verängstigten Überlebenskampf, der sich noch zuspitzt, da er seinen schlechtbezahlten Job verliert. Als die Mutter an mangelnder Versorgung stirbt, fehlen ihm erneut die Mittel für eine Bestattung. Zu den unvergeßlichen Szenen dieses Festivals gehört wohl die, ihn nachts die Leiche seine Mutter vom Sterbebett ins Freie schleppen zu sehen, um sie an den Ort zu bringen, zu dem er sich zuweilen flüchtet: ein blau gestrichener Kahn an einem Seeufer. In ihm läßt er sie ins Wasser gleiten. Nur in der allerletzten Szene gesteht Kobayashi sich einen minimalen Hoffnungsschimmer in den ansonsten lückenlos instrumentalisierten Beziehungsformen zu. Nur von einem Stilfehler jedoch kann man Kobayashis Werk nicht freisprechen, die exaltierte und damit unfruchtbare Demonstration von Gefühlszuständen: Muß ein gestreßter Jugendlicher immer mit gebogenem Rücken des Weges kommen?
Aus Argentinien kommt mit
La invención de la carne ein symbolisch aufgeladenes Werk nach Locarno. Eine masochistische und suizidgefährdete Frau gerät an einen infantilen und von Angstkrämpfen heimgesuchten schüchternen Mann. Gemeinsam machen sie sich zu einer Reise ohne klares Ziel. Gerade ihre Schwächen und Hilflosigkeiten erlaubt den beiden Borderlinekandidaten eine vorsichtige Annäherung, da sie dem anderen nie die Normen des Wohlverhaltens abverlangen. Santiago Loza gelingt eine erstaunlich Synthese zwischen realistischer Darstellung und ständiger Transzendierung des Geschehens in ein fast mystisches Szenarium, in dem alle Vorhänge auf fließendes Wasser bezogen bleiben – offensichtlich ein Metasymbol ständiger Transformation und Überschreitung. Waschräume, Baderäume, Schwimmbecken und Seeufer sind der fluide Hintergrund einer Handlung, die kulminiert zu einem Bild möglichen Neuanfangs, zu einem Ausblick auf ein Leben vor seiner traumatischen Infiltrierung.
Eine langsame Initiation vollzieht sich auch in dem kanadischen Beitrag
La donation von Bernard Emond. Eine zu altern beginnende, alleinstehende Ärztin findet sich in eine kleine Ortschaft verschlagen, in der sie mit allen Symptomen geschlossener Gesellschaften konfrontiert wird: eingespielter Dünkel, starre Gewohnheiten, etablierte Machtspiele und allgemeine Kommunikationsunfähigkeit im alltäglichen Grau-in-Grau. Ihre klare, unbestechliche Linie verschafft ihr bald Respekt, aber keine Nähe zu ihrer Umgebung. Das Porträt dieser Frau, die eine Ethik ohne Glauben lebt, wird in einer fast Bergmanschen Kristallinität entfaltet. In einer nomadischen Welt muß sich die Frau entscheiden, ihre Aufgabe zu erfüllen und die Endlichkeit ihres Daseins zu akzeptieren.
Existentielle Einsamkeit ist Leitmotiv auch weiterer Filme des Wettbewerbprogramms. Im viel beachteten
Nothing Personal der heute in den Niederlanden arbeitenden Polin Ursula Atoniak trennt sich eine Frau von ihrer Habe und Vergangenheit, um als Tramp einen Neuanfang zu versuchen. Sie trifft auf einen einsiedlerischen älteren Mann, der sich von ihrer harschen Weise nicht beeindrucken läßt und ihr Nahrung gegen Arbeit bietet, die einzige Beziehungsform, die die junge Frau zu akzeptieren vermag. Vorsichtig gelingt es ihm, die Barrieren der von ihrer Trennung traumatisierten Frau zu durchbrechen und sie erneut kleine Glücksmomente akzeptieren zu lassen. Doch als dem Lebenslehrer endlich seine Lektion zu gelingen scheint, stirbt er. Atoniak schafft einen unter die Haut gehenden Beitrag zu einem Lebensglück trotz allem, zu einer Erfahrung des Anderen weniger durch Sprache als durch kleine Gesten und Zeichen.
Auch der Hauptpreis ging an ein Werk über die aktuelle nomadische Selbstsuche. Die nach ihrer Ausbildung in der Pekinger Filmschule nach Großbritannien emigrierten Xiaolu Guo zeichnet in
She, a Chinese gewiß auch Elemente ihrer eigenen Lebenserfahrung nach. In ihrem Film entflieht eine junge Frau der provinzialen Enge und heiratet, einmal entflohen, baldigst einen wohlhabenden Britten, dessen tristes Alltagsleben und Impotenz sie jedoch kaum froh werden läßt. Nach einem kurzen sexuellen Abenteuer bricht die nun Schwangere erneut in eine unbekannte Zukunft auf. Xiaolu Guos filmischer Stil ist durch eine additive Trockenheit gekennzeichnet. Die Handlungsfolgen vollziehen sich in puristisch linearer Form, die fern allen Anekdotischen und Arabesken vor allem Ausweglosigkeit signalisieren. Die neuen Protagonisten der globalisierten Emigration haben weder Zeit noch Möglichkeiten, sich wirkliche Lebensräume zu schaffen.
2009-08-17 16:24