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New Zealand International Film Festival 2009

New Zealand International Film Festival. NZ 2009.
Neuseeland, 9.7. – 25.11.09
The Strength of Water

Der kannibalische Alltag

Von Ulrike Mattern Neuseeland mag einem nicht als erstes in den Sinn kommen, wenn man in Sachen Film unterwegs ist. Zudem besitzt es aus der eurozentrischen Mittelachsenperspektive den Nachteil, daß es sich an einer weit entfernten Stelle positioniert. Es stellt einen Fluchtpunkt dar, den man für ein Natur-, aber nicht in erster Linie für ein Kulturerlebnis ansteuert. Wer fliegt mehr als 25 Stunden um die Welt, um sich in einem dunklen Kinosaal in einen Sessel zu setzen, dessen Qualität von dem seines europäischen Äquivalents nicht zu unterscheiden ist? Und sieht die üblichen Verdächtigen auf der Leinwand, mit denen er auf Festivals in greifbarer Nähe Freundschaft schließen könnte? Doch mit Pioniergeist und genuinem Interesse an neuseeländischen Kulturerzeugnissen ausgestattet (Souvenirs ausgeschlossen), fiel die Entscheidung leicht, den Sommer in Europa gegen den Winter im Südpazifik einzutauschen.

Das New Zealand International Film Festival entstand 1968 auf Initiative der jeweiligen regionalen Filmgesellschaften, zuerst in Auckland und 1972 in Wellington. 1984 fusionierten die Festivals. Seither werden sie in den Metropolen und auf einer 13 weitere Städte umfassenden Tour mit einer Auswahl aus dem Programm von Bill Gosden geleitet. Der 55jährige veröffentlichte als Teenager Filmkritiken, studierte englische Literatur und heuerte 1979 in administrativer Funktion bei der New Zealand Film Society an. Er habe einen sicheren Instinkt für die besten Filme des Weltkinos und die Fähigkeit, das zu bekommen, was er wolle, sagte der frühere Leiter des Wellington Film Festivals, Lindsay Shelton, Ende Mai freundlich in seinem Blog über Gosden. Er räsonierte aber auch über die jüngste Umbenennung der Veranstaltung: In diesem Jahr, dem 41. seit Bestehen, streift sie die lokale Kittelschürze ab und präsentiert sich mit Betonung auf »New Zealand« International Film Festival in nationalem Einheitslook. Nebenbei genehmigte sich Shelton einen Seitenhieb gegen Gosden: »Obwohl es auch immer auch einige Titel gibt, die ihm entgehen.«

Wer hat behauptet, in Neuseeland herrsche eitel Sonnenschein? Auf alle Fälle gedeiht in diesem Land mit einer Bevölkerung von knapp vier Millionen eine Filmgemeinschaft, die das heimische Festival als repräsentative Plattform nutzt, selbst wenn sie das Sprungbrett am Pool der prestigeträchtigen A-Festivals dieser Welt anlegt. Der im Wettbewerb von Cannes präsentierte Film Bright Star der neuseeländischen Regisseurin Jane Campion eröffnete den Reigen mit einer Gala. Bodenständiges sollte folgen: »Homegrown«, eine seit 13 Jahren etablierte Werkschau der besten Kurzfilme auf Video und Film, entzückte mit skurril erzählten Storys und innovativer Kameraperspektive (Careful with that Power Tool). Mein Held dieser Tage war Andy, ein Achtjähriger in hellroter Trainingsjacke und ebensolcher kurzer Hose, der auf dem Schulhof von den Jungs gehänselt und von einem schüchternen Mädchen bewundert wird. Mißmutig stapft er mit seinem wuchtigen braunen Ranzen über den Rasen, schiebt er den zu groß geratenen Kopf auf dem schmalen Körper vor, zeigt dabei zwei Hasenzähne und kritzelt sich aus der Schulbank mit Buntstiften heftig in die Welt seiner Superhelden. »It’s hard to look after yourself in the playground when you’re different«, ist die Tagline für den kompromißlosen Träumer in The Six Dollar Fifty Man von Mark Albiston und Louis Sutherland. Sie könnte Motto für das ambivalente Selbstverständnis neuseeländischer Spielfilmproduktionen sein, deren Macher mit ihrer Sehnsucht nach dem universellen (Verkauf-)Ansatz ihre berückend eigenwilligen Kreationen des öfteren bis zur Markttauglichkeit drangsalieren oder – im besten Falle – dorthin quatschen wollen.

Auf sich acht geben die beiden Zehnjährigen auf einer Hühnerfarm im Norden Neuseelands. Trotzdem passiert ein Unglück, und dem Jungen bleibt nur die kurze Zeit des spirituellen Übergangs mit seiner Schwester. Dem Debütspielfilm The Strength of Water der Regisseurin Armagan Ballantyne wurde in der Bearbeitung die durchdringende klare Farbigkeit entzogen, welche die einheimische Natur nicht nur an sonnigen Tagen auszeichnet. Brackiges Meerwasser, schmutziges Blau, Grün und fahles Grau dominieren. In diesen Nuancen führt die bedächtig erzählte Geschichte an der Hokianga-Küste auf ihrer Palette einen melancholischen Grundton mit sich. Nach der Premiere in der purpurnen plüschigen Samtsesselhöhle des »Civic Theatre« in Auckland war die Rede von ihrer Ähnlichkeit zu dem neuseeländischen Bestseller Whale Rider von 2002, der wie The Strenght of Water von der deutschen Pandora Film mitproduziert wurde. Und von der »universellen Thematik«. Ein Attribut, das neuseeländischen (und australischen Filmen) zugeschrieben wird, selbst von ihren Regisseuren, und mit dem diese sich ihrer Kompatibilität auf dem Weltmarkt versichern. Doch The Strength of Water zelebriert die lokale Verortung und deren originäre Umsetzung in Bilder, deren tastende Beobachtungsgabe mit dem vorantreibenden Plot von Whale Rider kaum vergleichbar ist.

Jonathan Auf der Heide, der junge australische Regisseur von Van Diemen’s Land, wählte die Analogie zu Dantes »Inferno« und den Abgründen der menschlichen Seele, um sein in der australischen Historie verankertes düsteres Szenario über die Landesgrenzen zu tragen. Im dichten Dschungel Tasmaniens, das vor knapp 200 Jahren »Van Diemen’s Land« genannt wurde, können acht Strafgefangene englischer, irischer und schottischer Herkunft fliehen. Einer von ihnen, Alexander Pearce (gespielt von Oscar Redding, der mit Auf der Heide das Skript schrieb), überlebt die Flucht und gibt vor Gericht zu Protokoll, daß sich die Männer gegenseitig gegessen hätten, bis nur er überlebte. Ein Survival of the Fittest, ein barbarischer Akt, dem niemand Glauben schenken wollte und der hier drastisch bebildert wird. Die Kamera ist superb. Von Anfang an, wenn sie über den dunkelgrünem Broccoli gleichenden Wald streift und den Blick von dem lautlosen Naturschauspiel aufs Essen der Wachen im Lager lenkt, auf das knackende, zehrende Geräusch, das dieser Vorgang macht, fokussiert sie unerbittlich Details – und man wird sich an diese erinnern, wenn den erschöpften Männern die Axt in die Köpfe und Körper geschlagen und ihre Glieder abgetrennt werden.

Von anderer kannibalischer Qualität handelte ein anspielungsreicher Zombiefilm aus Norwegen (eine der Figuren trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift Braindead, was in Peter Jacksons Heimatland zu johlendem Applaus im ausverkauften Saal führte). In Dead Snow von Tommy Wirkola werden Nazi-Zombies in einem norwegischen Skigebiet durch den Fund eines Schatzes zum Leben erweckt und metzeln eine Gruppe unbedarfter Wochenendurlauber nieder, die sich wacker und aufs Absurdeste gegen die Uniformträger mit den Narben- und Kratergesichtern zur Wehr setzen. In der Rubrik »Incredibly Strange«, die von Ant Timpson, dem Gründer des legendären Independentfestivals betreut wird, sorgte einen Tag vorher der als Geheimtip des Festivals gehandelte Winnebago Man fürs Nerdgefühl. Der Verkäufer Jack Rebny wurde durch einen millionenfach auf YouTube gesehenen Zusammenschnitt seiner Flüche beim Dreh für einen Werbespot weltberühmt. Der Regisseur Ben Steinbauer spürte »den wütendsten Mann der Welt« auf. Steinbauer bastelt aus dieser Begegnung eine Dokumentation, die an der Grenze der emotionalen Ausbeutung des Protagonisten vorbeischrammt. Regisseur und Produzent waren vor Ort und brachten via Handy ihre Hauptfigur mit in den Saal. Als Jack, dessen moderate Ausführungen beklatscht worden waren, aufgefordert wurde, auf Neuseeland zu fluchen, weigert er sich. Zu sympathisch sei ihm das Land. Wer wolle schon das Paradies verfluchen?

Bill Gosden und sein Team (bestehend aus vier Festangestellten, einem Dutzend Honorarkräften, die von April bis August beschäftigt sind, und unzähligen Freiwilligen vor Ort – in neuseeländischen Kinos werden die Zuschauer platziert, das heißt, in jedem Saal arbeiten je nach Größe mindestens zwei Menschen, die einen mit der Taschenlampe zum Sitz begleiten, was dem Kinoerlebnis seine Aura zurückgibt) programmierten in Reihen wie »Masters« filmische Kunststücke von Varda über Breillat bis Jarmusch, fächerten den aktuellen internationalen Kanon in »Worlds of Difference« nach Kategorien der Kontroverse, des Erfolgs oder dem persönlichem Befund auf. Der Berliner Regisseur Christian Petzold war bereits zum zweiten Mal vertreten (Jerichow). Neben dem unvermeidlichen Der Baader Meinhof Komplex fand sich Nordwand, was der lokalen Leidenschaft fürs »Outdoor« geschuldet sein mag. Auch der Sundance-Kiss fehlte nicht: Adventureland sowie der kontrovers diskutierte Humpday waren zu sehen. Unter den 150 Filmen, die an den über 14 Tagen in Auckland in vier innerstädtischen Kinos gezeigt wurden und über 100.000 Zuschauer fanden, bleiben – subjektiv betrachtet – die Dokumentarfilme des indigenen Regisseurs Barry Barclay in Erinnerung, der im Februar 2008 starb und dessen geplante Würdigung auf dem Festival zu einer bewegenden Retrospektive seiner dokumentarischen Arbeit wurde. Meinem Helden dieser Tage, dem Achtjährigen, der mit seiner Kunst über den kannibalischen Alltag triumphiert, würde sich der neuseeländische Künstler Len Lye vielleicht am nächsten fühlen. Dessen Biograph Roger Horrocks präsentierte einige seiner restaurierten Filme. In einem Bewegungs- und Farbrausch zieht das Material, Zelluloid, auf das Lye malte, über die Leinwand. Es führt Farbflecke mit sich, die delirierend flackern, etwa im Loop bei Free Radicals von 1958. »Film is advanced art, not science, not education, nor box office – but utopia«, umriss Len Lye seine Erkenntnis nach dem Versuch, im Populären Fuß zu fassen und in der Werbung Arbeit zu finden. It’s hard to look after yourself in the playground when you’re different. 2009-07-28 14:41
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