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Pula Film Festival 2009

56. Pula Film Festival. HR 2009. L: Zlatko Vidackovic.
Pula, 18. – 25.7.09
Kenjac (The Donkey)

Große Geschichten auf kleinstem Raum

Von Anja Šošić Vom 18. bis 25. Juli fand in Kroatien das 56. Pula Filmfestival statt. In den allabendlichen Open-Air-Vorführungen in der antiken römischen Arena der istrischen Hafenstadt stand eine Rekordproduktion von zehn kroatischen Spielfilmen im nationalen Wettbewerb um die »Goldene Arena«, begleitet von einem internationalen Programm, das Beiträge weltweiter A- Festivals präsentierte.

Die im kroatischen Film konstant präsente Kriegsthematik durchzog auch in diesem Jahr mehrere Produktionen. So erzählt das von jeglicher Ideologie befreite, psychologische Kriegsdrama Crnci (The Blacks) vom inneren Konflikt einer Sondereinheit kroatischer Soldaten, die beim Versuch, ihre gefallenen Kameraden zu bergen, den Feind dort findet, wo sie ihn am wenigsten erwarten – nämlich in der eigenen Bereitschaft zum Töten. Für die präzise Ausarbeitung der gebrochenen Charaktere mit Hilfe eines erstklassigen Schauspieler- Ensembles erhielten die Regisseure Goran Dević und Zvonimir Jurić den Preis für die beste Regie.

Mit der »Goldenen Arena« für den besten Film wurde Metastaze (Metastases) von Branko Schmidt ausgezeichnet, eine beunruhigende Studie urbaner Frustration, die das hoffnungslose Bild eines von Gewalt, Fußballbesessenheit und Arbeitslosigkeit geprägten Alltags in Zagrebs Arbeitermilieu zeichnet. Die kroatisch-serbisch-bosnische Koproduktion verdichtet Handlungsstränge des gleichnamigen Romans von Ivo Balenović zu einem hyperrealistischen Einblick in das zerrüttete Leben von Veteranen, Junkies und Alkoholikern, die nach dem Krieg keinen Weg gefunden haben, sich in die heutige kroatische Gesellschaft einzugliedern.

Ein weiterer Favorit der Jury unter Vorsitz des Regisseurs Zrinko Ogresta war Kenjac (The Donkey) von Antonio Nuić, die Geschichte eines entfremdeten Sohnes, der sich bei einem Besuch in der herzegowinischen Heimat einem lange schwelenden Familienkonflikt stellen muß. In erdigen, die flirrende Sommerhitze Bosniens visualisierenden Bildern erzählt Kenjac von dickköpfigen Menschen, denen es schließlich gelingt, die Fehler der vorangegangenen Generationen nicht selbst zu wiederholen.

Während Neven Hitrec in Čovjek ispod stola (The Man under the Table) verschiedene Charaktere und Geschichten rund um einen Marktplatz in der großstädtischen Peripherie zu einem bunten Reigen verknüpfte und Dejan Šorak mit U zemlji čudesa (In the Land of Wonders) ein melancholisches Anti-Märchen auf die Leinwand brachte, erweiterte Pavo Marinković mit Ljubavni život domobrana (Love Life of a Gentle Coward) die vielfältigen Themen des diesjährigen Festivals um eine sympatische Liebeskomödie. Fast metaphorisch für die kroatische Kinematographie, der in den vergangenen Jahren eine deutliche Qualitätssteigerung zu attestieren ist, steht das Kammerspiel Blizine (Closeness) von Zdravko Mustać, in dem zwei ruhelose Figuren in einem Aufzug steckenbleiben: Auf kleinstem Raum werden hier große Geschichten erzählt. 2009-08-05 17:22
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